Neue Kolumne

«Wir sind nicht so machtlos, wie wir uns geben»

Madame Malevizia wird auf alzheimer.ch über Licht und Schatten des Pflegeberufes schreiben.
Madame Malevizia wird auf alzheimer.ch über Licht und Schatten des Pflegeberufes schreiben. Bild Eve Kohler

Die Pflegehexe Madame Malevizia engagiert sich für kompetente, herzhafte und empathische Pflege. Ab sofort tut sie dies auch mit ihrer Kolumne auf der Plattform alzheimer.ch.

Von Martin Mühlegg

Madame Malevizia schreibt unter einem Pseudonym. Unter ihrem richtigen Namen arbeitete sie in zahlreichen Bereichen der Pflege: Nach ihrer Ausbildung zur Pflegefachfrau HF in der Akutpsychiatrie, danach mehrere Jahre in einem Pflegeheim auf verschiedensten Wohngruppen, wo sie noch die Weiterbildung HöFa 1 NNC (Neuro Nursing Care) absolvierte.

Nach einem kurzen Abstecher in die Psychosomatik arbeitet sie nun in einem Akutspital. Im August 2016 verfasste sie ihr Manifest, welches ihr nun als Grundlage dient für ihre Aktivitäten als Autorin (siehe unten, nach dem Interview). Auf ihrer Website www.pflegehexe.ch, ihrer Facebook-Seite Madame Malevizia und alzheimer.ch teilt sie ihre Erlebnisse als Pflegehexe mit einer immer grösser werdenden Leserschaft.

alzheimer.ch: Du arbeitest als diplomierte Pflegefachfrau. Warum schreibst du daneben als Pflegehexe Blogs, Manifeste, offene Briefe und Kolumnen?

Madame Malevizia: Wenn du in der Pflege arbeitest, hast du es mit Problemen zu tun, an denen du selber wenig ändern kannst. Meine Wahrnehmung ist, dass niemand davon Kenntnis nimmt.

Bis zur Lancierung der Pflegeinitiative waren die Probleme in der Öffentlichkeit inexistent.

Ich hatte das Gefühl, irgendjemand muss diese Sachen sagen. Ich schreibe seit meiner Kindheit. Seit zwei Jahren blogge ich nun als Pflegehexe Madame Malevizia. Diese Arbeit ist für mich ein Ventil.

Was läuft denn schief im Gesundheitswesen?

Es geht in der Pflege nur noch ums Geld und nicht mehr um die Menschlichkeit. Wenn wir die Patienten aber anständig pflegen wollen, müssen wir dafür bezahlen. Man kann nicht meinen, alles müsse rentieren. Bei den Banken mag dies möglich sein, aber nicht im Gesundheitswesen.

Wer soll die bessere Pflege bezahlen?

Wenn wir bei den Krankenversicherungen genau hinschauen, werden wir viel Geld finden, das irgendwo versickert. Der Staat ist für unser Gesundheitswesen verantwortlich. Meiner Ansicht nach schlafen die Politiker seit langer Zeit.

Gibt es auch Gutes zu berichten?

Es ist für mich noch immer der schönste Beruf, den es gibt. Er ist spannend und vielseitig – es gibt kaum einen Beruf, in dem man sich in so viele Richtungen weiterbilden kann. Es ist sehr erfüllend, wenn ich mit Patienten oder Klienten auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten kann.

Worüber wirst du in den kommenden Monaten auf alzheimer.ch schreiben?

Es wird einen bunten Mix geben aus den Erfahrungen, die Pflegende machen. Es wird Licht und Schatten geben. Sicher wird die aktuelle Politik ein Thema sein. Ich will auch meine Kolleginnen und Kollegen schütteln und ihnen mitteilen, dass wir nicht so machtlos sind, wie wir uns geben.

Manifest der Madame Malevizia

Im Juni 2016 habe ich beschlossen, dass ich mich zeigen und mich einsetzen will, für eine Sache, die mir am Herzen liegt.

Ich bin Pflegehexe, oder wie mein Pseudonym sagt: Pflegefachfrau. Das ist meine Berufung. Genauso wie ein Künstler nicht ohne seine Kunst und ein Sportler nicht ohne seinen Sport sein kann, kann ich nicht ohne das sein, was man Pflege nennt.

Pflege umfasst nach ICN: (International Council of Nurses) «die eigenverantwortliche Versorgung und Betreuung, allein oder in Kooperation mit anderen Berufsangehörigen, von Menschen aller Altersgruppen, von Familien oder Lebensgemeinschaften sowie Gruppen und sozialen Gemeinschaften, ob krank oder gesund, in allen Lebenssituationen (Settings).

Pflege umfasst die Förderung der Gesundheit, die Verhütung von Krankheiten und die Versorgung und Betreuung kranker, behinderter und sterbender Menschen. Weitere Schlüsselaufgaben der Pflege sind die Wahrnehmung der Interessen und Bedürfnisse (Advocacy), die Förderung einer sicheren Umgebung, die Forschung, die Mitwirkung in der Gestaltung der Gesundheitspolitik sowie das Management des Gesundheitswesens und in der Bildung.» (Offizielle Übersetzung der Berufsverbände in Deutschland, Österreich und in der Schweiz) Quelle: SBK Homepage.

Das sind trockene Worte, und sie beschreiben auch nur annähernd, was Pflege für mich ist: Es ist meine Bestimmung, das zu tun.

Zunehmend werde ich jedoch daran gehindert, das, was ich liebe, so zu tun, wie ich es gelernt habe und wie ich es von Herzen tun möchte.

Es fühlt sich an, wie für den Kunstmaler, der zwar malen kann, dem aber nicht mehr alle Farben zur Verfügung stehen. Oder den Musiker, der Musik machen kann, aber sein Instrument er nicht mehr hat. Oder der Sportler, dem sein Sportgerät entwendet wird.

Folgendes ist geschehen oder geschieht:

Es herrscht die fixe Idee, dass Spitäler und andere Gesundheitseinrichtungen gewinnbringend sein müssen. Die Folgen davon sind Sparmassnahmen, die ethisch und moralisch kaum mehr vertretbar sind.

Die Aufenthaltsdauer der Patienten wird nicht mehr durch ihre Erkrankung definiert, sondern ist durch DRG (Diagnosis Related Group) und ihre Krankenversicherung vorgegeben.

Da die Personalkosten immer am meisten ins Gewicht fallen, wird auch hier gespart und gekürzt was das Zeug hält. Beides erschwert die Arbeit der Pflegenden um ein Vielfaches. Der Spardruck wird direkt an sie weitergegeben.

Frustriert und desillusioniert werfen viele Pflegende ihren Job hin, weil sie ihn nicht so ausüben können, wie sie es gelernt haben. Andere geben auf, weil sie keine Kraft mehr haben und ihre eigene Gesundheit auf dem Spiel steht.

In der Öffentlichkeit wird unser Beruf auf Hintern putzen und dem Arzt zudienen reduziert – oder auf halbheilige barmherzige Schwestern hochstilisiert. Beide Bilder sind schlicht falsch, sorgen jedoch dafür, dass Pflegende gar nicht auf die Idee kommen, dass sie in gesundheitspolitischen Fragen Stellung beziehen und ihre Rechte einfordern könnten.

Das Studium Pflege wird im Vergleich zum Medizinstudium noch immer als minderwertig angesehen. Daraus wächst stetig ein Fachkräftemangel, der auch der Öffentlichkeit mittlerweile auffällt.

Die bisher diskutierten Lösungsvorschläge, Personal aus dem Ausland, Flüchtlinge oder das Militär einsetzen, sind allesamt unbrauchbar.

Ich werde in der Ausübung meines Berufes behindert. Ändert sich nichts, wird Pflege, wie sie vom ICN definiert wird, bald nicht mehr möglich sein.

Es liegt nicht an den Spitälern und Gesundheitseinrichtungen selbst. Es sind die Ignoranz und die fehlende Unterstützung der Pflegenden, die dieser Entwicklung Vorschub leisten. Für diesen Zustand mache ich unsere Politikerinnen und Politiker verantwortlich! In sämtlichen Parteien ist das Thema Gesundheitspolitik inexistent.

In den letzten Jahren gab es lediglich eine (!) parlamentarische Initiative, die sich mit dem Fachkräftemangel in der Pflege befasste.

Offenbar hat kein Politiker und auch keine Partei den Mut, sich bezüglich Gesundheitspolitik zu exponieren. Werden gesundheitspolitische Themen besprochen, gibt es zwei Gruppen, die das Sagen haben: die Krankenversicherungen und die Ärzteschaft. Dies hat sich auch in der Initiative zur gesetzlichen Anerkennung der Verantwortung der Pflege eindrücklich gezeigt.

Und so habe ich, Madame Malevizia Magissa Mageia Coldovara Karolevine Witch, beschlossen:
Ich werde das nicht mehr länger hinnehmen!

  • Ich will, dass die Öffentlichkeit weiss, was ich als Pflegende erlebe und wie ich zu den meinen Beruf betreffenden Themen stehe!
  • Ich will, dass Pflegende ihren Beruf so ausüben können, wie sie es gelernt haben und wie sie es von Herzen tun wollen!
  • Ich will, dass Pflegende die Anerkennung und die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um in ihrem Beruf gesund bleiben zu können!
  • Ich will, dass Pflegende den Mut haben, für ihren Berufsstand einzustehen!
  • Ich will, dass Pflegenden von der Öffentlichkeit und den Einrichtungen, in denen sie arbeiten, der Respekt entgegengebracht wird, der ihnen zusteht!
  • Ich will, dass Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger ihren Platz in der Berufswelt finden und ihre Rolle als Pflegende leben können.

Ich bin mir bewusst, dass dies ambitionierte Ziele sind. Doch die allerlängste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Und so werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um diesen ersten Schritt zu bewirken.

  • Ich werde erzählen, was ich als Pflegehexe erlebe und erlebt habe.
  • Ich werde mich zu politischen Themen äussern, in meinem Blog, auf meiner Homepage und wo auch immer ich die Möglichkeit dazu habe.
  • Ich werde mit Briefen Politiker und andere öffentliche Personen auffordern, sich für die von mir genannten Forderungen stark zu machen und an deren Erreichung aktiv mitzuwirken.
  • Als Pflegehexe will ich unabhängig sein von politischen Parteien oder Berufsverbänden, nehme mir jedoch die Freiheit, jene zu unterstützen, die meine Absichten und Forderungen teilen.

Im Moment gehe ich die ersten Schritte dieses Weges noch allein. Doch jede Person ist mir willkommen, um gemeinsam für die in diesem Manifest genannten Ziele zu arbeiten.

Es liegt in meiner Natur, die Dinge beim Namen zu nennen.

Der Respekt gegenüber anderen Menschen und deren Würde werde ich jedoch niemals ausser Acht lassen. Der sachlichen Konfrontation will ich mich stets stellen, persönliche Angriffe mir als Person gegenüber werde ich jedoch nicht akzeptieren.

Ich habe mir eine grosse Aufgabe gestellt, um sie erfüllen zu können, ist es wichtig, dass ich meine Kräfte aufteile und auf mich und meine Gesundheit achte.

Als Pflegende bezeichne ich alle Pflegefachpersonen, Fachpersonen Gesundheit und Assistentinnen Gesundheit, sie alle leisten einen wichtigen Beitrag in unserer Berufswelt.

Bern, im August 2016

Den ersten Kolumnen-Beitrag der Pflegehexe finden Sie hier.

erschienen: 19.08.2018

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