Leben und Glück

«Selbstbestimmung ist kein Ziel, sondern ein Weg»

«Viele ältere Menschen fühlen sich einsam. Ihnen fehlen vertraute Menschen, die ein Gefühl von Nähe und Zuwendung geben», sagt Remo Largo.
«Viele ältere Menschen fühlen sich einsam. Ihnen fehlen vertraute Menschen, die ein Gefühl von Nähe und Zuwendung geben», sagt Remo Largo. Bild Bernard Van Dierendonck

Remo Largo ist vor allem als Experte für Erziehungsfragen bekannt. In seinem neusten Werk geht der 74-jährige Entwicklungsforscher der Frage nach, was ein passendes Leben für alle Menschen ist – von Jung bis Alt.

Von Martina Novak, Zeitlupe

Sie sind der «Erziehungs-Papst» der Schweiz – Ihre Bücher «Babyjahre» , «Kinderjahre», «Schülerjahre» und «Jugendjahre» begleiten Familien im In- und Ausland seit Langem. Fühlen Sie sich wohl in dieser Rolle?

Remo Largo: Natürlich ist es schön, Anerkennung zu bekommen und bekannt zu sein, aber es gibt auch eine Kehrseite. Man ist irgendwie auf eine Rolle fixiert, steht im schlimmsten Fall auf einem Sockel. Ich freue mich dann, wenn die Aufmerksamkeit nicht meiner Person, sondern meiner Arbeit gilt.

Warum wurden gerade Ihre Bücher so bekannt? Trafen Sie mit Ihren Erziehungsgrundsätzen den Nerv der Zeit?

Das erste Buch «Babyjahre» ist nun seit 25 Jahren in den Buchhandlungen und wird auch ohne jede Werbung rege gekauft. Es ist offenbar für die Eltern hilfreich, und so machen sie Mundpropaganda.

Für mich sind meine Bücher keine Ratgeber.

Ich will den Eltern ja nicht diktieren, was sie in einer bestimmten Situation tun sollen. Ich beschreibe die Kinder, wie sie sind und welche Bedürfnisse sie haben.

Gab es nichts Vergleichbares?

Nein. Der Stellenwert meiner Bücher hatte mit der Aussagekraft und dem Umfang unserer Studien zu tun. Alle wichtigen Entwicklungsbereiche wie Sprache und Motorik wurden bei mehr als 700 Kindern untersucht – von der Geburt bis ins Erwachsenenalter. Solch aufwendige Studien über so viele Jahre sind einzigartig und wären heute schlicht zu teuer.

Zur Person

Remo Hans Largo studierte Medizin und Entwicklungspädiatrie und leitete von 1978 bis zur Pensionierung 2005 die Abteilung «Wachstum und Entwicklung» am Universitäts-Kinderspital Zürich. Er verfasste mehrere Sachbücher über Kinder und Jugendliche, die als Klassiker der Erziehungsliteratur gelten und in viele Sprachen übersetzt wurden. 2017 ist sein neustes Buch «Das passende Leben» erschienen, in dem er sich mit der menschlichen Entwicklung als Ganzem auseinandersetzt. Remo Largo ist Vater von drei Töchtern und hat vier Enkelkinder.

Warum brachte gerade die Universität Zürich so gute Studien heraus?

In der Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg wurden an verschiedenen europäischen Universitäten Entwicklungsstudien in Auftrag gegeben. Die erste Zürcher Longitudinalstudie wurde 1954 am Universitäts-Kinderspital Zürich begonnen.

Die Schweiz spielte damals in der Forschung eine wichtige Rolle, weil wir weitgehend vom Krieg verschont geblieben waren und mehr Ressourcen als andere Länder zur Verfügung hatten.

Sie gingen in die Forschung, weil Sie aus gesundheitlichen Gründen Ihren Traumberuf Kinderchirurg nicht ausüben konnten. Haderten Sie deswegen mit dem Schicksal?

Rückblickend war es eigentlich ein Glücksfall. Als junger Mann habe ich einen Schlaganfall erlitten, war eine Zeit lang gelähmt und verlor einseitig das Gehör. Die körperlichen Einschränkungen machten es mir unmöglich, als Chirurg tätig zu sein.

Mit der Forschungsarbeit konnte ich jedoch etwas tun, was mir sehr entsprach. Mein Interesse galt schon früh dem Wesen Mensch. Als Kinderchirurg wäre ich vermutlich aber auch nicht unglücklich gewesen!

Wie hat sich die Entwicklung von Kindern verändert zwischen Ihren Anfängen als Kinderarzt und heute?

Ich bin aus einer Reihe von Gründen sehr besorgt. Damit sich Kinder gut entwickeln können, müssen sie sich geborgen fühlen. Zuwendung ist aber heute oft nicht mehr ausreichend gewährleistet, weil berufstätige Eltern in der Kleinfamilie oder Alleinerziehende damit überfordert sind.

Kinder wurden in der Vergangenheit nie allein von den Eltern aufgezogen. Nicht umsonst sagt man in Afrika, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind beim Heranwachsen zu begleiten.

Eine weitere Sorge ist, dass die Kinder auf eine Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft hin getrimmt werden. Das gilt ganz besonders für die Schule. Immer mehr Kinder leiden deswegen und werden sogar krank.

Würden Sie sagen, dass die «Rohmasse Kind» gleich geblieben ist, aber deren Reaktion auf die Umwelt zu Entwicklungsstörungen führt?

Das könnte man so sagen. Für eine kinderfreundliche Umwelt braucht es einen Umbau der Gesellschaft; wir brauchen familienfreundlichere Strukturen wie unentgeltliche Krippenplätze und flexiblere Arbeitszeiten für die Eltern.

Man sieht in den skandinavischen Ländern, dass so etwas möglich ist.

Die Bedingungen für Familien müssen besser werden.

Ich erhoffe mir diesbezüglich viel von den Frauen. Ein vermehrtes politisches Engagement.

Sie machen sich stark für eine Frauen- oder Familienpartei …

Ja, schon seit 20 Jahren. Damit eine solche Bewegung überhaupt Chancen hätte, etwas zu verändern, dürfte sie aber nicht in eine wirtschaftskonforme Partei eingebunden sein. Ich würde mir wünschen, dass die Frauen hinstehen und sagen: Kinder, Familie, aber auch die alten Menschen sind uns genauso wichtig wie euch der Gewinn der UBS!

Sie haben drei erwachsene Töchter, zwei sind wiederum Mütter. Wie haben Sie Ihre Töchter auf ihre Verantwortung in der Gesellschaft vorbereitet?

Ich gehe davon aus, dass das Vorbild der Eltern, aber auch anderer Personen wie Lehrer für die Sozialisierung der Kinder prägend ist. Dazu gehört auch, dass Kinder möglichst selbstbestimmt aufwachsen können. Es freut mich überaus, dass meine Töchter alle drei sehr wohlgeraten und emanzipiert sind.

«Individualität zu leben ist bis ins Alter eine Herausforderung», sagt Remo Largo über sein neues Buch.
«Individualität zu leben ist bis ins Alter eine Herausforderung», sagt Remo Largo über sein neues Buch. Bild PD

Viele Grossväter können ihre Grosskinder mehr geniessen als damals den eigenen Nachwuchs. Geht es Ihnen auch so?

Natürlich, das ist ein grosser Unterschied. Für die Enkel hat man keine direkte Verantwortung mehr und muss sie auch nicht erziehen. Man kann sich entspannt an ihnen freuen.

In Ihrem Werk «Glückliche Scheidungskinder» geben Sie eine Anleitung, wie man als Familie die Trennung der Eltern meistert. Sie selbst trennten sich von Ihrer ersten Frau, als Ihre Töchter noch recht klein waren.

Nach der Scheidung – die Älteste war damals zwölf – blieben die Kinder anfänglich bei der Mutter, dann kamen sie zu mir. Ich hatte sehr grosses Glück, dass meine zweite Frau sich um sie wie um leibliche Kinder kümmerte.

Das war nicht selbstverständlich. Ohne sie wäre alles nicht so gut verlaufen. Dank meiner beruflichen Flexibilität konnte ich mich in der Betreuung der Kinder vermehrt einbringen.

Damals, in den Achtzigerjahren, wurde von drei Ehen eine geschieden. Heute ist es jede zweite. Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?

Bei einer Trennung oder Scheidung nimmt die Belastung zu. Für alle. Die Eltern brauchen mehr Kraft und Zeit für ihre Kinder. Das Kindeswohl sollte in der Gesellschaft vermehrt im Vordergrund stehen, bei den Eltern, den Fürsorgeämtern, den Gerichten.

Auch in der Schule nimmt der Druck unablässig zu. Weshalb ist das so?

Ein wichtiger Grund ist, dass viele Eltern unter existenziellen Ängsten leiden – für sich selbst und besonders für ihre Kinder. So setzen sie ihre Kinder unter Druck. Eine möglichst erfolgreiche Schulkarriere soll sicherstellen, dass es den Kindern später gut geht.

Wenn Kinder aber während der ganzen Schulzeit überfordert werden, sind sie als Erwachsene in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt. Das macht es ihnen sehr schwer, in Gesellschaft und Wirtschaft zu bestehen.

Die menschliche Individualität ist Kernthema Ihres neusten Buches «Das passende Leben». Sie gehen der Frage nach, ob die Menschen das Leben leben können, das zu ihnen passt.

Alle Lebewesen, auch wir Menschen, streben nach einem passenden Leben. Wir sind ständig bemüht, unsere unterschiedlichen Bedürfnisse in Übereinstimmung mit der Umwelt zu befriedigen. Übereinstimmung herzustellen ist kein Ziel, sondern ein Weg.

Jeden Tag bemühen wir uns aufs Neue für ein selbstbestimmtes Leben. Unsere Individualität zu leben, bleibt bis ins hohe Alter eine Herausforderung.

Remo Largo mit «Das passende Leben» in der SRF-Sendung «Sternstunde Phiosophie»:


Quelle Youtube/SRF

Sie haben das «Fit-Prinzip» definiert, wonach sechs Grundbedürfnisse befriedigt sein wollen.

Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen. Wir brauchen emotionale Sicherheit, wollen uns geborgen fühlen. Wir verlangen nach sozialer Anerkennung. In der heutigen Gesellschaft ist dies immer weniger möglich.

Wir sind nicht für eine anonyme Massengesellschaft gemacht.

Für unser psychisches und körperliches Wohlbefinden brauchen wir eine Lebensgemeinschaft vertrauter Menschen.

Wie steht es mit der emotionalen Sicherheit im Alter?

Nicht gut. In der Schweiz leben bald zwei Millionen Menschen, die über 65 Jahre alt sind. Für ihre Unterkunft, Ernährung und Gesundheit ist gut gesorgt. Aber viele ältere Menschen fühlen sich einsam. Ihnen fehlen vertraute Menschen, die ein Gefühl von Nähe und Zuwendung geben.

Das müssen nicht zwangsläufig Familienmitglieder sein?

Richtig, aber es setzt eine hohe Stabilität in den Beziehungen voraus. Und ausreichend Zeit für Gespräche und gemeinsames Erleben. Alters- oder Pflegeheime können ein solches Umfeld nur ausnahmsweise bieten. Das Pflegepersonal fühlt sich häufig gestresst und hat Schuldgefühle, weil es sich nicht ausreichend um die alten Menschen kümmern kann.

Soziale Anerkennung und Leistung sind auch im Pensionsalter ein Thema?

Die soziale Anerkennung leidet, und der soziale Status geht im Ruhestand verloren, besonders bei Männern, die ihr ganzes Selbstwertgefühl aus der Arbeit bezogen haben. Nach der Pensionierung sind sie plötzlich niemand mehr und fühlen sich überflüssig, weil sie nicht mehr gebraucht werden und keine sinnvollen Leistungen mehr erbringen können.

Mein Schwiegervater war da eine Ausnahme. Drei Jahre vor der Pensionierung als Töpfer begann er Fernkurse im Malen zu besuchen. Im Ruhestand hat er noch fast 20 Jahre lang intensiv gemalt. Er hat keine Meisterwerke geschaffen, aber das Malen erfüllte ihn, gab seinem Leben Sinn. Leistungen zu erbringen, die einen befriedigen oder für die Gemeinschaft von Nutzen sind, stellen ein Grundbedürfnis der Menschen dar.

Es verfügen nicht alle älteren Menschen über ein gutes soziales Umfeld oder die Musse für Hobbys…

Viele dieser Probleme liessen sich mit altersübergreifenden Lebensgemeinschaften lösen.

Sie sprechen Mehrgenerationensiedlungen an?

Früher waren die Menschen in einem Dorf aufgrund der äusseren Umstände gezwungen zusammenzuhalten. Das ist heute kaum mehr der Fall.

In Gemeinschaften zu leben, ist nach wie vor ein Grundbedürfnis.

Meiner Ansicht nach müsste die Gesellschaft Anreize für Wohn- und Lebensgemeinschaften schaffen. Zum Beispiel, indem sie Liegenschaften mit tieferen Mieten und Hypothekarzinsen für Menschen attraktiv macht, die mit anderen zusammenleben wollen.

In Mehrgenerationengemeinschaften könnten Kinder und ältere Menschen aus Institutionen zurückgeholt und betreut werden. Es würde ihnen nicht nur besser gehen, es wäre auch eine wesentliche finanzielle Entlastung für den Staat.

Sie werden dieses Jahr 75 Jahre alt. Leben Sie Ihr passendes Leben?

Wie für alle Menschen ist es auch für mich ein ständiges Auf und Ab. Aber was ich mit Überzeugung sagen darf: Ich konnte ein Leben führen, das mich zutiefst befriedigt hat. Dazu gehört sicher auch, dass ich immer noch getrieben bin, das Wesen Mensch besser zu verstehen.

Was haben Sie für weitere Pläne? Haben Sie etwa einen Ratgeber zum Thema «Altersjahre» in Arbeit?

Wenn, dann wäre das kein Ratgeber, sondern ein politisches Pamphlet! Aber im Ernst, es gibt kein neues Buch. Ich bin mit «Das passende Leben» schon an den Rand meiner Kräfte gekommen, nachdem ich sechs Jahre daran gearbeitet hatte. Ich bin froh, dass ich es überhaupt geschafft habe.

Wir danken der Redaktion des Magazins Zeitlupe und der Pro Senectute Schweiz für die Gelegenheit zur Zweitverwertung dieses Beitrags.

erschienen: 24.05.2018

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