Pflegeinitiative

«Es ist wichtig, die Bevölkerung zu sensibilisieren»

Der Sozialdemokrat Jean-François Steiert ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft
für Gesundheitspolitik (SGGP) und Mitglied der Freiburger Kantonsregierung. Von 2007 bis 2017 sass
er im Nationalrat. Er engagiert sich seit vielen Jahren in der Gesundheitspolitik.
Der Sozialdemokrat Jean-François Steiert ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspolitik (SGGP) und Mitglied der Freiburger Kantonsregierung. Von 2007 bis 2017 sass er im Nationalrat. Er engagiert sich seit vielen Jahren in der Gesundheitspolitik. Bild Françoise Taillens

Der Freiburger Gesundheitspolitiker Jean-François Steiert warnt die Gegner der Pflegeinitiative davor, nicht nur mit steigenden Kosten zu argumentieren. Entscheidend sei, dass sich die Stimmbürger in erster Linie als potenzielle Patientinnen und nicht als Prämienzahler sähen.

Von Françoise Taillens

Herr Steiert, welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit dem Gesundheitswesen gemacht?

Jean-François Steiert: Eine sehr frühe: Ich wuchs in einer Landarztfamilie auf. Die Praxis befand sich im Haus, die Patienten kamen manchmal zu uns, um einen Kaffee zu trinken. Und unser Vater redete viel über die Arbeit, auch über ihre sozialen Aspekte.

Sie haben sich früh in der Gesundheitspolitik engagiert.

Ja. Ich war früher Präsident einer Patientenschutzorganisation. Es waren übrigens oft die Pflegefachpersonen, die wegen Missständen oder falschen Therapieansätzen an uns gelangten.

Was haben Sie als Politiker unternommen, damit die Menschen auch im Jahr 2030 noch Pflege erhalten?

Mein Engagement dauert schon viele Jahre, in verschiedenen Funktionen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der FH-Ausbildung in der Romandie. Dabei stellte ich fest:

Pflegefachpersonen sind Schlüsselpersonen mit oft unterschätzten Kompetenzen, die nicht immer optimal genutzt werden, aus Tarif- und Prestigegründen.

Wie meinen Sie das?

Eine Studie der Fachhochschule in Lausanne analysierte die Aufgaben, die von Hausärzten und Pflegefachpersonen ausfgeführt werden. Die Überschneidungen sind frappant. Der Hausarzt führt aus Tarifgründen oft Tätigkeiten aus, für welche eine Pflegefachperson alle Kompetenzen mitbringt – ganz zu schweigen von ihrer Sozialkompetenz.

Haben Sie die Pflegeinitiative unterschrieben?

Ja, natürlich!

Welche Rolle spielt die SGGP in den aktuellen Diskussionen um die Gesundheitsversorgung?

Die SGGP vereint Vertreter aus dem Gesundheitsbereich aus der ganzen Schweiz, jeder kann seine Position darlegen. Wir wollen mit Kongressen, Publikationen und Analysen faktengestützte Impulse geben.

Aber viele Themen polarisieren.

Wo die Meinungen gemacht und die Fronten klar sind – ob auf der Basis von Tatsachen, oder nicht – ist es schwierig zu intervenieren.

Die Positionen haben sich in den letzten Jahren verhärtet.

Doch die SGGP versucht hier die Debatte zu öffnen.

Wie das?

Unser Vorstand besteht aus wichtigen Persönlichkeiten aus allen Bereichen des Gesundheitssystems. Wir bieten einen Rahmen, in dem offen diskutiert werden kann.

In gewissen Fragen müsste man jedoch Lösungen auf nationaler Ebene finden.

Angesichts der unterschiedlichen Interessen erfordert dies zweifellos den Aufbau eines für die Pflege günstigen Machtgleichgewichts.

Wo befinden sich darin die Pflegefachpersonen?

Sie haben die Pflegeinitiative. Aber es scheint als mache die erfolgreiche Unterschriftensammlung nicht allen Angst. Der Bundesrat hält die Situation nicht für gravierend und lehnt die Initiative ab. Weil es eben auch andere Interessen gibt.

Meiner Meinung nach liegt es nun am SBK als Initiant, das Parlament von einem indirekten Gegenvorschlag zu überzeugen.

Würde die Bevölkerung die Pflegeinitiative in einer Abstimmung unterstützen?

Ich bin kein Wahrsager. Aber solange die Menschen gesund sind, sehen sie sich vor allem als Prämienzahler.

Sobald es auf eine Volksabstimmung zugeht, werden die Gegner eine Kampagne fahren, in der sie behaupten, dass das alles furchtbar teuer wird.

Ich persönlich bin der gegenteiligen Meinung. 

Das Resultat einer Abstimmung wird davon abhängen, ob sich die Stimmenden eher als Prämienzahlerinnen oder als mögliche Patienten sehen, die eine Stärkung der Pflege wollen.

Die Sensibilisierung der Bevölkerung ist also sehr wichtig?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Bevölkerung die Auswirkungen dieser mangelnden Anerkennung der Pflege und ihre alltägliche Bedeutung begriffen hat. Die Sensibilsierungsarbeit und der Druck, den der SBK macht, sind wichtig.

Fakt ist: Die Pflege in der Schweiz ist unterfinanziert, was angesichts der Alterung der Bevölkerung zahlreiche generelle Fragen aufwirft.

 

Dieses Interview erschien in der Zeitschrift «Krankenpflege» des SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner), Nr.1/2019. Herzlichen Dank an die Redaktion für die Gelegenheit der Zweitverwertung!

erschienen: 29.01.2019

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