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Wandel verlangt Ambitionen, Mut und Empathie

Von der Idee bis zur Umsetzung ist es oft ein langer Weg.
Von der Idee bis zur Umsetzung ist es oft ein langer Weg. Bild PD

Im Alters- und Gesundheitswesen braucht es neue Lösungen und Modelle. David Bosshart, Trendforscher und CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts GDI, wirft einen scharfen Blick auf zentrale Fragen des gesellschaftlichen Wandels.

Von David Bosshart

Wir wissen immer mehr: über uns selbst, unsere Krankheiten, über unsere Gesellschaft. Noch nie waren wir so transparent. Doch alles Wissen zeigt uns auch unsere Schwächen, unsere Grenzen. Jeder technische oder medizinische Fortschritt ist gleichzeitig eine Enttäuschung, denn mit jedem gelösten Problem tauchen zehn neue Fragen auf.

Trotzdem gibt es keine Alternative zu mehr Wissen. Eine Verweigerung würde zu Fanatismus und Fake News führen. Mehr Wissen ist aber nicht per se eine Verbesserung, denn für einen Wandel braucht es neben Wissen auch die emotionale Ebene, die das Wissen akzeptiert.

Wandel braucht Zeit. Auch weil es um Macht geht. Macht ist sexy.

Niemand gibt in einer Hierarchie gerne Macht ab. Man hat jahrelang für etwas gekämpft, etwas erreicht – und jetzt soll man es aufgeben?

David Bosshart
David Bosshart Bild PD

Die Hoffnung, die Dinge würden so bleiben wie immer, macht uns schwerfällig. Auch unser politisches System erschwert den Wandel, denn die Demokratie sucht ständig nach Kompromissen und verweigert sich direkten, unpopulären, ja vielleicht sogar autoritären Lösungen.

Das ist gut, aber es hemmt den Wandel. Die zunehmende Komplexität der Dinge und die Fragmentierung der Interessen lösen bei uns Stress aus.

Dieser Stress fördert gewisse Trends: zum Beispiel die Hinwendung zu gemeinschaftlicher statt zu individualistischer Identifikation («Gruppeneffekt») oder zu emotionalen statt rationalen Entscheidungen. Temporäre, bedarfsorientierte Lösungen erhalten den Vorzug vor langfristiger Planung.

Ambulante Lösungen kommen vor stationären, nicht nur in der Medizin.

Wir müssen jedoch akzeptieren, dass ein komplexeres Umfeld die Vertrauensbildung verzögert.

Schauen wir zum Beispiel auf kleine Kantone, wo man sich gut kennt und die Wege kurz sind: Plötzlich soll auf nationaler oder gar globaler Ebene entschieden werden. Wandel braucht aber Vertrauen – wofür Geduld nötig ist: Es entsteht nicht von heute aufmorgen.

Was verhindert den Wandel?

Die grosse Gefahr liegt darin, keine Lösungen zu finden und einfach weiter zu machen wie bisher. Das ebnet den Weg in den Populismus und zu extremen Positionen. Wenn die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Wandel fehlen, gelingt er nicht.

Wenn Fortschrittskonservatismus, Moralismus und Gleichgültigkeit dominieren und der Druck zu Veränderungen fehlt, weil man zum Beispiel immer genug Geld verteilen kann, passieren keine strukturellenVeränderungen.

Die Wohlstandsfalle, in der alles langsam, gut und teuer zu sein hat, verunmöglicht Wandel.

 Lobbyismus, Polarisierung und Perfektionismus lähmen Wandel ebenso wie die Unfähigkeit, die Komplexität der Dinge zu vereinfachen.

Was braucht der Wandel?

In erster Linie braucht Wandel unsere Bereitschaft zu neuen Lösungen. Das verlangt Mut in vielerlei Hinsicht: Mut, die Realität zu sehen, nach Verbesserungen zu suchen, Visionen zu entwickeln und sie umzusetzen. Den Mut, nicht perfekt zu sein.

Mut zum Risiko, etwas könnte auch schief gehen. Und Mut zur Bereitschaft, sogar Einbussen hinzunehmen, um etwas anderes zu verbessern. Ausserdem braucht es einen durchsetzungsfähigen Staat, der moderiert und die Dinge in die Hand nimmt.

Wie geht Wandel?

Wandel funktioniert durch Menschen mit Ambitionen. Menschen, die auf andere hören und mit ihnen Lösungen suchen. Wandel kommt selten von innen – dort ist man mit sich selbst beschäftigt.

Wandel entsteht durch Mutige von aussen, denen man vorwirft, keine Ahnung zu haben.

Wandel kommt von denen, die es besser können, nicht besser wissen. Denn Können bedeutet, Know-how zu nutzen. Erkennen wir die Expertise anderer an, sind wir offen für hybride, gebrauchsfertige Lösungen!

Wandel geht, wenn wir unsere Daten und Leistungen teilen und uns vernetzen. Wir müssen die Welt nicht neu erfinden. Neue Formen des Zusammenlebens werden kommen, von denen wir noch keine Ahnung haben.

Empathie, also Einfühlungsvermögen, ist heute in aller Munde. Wir brauchen sie nicht nur für andere Menschen. Wir brauchen auch Empathie für den Wandel.

Dieser Text ist eine Zusammenfassung des Referates, das David Bosshart an der Herbsttagung 2018 der Walder Stiftung in Zürich hielt. Wir bedanken uns bei David Bosshart und der Walder Stiftung für diesen Beitrag!

→ Hier geht es zur Website der Walder Stiftung

→ Hier geht es zur Website des Gottlieb Duttweiler Institutes

erschienen: 12.12.2018

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