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Die neuen Freiwilligen wollen mitreden

Schweizerinnen und Schweizer leisten pro Jahr Freiwilligenarbeit im Wert von über 30 Milliarden Franken.
Schweizerinnen und Schweizer leisten pro Jahr Freiwilligenarbeit im Wert von über 30 Milliarden Franken. Bild PD

Freiwillige Arbeit ist eine tragende Säule unseres Sozial- und Gesundheitssystems. Das freiwillige Engagement in Vereinen und Organisationen ist jedoch rückläufig. Mehr Teilhabe, Vertrauen und Vernetzung – und weniger Regulierung können diesen Trend stoppen.

Von Jakub Samochowiec

Das Bundesamt für Statistik schätzt, dass Schweizerinnen und Schweizer im Jahr 2016 gemeinnützige Freiwilligenarbeit im Wert von 34 Milliarden Franken leisteten. Darin nicht eingerechnet sind die positiven Nebeneffekte der Freiwilligkeit: Sie fördert gesellschaftliche Vernetzung und damit auch Vertrauen.

Es muss nicht alles vertraglich geregelt werden. Das vereinfacht den Umgang miteinander. Es senkt Transaktionskosten. Wohlstand und Engagement hängen darum zusammen.

Formelle Freiwilligenarbeit, das Engagement in Vereinen und Organisationen, ist jedoch rückläufig, weil unsere Bindung an Strukturen wie Familie, Wohnort, religiöse Gemeinschaften oder Geschlechterstereotypen in unserer Multioptionsgesellschaft schwächer wird.

Wir werden nicht mehr in eine bestimmte Rolle hineingeboren. Stattdessen nimmt der Individualismus zu.

Wir lassen uns nicht mehr einfach sagen, was zu tun ist.

Das ist an sich auch nicht schlimm, da Individualismus nicht mit Egoismus gleichzusetzen ist. Menschen in individualistischen Ländern zeigen mehr Vertrauen gegenüber fremden Menschen, eine wichtige Voraussetzung für Engagement.

Doch fehlen oftmals die Kontaktpunkte zu Engagement, wenn klassische Strukturen wegbrechen. Denn viele sind über die Familie, die Kirche oder die Dorfgemeinschaft zu freiwilligem Engagement gekommen.

Oftmals stellen Gemeinden oder Organisationen die Frage, wie sie Menschen motivieren, gewisse Aufgaben freiwillig auszuführen. Wie kriegt man Leute dazu, das Essen aus einem Altersheim ins andere zu fahren? Gratis versteht sich. Wie kann man Leute dazu bringen, im Dorfmuseum unbezahlt die Archivierung durchzuführen?

Hilft da vielleicht eine Freiwilligen-App? Wenn sie beispielsweise alle zu erledigenden Arbeiten im Umkreis von zehn Kilometern anzeigt? Oder sollen in einem Gamification-Ansatz Auszeichnungen für Errungenschaften wie beispielsweise zehn ausgeführte Hilfeleistungen einführt werden?

Paradigmenwechsel nötig

Zweifellos haben digitale Plattformen, was die Koordination von freiwilligem Engagement angeht, ein grosses Potenzial. Wichtig ist aber auch, dass bei der Förderung freiwilligen Engagements ein Paradigmenwechsel stattfindet.

Es darf nicht nur darum gehen, dass man alte Strukturen wie bestehende Vereine und Organisationen am Leben erhält oder wie man dafür sorgt, dass bestimmte vordefinierte Aufgaben, die bisher von der Zivilgesellschaft erfüllt wurden, weiterhin freiwillig erfüllt werden.

Mindestens so wichtig ist es, Bemühungen darin zu legen, neue Strukturen entstehen zu lassen. Dabei steht die konkrete Aufgabenerfüllung nicht im Vordergrund. Wichtig ist erstmal, dass Menschen sich vernetzen und dass Vertrauen geschaffen wird, auch wenn es sich dabei um Projekte handelt, die Spass machen und nicht nur solche, die dringende gesellschaftliche Probleme lösen.

Heutige Freiwillige wollen vermehrt mitreden und mitgestalten.

Sie sind an Aufgaben interessiert, die Freude machen und auch der eigenen Entwicklung förderlich sind.

Man kann einwenden, dass es dem Gemeinwesen wenig nütze, wenn Selbstverwirklichung statt Pflicht im Vordergrund steht. Aber selbst wenn jemand nur aus Eigennutz ein Grillfest im Quartier organisiert, entstehen dadurch soziale Strukturen in der Nachbarschaft, wodurch man sich eher in Notlagen hilft.

Auch wird gewissen Problemen vorgebeugt. So vereinsamen ältere Menschen weniger, wenn sie in die Nachbarschaft eingebunden sind.

Aufgaben neu verteilen

Natürlich kann es sein, dass gewisse Aufgaben nicht mehr von Freiwilligen erledigt werden und an Staat oder Markt abgegeben werden müssen. Dass aber Aufgaben zwischen Zivilgesellschaft, Staat und Markt neu verteilt werden, ist nichts Neues und auch nichts Schlimmes.

Bildung etwa war eine Zeit lang eine zivilgesellschaftliche Aufgabe, bevor sie an den Staat überging. Und Enzyklopädien wurden von Verlagen herausgegeben, bis Wikipedia übernahm. Wenige trauern den vergangenen Zeiten nach.

Für das Entstehen neuer sozialer Strukturen sind Freiräume nötig.

Das können physische Räume sein, wie städtische Brachen, die ausserhalb einer Marktlogik funktionieren und in Gemeinschaftsgärten oder Kulturstätten umgewandelt werden.

Gemeinden und Städte können dafür sorgen, dass solche Räume zur Verfügung stehen, in denen sich neue Strukturen bilden können. Das setzt voraus, dass sie solche Räume vom Markt fernhalten, was nicht immer einfach ist. Denn ökonomische Rendite ist einfacher zu berechnen als die soziale Rendite beispielsweise eines Quartiertreffpunktes.

Freiräume können auch entstehen, wenn sich Freiwillige nicht um administrative Aufgaben kümmern müssen, sondern wirklich anpacken können.

Vielleicht macht es Sinn, für gewisse Aufgabenbereiche die Administration von Profis erledigen zu lassen, damit die Freiwilligen sich um die grossen Fragen und nicht um Papierkram kümmern können.

Oft werden Freiräume aber von Gemeinden, vom Staat und von Organisationen jedoch durch Regulierungen und wenig Vertrauen eingeschränkt.

Wer zum Beispiel regelmässig zu Hause gegen einen Unkostenbeitrag Fremde bekocht, verstösst gegen das Wirtegesetz. Feuerpolizeiliche Anforderungen können Hindernisse für Engagements im Kulturbereich sein.

Die Angst vor juristischen Konsequenzen ist ein ständiger Begleiter vieler zivilgesellschaftlicher Unterfangen. Wer haftet, wenn sich jemand verletzt oder etwas kaputtgeht? Auf der Freiwilligenplattform benevol-jobs.ch dürfen infolgedessen nur offizielle Einsatzorganisationen Aufgaben ausschreiben.

Gemeinschaftszentren zögern, sich eine Holzwerkstatt zuzulegen, weil diese bei einem Unfall womöglich gleich wieder geschlossen werden könnte. Auch Förderverträge von Stiftungen wachsen jährlich um eine Seite, um alle nur denkbaren zusätzlichen Eventualitäten auszuschliessen.

Helfende mitgestalten lassen

Um Freiräume zu gewähren, ist weniger oft mehr. Eine Fehlerkultur, wie sie in der Wirtschaft seit längerem gepredigt wird, wäre auch für die Zivilgesellschaft wichtig. Staat, Stiftungen, Einsatzorganisationen und die Gesellschaft als Ganzes sollten Fehlschläge, Misserfolge und selbst Missbräuche bewusst in Kauf nehmen.

Individuen dürfen vom Staat keine 100-prozentige Sicherheit erwarten, da dies anderweitige Freiheiten einschränkt. 

Organisationen müssen Helfende stärker in die Diskussion zur Zielsetzung und Zielerreichung einbeziehen, sodass Freiwillige nicht nur ausführen, sondern auch mitgestalten können. Aus Helfenden müssen Teilnehmende werden.

Um die Entfaltung der Zivilgesellschaft nicht zu behindern, muss Kontrolle aus der Hand gegeben werden. Es soll möglichst wenig vorgeschrieben und reguliert werden. Das Betreten von Freiräumen ist immer mit Risiken verbunden. Will man Menschen vor allen Risiken bewahren, untergräbt man die Freiwilligkeit.

Jakub Samochowiec hat den hier vorliegenden Text im November 2018 im Rahmen der Herbsttagung der Walder Stiftung in Zürich vorgetragen. Wir bedanken uns beim Autor und bei der Walder Stiftung für diesen Beitrag! 

erschienen: 13.11.2018

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