Die Pflegehexe

Die vier ethischen Prinzipien

Nicht nur beim Essen und Trinken sollen die Bewohner das Tempo bestimmen – und nicht der Spardruck.
Nicht nur beim Essen und Trinken sollen die Bewohner das Tempo bestimmen – und nicht der Spardruck. Bild Daniel Kellenberger

Die Pflegehexe verlangt die Einhaltung von verschiedenen ethischen Prinzipien. Sie findet, eine Revolution der Gerechtigkeit wäre angebracht im Gesundheitswesen.

Von Madame Malevizia

Immer wieder schreibe ich von den ethischen Fragen und Dilemmas, denen Pflegende täglich gegenüberstehen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Politik auf die so wichtigen Aspekte der Kosten des Personals aufmerksam zu machen. Heute erläutere ich, was auf dem Spiel steht, wenn die Politik nicht endlich umdenkt und nach geeigneten Lösungen sucht.

Ich stütze mich bei diesem Beitrag auf die ethischen Prinzipien: Autonomie, Gutes tun, nicht schaden wollen und Gerechtigkeit. Als Denkanstoss nutze ich die Broschüre «Ethik und Pflegepraxis» des Personalverbandes SBK von 2013.

Autonomie: Dieses Wort begegnet mir immer wieder. Mir scheint, die Autonomie ist in der Schweiz ein zentrales Gut. Dies zeigen zum Beispiel die Diskussionen über die bilateralen Verträge und den EU-Beitritt. Fremde Richter? Kommen nicht in Frage!

Ebenfalls ins Prinzip der Autonomie gehört die offenbar riesige Angst vor Abhängigkeit.

Immer wieder höre und lese ich: «Wenn ich mal nicht mehr selbst kann, mache ich Schluss.» Dies zeigt deutlich: Die Autonomie von Kranken ist in Gefahr.

Die Pflegehexe Madame Malevizia
Die Pflegehexe Madame Malevizia Bild Eve Kohler

Sie ist in Gefahr, weil der Personalmangel dafür sorgt, dass es nicht der körperlich stark eingeschränkte Mensch ist, der bestimmt, wann er aufsteht, sondern der Zeitplan der Pflegenden. Es ist dem Personalmangel zu verdanken, dass Essen einfach eingegeben wird, weil es schneller geht, als den Betroffenen zu führen und ihn so zumindest das Tempo bestimmen zu lassen.

Solche Förderungen sind unmöglich, weil sonst die letzte Patientin oder der letzte Patient erst um 14 Uhr das Mittagessen bekommen würde. Es braucht Zeit, Angehörigen zu erklären, dass die Autonomie eines hochdementen Menschen bedeuten kann, ihn selbst herum gehen zu lassen – auch wenn man dadurch Stürze in Kauf nimmt.

Zeit, die häufig nicht da ist, weil solche Gespräche nicht abgerechnet werden können. Dasselbe gilt für Beratungen, die meist spontan entstehen, wenn es um den Umgang mit bestimmten Krankheitssymptomen geht. Die Reserve zu verabreichen geht schneller.

Der Betroffene bleibt hilflos, kann seine Genesung nicht selbst beeinflussen.

Es braucht Zeit, gebrechliche alte Menschen nachts auf die Toilette zu begleiten, der Topf geht viel schneller. Gerade in der Nacht, in der Pflegende oft allein sind, zählt jede Minute.

Autonomie wird als sehr wichtig betrachtet, kann jedoch nicht gemessen und auch nicht bezahlt werden. Deshalb kommt sie in den strategischen Überlegungen von Politik und Wirtschaft nicht vor.

Gutes tun: Dieses Prinzip zeigt deutlich, weshalb jedes noch so ausgeklügelte Computersystem, jeder noch so menschlich aussehende Roboter niemals Pflegende ersetzen kann. Leider ist es auch ein Prinzip, das nicht in Zahlen ausgedrückt werden kann.

Somit ist es auch nicht bezahlbar. Gutes tun ist dann gefragt, wenn Menschen eine lebensbedrohliche Diagnose erhalten.

Es sind jene Minuten, die sich Pflegende nehmen, um eine Hand zu halten.

Es ist die Anteilnahme gegenüber Angehörigen, für die gerade in diesem Moment die Welt stehen geblieben ist, weil ein ihnen lieber Mensch verstorben ist. Gutes tun, ist das, was nicht gelernt werden kann. Es ist ein Teil unserer Berufung.

Wenn Pflegende sich nicht mehr die Zeit nehmen können, um einen Patienten zum Essen zu motivieren, ist Gutes tun weit weg. Es ist in Gefahr, wenn Pflegende nicht mehr die Kraft haben, sich für einen schmerzgeplagten Patienten einzusetzen, damit dieser eine angemessene Linderung erhält.

Nicht schaden wollen: So banal dieses Prinzip daherkommt, so vielschichtig und gefährdet ist es. Es ist gefährdet, wenn Pflegende keine Chance mehr haben, Patientenrufe innert nützlicher Frist zu beantworten.

Ein Ruf heisst immer: Jemand braucht etwas, das für sein Wohlbefinden wichtig ist.

Manchmal sind sogar Leib und Leben davon abhängig, dass dieser Ruf jetzt beantwortet wird. Dem Ruf ist jedoch nicht anzusehen, wo welche Not herrscht.

Das Beispiel des Patienten in seinen Exkrementen benutzte ich schon häufig. Dabei geht es nicht ausschliesslich um das Prinzip nicht schaden wollen, aber es ist bei diesem Beispiel von zentraler Bedeutung.

Wie erniedrigend und würdelos es für einen Menschen sein muss, in seinen eigenen Körperflüssigkeiten zu liegen, brauche ich nicht zu erklären. Auch das richtet Schaden an. Ein weiterer Aspekt ist die Haut, die durch Körperflüssigkeiten aufgeweicht und beschädigt wird.

Nicht schaden wollen heisst, demente Menschen nicht mit körperlicher Gewalt zur Körperpflege zu zwingen, sondern den richtigen Moment abzuwarten oder zu schaffen. Dies gelingt nur, wenn zeitliche und personelle Ressourcen vorhanden sind.

Gerechtigkeit: Wenn ich dieses Wort lese, kommt mir unweigerlich die Französische Revolution in den Sinn. Aber darum geht es hier ja nicht. Obwohl: Eine Revolution für die Gerechtigkeit wäre im Gesundheitswesen durchaus angebracht.

Ich frage mich, wo diese Gerechtigkeit ist. Wo ist sie, wenn Einrichtungen Schutzhandschuhe und Inkontinenzeinlagen rationieren, um Geld zu sparen? Solche Zustände gibt es, in Deutschland sind sie öffentlich gemacht worden. Ich bin überzeugt, dass es solche Dinge auch in der Schweiz gibt.

Ich vermisse die Gerechtigkeit, wenn die Versicherung bestimmt, wer in einem Einzel- oder Mehrbettzimmer liegt – und nicht der Gesundheitszustand. Ich weiss, wie viel Überzeugungsarbeit Bettendisponenten leisten müssen, wenn ein Patient aufgrund seines Zustandes in ein Einzelzimmer verlegt werden muss.

Ich vermisse die Gerechtigkeit, wenn Pflegende ihre wertvolle Zeit mit immer mehr administrativen Aufgaben verbringen müssen.

Da gibt es Absurdes zu sehen. Der Umstand, dass Pflegende in vielen Institutionen von anderen Disziplinen Aufgaben zugewiesen bekommen, ist nicht gerecht.

Diese Aufgaben reichen von Frühstücksgeschirr abwaschen bis Abfallsäcke leeren. Frei nach dem Motto: Könnte die Pflege nicht auch noch…? Dafür bekommen Pflegende nichts zurück, kein Geld, keine Zeit. Wo ist da die Gerechtigkeit?

Das ist nur ein Bruchteil dessen, was an ethischen und moralischen Konflikten auf dem Rücken der Pflegenden ausgetragen wird. Jede Sparrunde der Kantone und des Bundes verschärft dieses Problem.

Von den Politikern verlange ich, dass sie sich dem stellen.

Sie haben diesen Beruf gewählt, sie müssen die Verantwortung übernehmen. Auch die Pflegenden haben diesen Beruf (für mich gibt es noch immer keinen schöneren) gewählt.

Es ist jetzt an ihnen, sich für die Wahrung der ethischen Prinzipien einzusetzen. Sei dies im Kleinen an ihrem Arbeitsplatz (alles muss nicht hingenommen werden), in Diskussionen mit der Familie oder im Freundeskreis, oder im Grossen, durch Engagement in Berufsverbänden oder Gewerkschaften.

Auch alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind gefragt, wenn es darum geht, ob und wie die ethischen Prinzipien im Gesundheitswesen ihren Platz haben. Sie sind es, die wählen und abstimmen. Sie sind es, die bestimmen, wer bei den nächsten Sparrunden entscheidet, wo Geld eingespart wird.

In diesem Sinne wünsche ich unseren Politikern den Mut, sich diesen schwierigen und ebenso wichtigen Themen zu stellen.

Den Pflegenden wünsche ich die Kraft, weiterhin alles in ihrer Macht Stehende zu tun, dass die ethischen Prinzipien in ihren Arbeitsbereichen gelebt werden können.

Den Bürgerinnen und Bürgern wünsche ich die Weitsicht, Volksvertreter zu wählen, die bereit sind, die Ethik über den Profit zu stellen.

Ich wünsche Euch allen Gesundheit. Sie ist das höchste Gut, das keiner kaufen kann.

Eure Madame Malevizia

erschienen: 30.10.2018

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