Bürokratie

Kontrolliert werden nur die Buchstaben

Im Demenz-Zentrum Sonnweid gab es im ersten Halbjahr 2018 acht Pflegecontrollings.
Im Demenz-Zentrum Sonnweid gab es im ersten Halbjahr 2018 acht Pflegecontrollings. Bild PD

Immer häufiger müssen sich Institutionen wie die Sonnweid «Pflegecontrollings» der Krankenkassen stellen. Die tatsächliche Pflegeleistung spielt dabei keine Rolle, weil sich die Prüfenden nur für Papiere und mögliche Einsparungen interessieren.

Von Gerd Kehrein

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» – wir müssen wohl damit leben, dass die Kostenträger diesem Prinzip folgen. Gegen das eigentliche Ziel der Kontrolle, die Überprüfung der Richtigkeit einer Pflegestufe, haben wir nichts einzuwenden.

Und eigentlich haben wir auch ganz allgemein gegen externe Kontrollen nichts einzuwenden, stellen doch alle Gäste, Besucherinnen und Angehörige, die tagtäglich bei uns ein und aus gehen, in gewisser Weise auch immer eine Kontrolle unserer Arbeit dar.

All diese Menschen erleben uns in unserem Alltag hautnah. Sie sehen, was wir tun, wie wir es tun und mit welchem Ergebnis wir es tun. Sie geben uns Rückmeldungen und zeigen uns damit immer wieder auf, was uns gut gelingt und was wir noch weiterentwickeln können. Über diese Art der Kontrolle freuen wir uns, ihr stellen wir uns gerne.

Wie gestaltet sich demgegen­über ein Pflegecontrolling?

Variante 1: 
Eine Krankenkasse bittet uns schriftlich um die Zustellung diver­ser Dokumente, welche die ausgewiesene Pflegestufe belegen sollen. Eine Vertreterin der Kasse prüft dann an ihrem Arbeitsplatz, ob die von uns erstellte Pflege­dokumentation die Aussagen und Informationen enthält, welche das Erfassungssystem RAI* als Nachweis für die Richtigkeit der Pflegestufe vorgibt. Es wird nicht geprüft, was wir tun, warum wir es tun, wie wir es tun, mit welchem Ergebnis wir es tun – nein, es wird nur geprüft, was wir, und vor allem auch, wie wir es aufgeschrieben haben. 

Variante 2: 
Eine Vertreterin der Krankenkasse meldet sich zu einem Pflegecon­trolling vor Ort an. Sie vereinbart einen Termin und informiert uns, welche Einstufungen sie überprüfen wird. Am vereinbarten Termin begutachtet sie dann (wie bei Variante 1) die relevanten Dokumente und fällt ihren Entscheid. Einige Kassenvertreterinnen suchen ergänzend zur Dokumentation noch das Gespräch mit den Pflegenden, andere verzichten darauf. Auch bei dieser Variante geht es also um das Geschriebene, teilweise ergänzt durch mündliche Ausführungen, nicht aber um das tatsächlich Geschehene. Es zählt, was und wie es auf dem Papier steht.

Beide Varianten entsprechen den heutigen rechtlichen Voraussetzungen, sie sind vertraglich legitimiert.

Bei beiden Varianten spielt die subjektive Meinung der Prüferin eine entscheidende Rolle.

Die Begründungen für die Beurteilungen sind häufig sehr individuell geprägt, manchmal sogar widersprüchlich formuliert. 

Von Januar bis Juni 2018 erleb­ten wir in der Sonnweid insgesamt acht Pflegecontrollings. Dabei wurde die Korrektheit der von uns über das System RAI generierten Pflegestufen von 25 Bewohnenden überprüft – durch ehemalige Wohngemeinden und durch verschiedene Krankenkassen.

Dienen diese Kontrollen nun auch denen, um die es geht – den Menschen, die bei uns leben? Füh­ren sie, und die damit eingeforder­te Dokumentation, zu dem, was die Kassen in ihrer Selbstdarstellung versprechen: «ganz persönlich», «Orientierung an den Bedürfnis­sen unserer Kunden», «die Ge­­­sundheit im Mittelpunkt», «mit Ein­schränkungen gut leben können»? Wir glauben: NEIN.

Ein Pflege­controlling in der heutigen Form führt nicht zu mehr Qualität in der Betreuung!

Es behindert diese sogar, weil es die Mitarbeitenden dazu drängt, ihre Zeit am Schreib­tisch und nicht bei den Menschen zu verbringen.

Wir werden aufge­fordert, das, was wir tun, möglichst häufig, möglichst ausführlich und möglichst in einer Sprache, die nicht immer unsere Alltagssprache ist, zu dokumentieren. Ob diese Dokumentation den Menschen nutzt, interessiert nicht und wird auch nicht geprüft.

Hauptsache, das Papier ist voll.

Das Controlling prüft nicht die Realität, sondern das zu Papier gebrachte Abbild der Realität. Aus einem wissenschaftlichen Blick­­winkel heraus kann sogar gesagt werden, dass die Form des Controllings zwei grundlegende Gütekriterien von Messungen oder Erhebungen missachtet: die Validi­tät und die Objektivität. 

Das Controlling ist nicht valide – es prüft nicht, ob der Pflegebedarf und die Pflegeleistung die Pflegestufe rechtfertigen, es prüft nur, ob die Pflegestufe in der Dokumentation erkennbar ist. Das Controlling ist nicht objektiv – es ist stark beeinflusst von der durchführenden Person, ihrer Interpretation der Systemvorgaben und ihrer Bewertung unserer Dokumentation.

Von den 25 überprüften Pflege­stufen im ersten Halbjahr 2018 wurden 19 bedingungslos und 3 nach Überarbeitung der Dokumentation auf einen späteren Zeitpunkt bestätigt. 2 Stufen wurden nach unten korrigiert, eine aber auch nach oben.

In der Summe kann man also sagen, dass unsere Einstufungen in einem hohen Mass einem Controlling standhalten, einzelne Einstufungen aber auch nicht akzeptiert werden.

Und das ist wohl das Ziel der Kassen und der Gemeinden – wenigstens einige Einstufungen nach unten zu korrigieren, um die Stellen der Controllerinnenfinanzieren zu können und am Ende noch ein paar Franken «Gewinn» auszuweisen.

So lohnt sich für sie das Verfahren.

Die administrative Belastung der Betreuenden und der damit einhergehende Verlust an Betreuungsqualität für die betroffenen Menschen werden billigend in Kauf genommen, dies ist ja nicht messbar und so in keiner zum Jahresendevorliegenden Bilanz erkennbar.

Willkommen in einem Sozial­wesen der Gewinn­maximierung von Versicherungskonzernen und der Sparprogramme von Gemeinden! 

erschienen: 23.10.2018

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