Die Pflegehexe

Es braucht Visionen

«Jetzt geht es darum, aufzustehen, sich seiner eigenen Verantwortung bewusst zu werden, Visionen zu haben und Forderungen zu stellen.»
«Jetzt geht es darum, aufzustehen, sich seiner eigenen Verantwortung bewusst zu werden, Visionen zu haben und Forderungen zu stellen.» Bild Daniel Kellenberger

Die Pflegehexe will das Gesundheitswesen neu gestalten. Dazu braucht es die schöpferische Kraft und die gegenseitige Inspiration aller Beteiligten. In der Verantwortung steht auch der Bundesrat, der eben die Pflegeinitiative ohne Gegenvorschlag abgelehnt hat.

Von Madame Malevizia

Immer wieder ist in den Medien der Fachkräftemangel in der Pflege ein Thema. So wurde beispielsweise über eine Studie berichtet, welche belegt, was Pflegende schon lange wissen: Die Pflegequalität in den Heimen nimmt ab. Dies hat einen direkten Zusammenhang mit den abnehmenden Zahlen der Pflegefachkräfte.

Madame Malevizia.
Madame Malevizia. Bild Eve Kohler

«Welch eine Erkenntnis!», war meine Reaktion auf Facebook. Sarkastisch wie immer. Doch warum ärgern mich diese Berichte so sehr? Es ist doch gut, wenn der Fachkräftemangel endlich zum öffentlichen Thema wird! Dies ist doch eines meiner Ziele.

Diese Fragen habe ich mir gestellt und erkannt: Weil mir das nicht reicht und nicht reichen darf. Es reicht mir nicht, wenn in den Medien nostradamisch georakelt wird, dass der Fachkräftemangel weiter zunehmen, die Pflegequalität weiter abnehmen und ein würdiges Leben und Sterben nicht mehr möglich sein werde.

Es reicht nicht, weil sich so nichts bewegt. Die Politik nicht, – was der Bundesrat mit der Ablehnung der Pflegeinitiative ohne Gegenvorschlag jüngst wieder eindrücklich bewiesen hat – aber eben auch die Pflegenden selbst nicht.

Ich bin der Auffassung, dass sich Pflegende nun lange genug im Leid gesuhlt haben. Entschuldigt diese Ausdrucksweise, aber es ist so. Es ist absolut richtig, die Dinge beim Namen zu nennen.

Es ist richtig, nichts schön zu reden und es ist auch richtig, sich nicht den Mund verbieten zu lassen.

Jetzt geht es darum, aufzustehen, sich seiner eigenen Verantwortung bewusst zu werden, Visionen zu haben und Forderungen zu stellen. Ich bin Pflegehexe. In mir ist eine Magierin, die mit Fürsorge zur Heilerin wird, die mich immer noch ans Patientenbett führt. Das ist meine Berufung.

In mir ist aber auch eine Kriegerin, die unter dem Banner der Menschlichkeit reitet. Sie ist die, die mich an die Öffentlichkeit treten liess. Sie ist es, die immer lauter allen Pflegenden zuruft: «Aufstehen, anpacken, mitgestalten!»

Heute morgen schaute ich ein Video der Pädagogin und Charakterprofilerin Suzanne Grieger-Lange. Sie hat mich zu folgenden Gedanken inspiriert:

Das Gesundheitswesen liegt am Boden. Ich glaube nicht, dass es in der momentan bestehenden Form reanimierbar ist. Ich bin aber überzeugt, dass es neu gestaltbar ist.

Dazu braucht es ein neues Denken, und die Bereitschaft aller Player im Gesundheitswesen, sich schöpferisch zu betätigen.

Dazu müssen wir alle aufhören, zu glauben, dass Interventionen, die bis sich bereits als ungenügend erwiesen haben, plötzlich ausreichen könnten.

Ein Beispiel ist die Rekrutierung von Pflegefachpersonen im Ausland. Die Schweiz versucht dies seit Jahren. Allerdings ist der Markt weltweit ausgetrocknet. Es ist utopisch, mit diesem Konzept auf einen grünen Zweig zu kommen.

Der neue Gesundheitsminister von Deutschland, Jens Spahn, will ebenfalls versuchen, mehr Pflegefachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. Und wundert sich nun, dass die Pflegefachkräfte in Deutschland ihn mit einem Shitstorm überziehen.

Im Gesundheitswesen ist ein Denken in Referenzpunkten gefragt. Ein Denken, dass an neue Möglichkeiten glaubt und diese durchzieht. Es ist möglich, dass ein Schwarzer amerikanischer Präsident wird – Barak Obama hat es bewiesen. Es ist möglich, die Rassentrennung zu überwinden – Martin Luther King hat das eindrücklich gezeigt.

Das Aussergewöhnliche muss als Möglichkeit in Betracht gezogen und zu Ende gedacht und gebracht werden.

Ich wünschte mir, dass alle Player im Gesundheitswesen beginnen, sich gegenseitig zu inspirieren. Anstatt sich weiterhin zu konkurrenzieren und den schwarzen Peter einander zuzuschieben, müssen sie diese Energie nutzen, um wirklich Neues zu entwickeln. So kämen wir einen grossen Schritt weiter.

Das Gesundheitswesen braucht Visionen. Wo soll es hingehen? Es braucht eine Orientierung an den Werten. Die Sinnfrage muss gestellt und beantwortet werden. Es müssen Entscheidungen gefällt werden – grosse und beherzte Entscheidungen.

Der Fokus muss definiert werden. Es ist Disziplin gefragt. Dranbleiben, die eigene Berufung muss gelebt werden. Es braucht hier Menschen, die für etwas brennen. Es braucht Achtsamkeit, sich mit denen zu vernetzen und mit jenen zusammenzuarbeiten, sich inspirieren zu lassen. Es braucht Lust, um vorwärts zu gehen und Neues zu lernen.

Dies alles kann gelingen, wenn alle Player – Krankenkassen, Politikerinnen und Politiker, Ärztinnen und Ärzte, Managerinnen und Manager, Pflegedienstleiterinnen und Pflegedienstleiter, Heimleiterinnen und Heimleiter, Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner, Fachfrauen Gesundheit und Fachmänner Gesundheit, Assistentinnen und Assistenten Gesundheit – ihre Individualität einbringen und leben können.

Eure Madame Malevizia

 

erschienen: 11.11.2018

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