Pflegeurlaub

Die Schweiz hinkt hinterher

In der Schweiz ist der Pflegeurlaub gesetzlich nicht geregelt. Etwas anders sieht es in unseren Nachbarländern aus.
In der Schweiz ist der Pflegeurlaub gesetzlich nicht geregelt. Etwas anders sieht es in unseren Nachbarländern aus. Bild PD

Ob Angestellte für die Pflege kranker Angehöriger bezahlte Ferien erhalten, hängt in der Schweiz vom Arbeitgeber ab. Eine gesetzliche Bestimmung gibt es nicht. Noch nicht. Das fordert aber die Gewerkschaft Travail.Suisse. Das Bundesamt für Gesundheit klärt zurzeit den Bedarf ab.

Von Petra Schanz

Liegt das Kind mit einer Grippe im Bett, darf ein Elternteil drei Tage bei der Arbeit fehlen, um das Kind zu pflegen. Das ist gesetzlich so festgelegt. Erkrankt ein Angehöriger oder eine Angehörige, müssen Angestellte für die Pflege entweder Ferien beziehen oder mit ihrem Arbeitgeber verhandeln. In der Schweiz ist ein Pflegeurlaub für Mitarbeitende gesetzlich nicht verankert.

Nun haben aber zwei US-Firmen den Pflegeurlaub in die Schweiz gebracht, wie der «Tages-Anzeiger» Anfang Jahr berichtete. So erhalten Angestellte des Softwareherstellers Microsoft seit Januar bis zu vier Wochen bezahlten Pflegeurlaub.

Ein ärztliches Zeugnis des kranken Angehörigen müssen die Betroffenen nicht mitbringen, sondern lediglich ein Antragsformular ausfüllen. Microsoft baut dabei auf gegenseitiges Vertrauen und will die Angestellten in schwierigen Situationen nicht zusätzlich belasten.

Neben Microsoft gewährt auch Google seinen Angestellten bei Bedarf bis zu 14 Tage Pflegeurlaub. Danach können sie immer noch unbezahlten Urlaub nehmen oder das Pensum reduzieren.

Individuelle Lösungen in Schweizer Betrieben

Schweizer Unternehmen gehen tendenziell weniger weit. Einer der zehn grössten Schweizer Versicherer, die CSS, gewährt den Mitarbeitenden ausserordentliche Urlaubstage für die Pflege kranker, in Hausgemeinschaft lebender Familienmitglieder.

Umfrage

Der Zürcher «Tages-Anzeiger» hat eine Umfrage zum Thema Pflegeurlaub gemacht und bei 801 Personen nachgefragt: 66,9 Prozent sagten, ein Pflegeurlaub sei längst überfällig und sollte gesetzlich verankert werden. 23,7 Prozent fanden es grundsätzlich eine gute Sache, aber die Arbeitgeber sollten frei entscheiden können, wie viel Urlaub sie den Angestellten dafür gewährten. 9,4 Prozent waren schliesslich der Meinung, dass es nicht die Aufgabe der Unternehmen sei, die Pflegeaktivitäten der Angestellten zu finanzieren.

Die Dauer wird mit den Betroffenen individuell abgesprochen. «Eine Bedingung für den ausserordentlichen Urlaub ist, dass die Pflege nicht anders organisiert werden kann», sagt Luc-Etienne Fauquex, Mediensprecher der CSS. Das individuelle Vorgehen werde von den Mitarbeitenden geschätzt.

Bei der Grossbank UBS können Mitarbeitende bis drei Tage bezahlt von der Arbeit fernbleiben, um ein krankes Familienmitglied zu pflegen oder eine anderweitige Betreuung zu organisieren. «In Ausnahmefällen wird nach Absprache ein länger bezahlter Urlaub gewährt», sagt Mediensprecherin Eveline Müller.

Zusätzlich biete die UBS eine breite Palette an flexiblen Arbeitszeitmodellen an, die bei einer längeren Pflege eines Familienangehörigen helfen könnten.

So gebe es beispielsweise die Möglichkeit, den Beschäftigungsgrad während eines Jahres zu reduzieren, wobei das in der Pensionskasse versicherte Salär unverändert bleibe, informiert Müller weiter.

Arbeitnehmende sollen nicht Bittsteller sein

Auch Sensirion, der weltweit führende Hersteller digitaler Mikrosensoren und -systeme aus der Zürichseegemeinde Stäfa, setzt auf Individualität. Im Innovationsbetrieb würden sowohl Mitarbeitende wie auch das Unternehmen selbst Autonomie und Flexibilität grossschreiben, wie Mediensprecher Andreas Meile mitteilt.

So werde den Mitarbeitenden möglichst viel Gestaltungsspielraum und Eigenverantwortung gewährt.

«Im Falle von erkrankten Angehörigen gibt es für die Angestellten deshalb auch keine Standardlösung. Jede Situation wird individuell angeschaut.»

Meile schildert zwei Fälle, in denen die Mitarbeiter ihre unheilbar erkrankte Ehepartnerin bis zu deren Tod betreuten. Sie konnten sich die Zeit nehmen, die nötig war, ohne dass die resultierenden Minusstunden festgehalten wurden. Meile ist überzeugt: «Die dadurch entstandene Loyalität kann durchaus als Lohn für das Unternehmen bezeichnet werden.»

Auch viele andere Schweizer Unternehmen unterstützen ihre Mitarbeitenden in Notsituationen freiwillig mit kostenlosen Beratungen und individuellen Lösungen. Dem Arbeitnehmerdachverband Travail.Suisse geht das zu wenig weit. Die Gewerkschaft möchte vermeiden, dass die Arbeitnehmenden in die Lage von Bittstellern kommen und verlangt daher eine gesetzliche Grundlage für einen Pflegeurlaub.

Handlungsbedarf hat inzwischen auch der Bundesrat erkannt, denn im Vergleich zum Ausland steht die Schweiz gar nicht gut da. In Frankreich erhalten Angestellte drei Wochen bezahlte Ferien, um kranke Eltern zu betreuen, in Belgien können sie sechs Wochen Pflegeurlaub beziehen. Auch Österreich und Deutschland kennen den gesetzlich verankerten Pflegeurlaub (siehe unten).

Zurzeit klärt das Bundesamt für Gesundheit, wie gross der Bedarf an einem Pflegeurlaub ist. Mit einem Vernehmlassungsentwurf ist noch dieses Frühjahr zu rechnen.


 

Zur Situation in Österreich und Deutschland

In Österreich gilt folgendes: Die Pflegekarenz oder Pflegeteilzeit muss schriftlich zwischen Arbeitnehmerin und Arbeitgeber vereinbart werden – das heisst, der Arbeitgeber muss zustimmen. Es gibt vorderhand (noch) keinen Rechtsanspruch auf diese Art der Karenzierung. Vor Abschluss der Vereinbarung muss das Arbeitsverhältnis bereits ununterbrochen drei Monate gedauert haben.

In Deutschland gilt seit 2015 eine gesetzliche Regelung, festgehalten im Pflegezeitgesetz und im Familenpflegezeitgesetz. Betroffenen wird eine zehntägige bezahlte Auszeit gewährt. Für die längerfristige Pflege ist eine Freistellung für bis zu zwei Jahre möglich. In diesem Zeitraum kann ein Arbeitnehmer seine Wochenarbeitszeit auf bis zu 15 Stunden reduzieren. Der Rechtsanspruch auf die bis zu zweijährige teilweise Freistellung hatte ursprünglich für alle Firmen mit mehr als 15 Beschäftigten gelten sollen. Diese Grenze ist mittlerweile auf 25 Beschäftigte hochgesetzt worden. (may)

erschienen: 19.04.2018

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