Die Pflegehexe

Die Kranken sind wichtiger als die Krankenkassen!

Pflegematerial wie Verbände werden von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt.
Pflegematerial wie Verbände werden von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt. Bild PD

Neuerdings bleibt die Pflegehexe auf den Kosten für Verbandsmaterial, Spritzen und Einlagen sitzen. In einem offenen Brief fordert sie die Politik auf, die Interessen der Kranken über das Wohlergehen der Krankenkassen zu stellen.

Von Madame Malevizia

Werte Damen und Herren Politiker

Ein Maler benötigt Farbe und Pinsel, um eine Wand zu streichen.

Ein Maurer benötigt Steine und Mörtel, um eine Wand zu machen.

Ein Bäcker benötigt Mehl, Hefe, Wasser und einige andere Dinge, um einen Teig zu machen.

Und Pflegende benötigen Verbandsmaterial, um Wunden fachgerecht zu versorgen.

Während Maler, Maurer und Bäcker selbstverständlich ihren Materialverbrauch in Rechnung stellen, wird dies den Pflegenden verwehrt.

Pflegehexe Madame Malevizia
Pflegehexe Madame Malevizia Bild Eve Kohler

Mit dem Entscheid des Schweizer Bundesgerichtes werden Materialkosten nicht mehr von den Krankenversicherungen übernommen.

Für dieses Problem fühlt sich offenbar niemand zuständig. Die Verantwortung wird mal wieder hin und her geschoben.

In der Juli-Ausgabe «Krankenpflege» des Berufsverbandes SBK ist ein sehr guter Artikel darüber zu finden. Darin zeigt Pierre-André Wagner auf, wie sehr die Politik bei dieser Problematik geschlafen hat.

Ebenfalls wird deutlich: Ohne geeignete Lösung steht das Gesundheitswesen vor dem Super-GAU.
Spitexbetriebe, Langzeitinstitutionen und freiberufliche Pflegefachpersonen bemühen sich darum, eine Lösung zu finden.

Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass die Materialkosten direkt den Kranken verrechnet werden.

Und es kommt der nächste Hammer: Der Bundesrat will die Beiträge der Kassen um weitere 3,6 Prozent senken. Und wieder herrscht politisch absolute Stille. Ausser dem SBK reagiert keine einzige Politikerin und kein einziger Politiker auf diesen krassen Fehlentscheid.

Die Politik hat den Gong nicht gehört.

Und so frage ich nun ganz direkt: Was müssen wir Pflegenden tun, damit Ihr uns endlich ernst nehmt? Müssen wir streiken, wie es in Deutschland bereits der Fall ist? Ich weiss, es kommt kaum in den Medien. Aber wer auf sich den Sozialen Medien mit Gesundheitspolitik befasst, bekommt das sehr schnell mit. 

Müssen wir Pflegenden auf die Strassen gehen und Häuser demolieren, damit ihr uns zuhört? Oder soll ich ganz Medienwirksam «Freie Pflege» ans Bundeshaus schmieren?

Ich selbst möchte nicht, dass es soweit kommt. Denn wenn gestreikt wird, geht das immer auf Kosten der Patientinnen und Patienten. Anderen zu schaden, ist gegen meine Pflegehexenehre. Doch muss sich die Politik bewusst sein: Die rote Linie ist überschritten. Schon lange. Nur weil Ihr nicht hinschaut, wird sich die Linie nicht verschieben.

Was braucht Ihr noch, damit Ihr endlich in die Gänge kommt? Die Zahlen sind auf dem Tisch.

Der Fachkräftemangel besteht bereits und wird in den nächsten Jahren eskalieren.

Dies belegen mehrere Studien und Hochrechnungen. Es braucht keine weiteren Studien.

Es braucht jetzt Massnahmen! Und dafür seid Ihr verantwortlich! Ihr habt Euch dem Dienst für dieses Land verschrieben. Dazu gehört auch, für eine ausreichende Versorgung der Alten, Kranken und Verletzten zu sorgen. 

Wir Pflegenden wollen und können bei diesem Thema mitreden. Ebenso stark, wie es die Krankenkassen seit je her tun. Denn auf unserm Buckel sind unzählige Sparübungen durchgeführt worden, gerade wieder im letzten Jahr.

Ich weiss, es gibt Politikerinnen und Politiker, die glauben, wir würden ein bisschen krankenschwesterlen. Sie glauben, was wir tun, könne jeder. Wer so denkt, sollte dringend eine Pflegende bei ihrer Arbeit begleiten. Sie dürfen sich ruhig bei mir melden. Ich bin sicher, es lässt sich machen.

Es gibt auch die andere Gruppe von Politikerinnen und Politikern, die glauben, die Pflegenden weiterhin mit ihren Phrasen abspeisen zu können. Als die Pflegeinitiative lanciert wurde, erklärten sie: «Wir verstehen die Anliegen der Pflegenden. Aber die Initiative ist unnötig, wir schauen ja jetzt.» In den letzten Wochen habe ich mich gefragt, wen sie mit diesen Aussagen eigentlich mehr verhöhnt haben. Sich selbst oder die Pflegenden? 

Immer wieder höre ich auch, die Pflegeinitiative sei überladen. Zu viele gewerkschaftliche Forderungen seien darin. Darüber könnte man tatsächlich diskutieren. Hätte sich das Parlament vor sieben Jahren ernsthaft mit der Initiative Joder befasst, müssten wir heute nicht über die Pflegeinitiative diskutieren.

Dieses Desinteresse des Parlaments war damals ein Schlag ins Gesicht aller Pflegenden, der bis heute nachhallt.

Eines hat vor allem der SBK damals kapiert: Wir werden nichts bekommen, wenn wir nicht fordern. Also, liebe Politikerinnen und Politiker, fasst Euch an der eigenen Nase.

Ich kann euch jetzt schon versprechen: Wenn ihr in der Debatte keinen gescheiten Gegenvorschlag bringt, wird die Pflegeinitiative vom Volk angenommen. Denn im Gegensatz zu Euch hat dieses den Gong schon lange gehört. 

Ich möchte hier noch einmal deutlich machen: Liebe Politikerinnen und Politiker, übernehmen Sie die Verantwortung für unser Gesundheitswesen und sorgen Sie endlich dafür, dass die Pflegenden ihre Arbeit tun können.

Ihre Pflegehexe Madame Malevizia

erschienen: 04.09.2018

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