Leben im Alter

Ältere Menschen finden keine Wohnungen

Wenn Menschen für eine Wohnung Schlange stehen müssen, haben ältere Semester sowieso keine Chance.
Wenn Menschen für eine Wohnung Schlange stehen müssen, haben ältere Semester sowieso keine Chance. Bild PD

Auf der Suche nach preiswerten und kleinen Wohnungen haben Seniorinnen und Senioren gegenüber Jüngeren oft das Nachsehen. Nicht etwa, weil sie von Liegenschaftsbesitzern nicht geschätzt würden, sondern weil sie nicht schnell genug sind.

Von Petra Schanz

Anna Huber wohnt allein in ihrem eigenen Haus. Ihre Kinder sind längst draussen, ihr Mann ist vor zwei Jahren gestorben. Um das Haus und den Garten in Schwung zu halten, braucht die 74-Jährige in letzter Zeit immer länger. Darüber hinaus machen ihr die vielen Treppen zu schaffen.

Eine kleine 2-Zimmer-Wohnung – das wäre Anna Hubers Wunsch. Also kauft sie sich eine Zeitung und hält Ausschau nach Wohnungsinseraten. Viel findet sie da leider nicht.

Zwar ist die Geschichte von Anna Huber frei erfunden, doch so wie ihr geht es vielen Seniorinnen und Senioren. Die Wohnungen sind heute im Internet ausgeschrieben. Die Internetrecherche sowie das darauffolgende Zusammenstellen der Unterlagen samt Empfehlungsschreiben für eine Bewerbung können ältere Menschen überfordern.

Wenn sie deswegen auf Hilfe angewiesen sind, verzögert sich die Bewerbung unter Umständen, und die Wohnung ist schon weg. Dies bestätigt die Studie Demografie und Wohnungswirtschaft. Pensionierte auf dem Wohnungsmarkt der Hochschule Luzern (HSLU)1, die genau diesem Thema nachgeht:

Da der Grossteil der über 60-Jährigen im gleichen Preissegment Wohnungen sucht wie junge Leute – nämlich im mittleren oder tiefen – haben Ältere oft das Nachsehen.

Die Problematik widerspiegelt sich auch in den Beratungsgesprächen von Pro Senectute. Ein Drittel der jährlich rund 42 000 Beratungen dreht sich gemäss Pro Senectute Schweiz um die Themen Wohnen und Finanzen.

«Ältere Menschen mit kleinem Budget, insbesondere Beziehende von Ergänzungsleistungen haben Mühe, eine gleich günstige Wohnung zu finden, wenn sie beispielsweise aufgrund einer Haussanierung aus ihren langjährigen Wohnung ausziehen müssen», sagt Judith Bucher, Medienverantwortliche bei Pro Senectute Schweiz.

Unterstützung durch Freiwillige

Erfahrungsgemäss kämen die Leute, wenn sie eine Kündigung erhalten, erst sehr spät in die Beratung. Dann werde zuerst geschaut, was die Person selbst zur Suche beitragen könne und in welchen Bereichen sie Unterstützung brauche. Auch welche finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, wird geprüft und ob ein Anspruch auf Ergänzungsleistungen besteht.

«Je nach Kapazität der Sozialarbeiterin werden Personen bei der Internetrecherche unterstützt, beim Erledigen der administrativen Arbeiten oder beim Erstellen eines Empfehlungsschreibens», sagt Bucher.

Die Sozialberatungen haben aber oft nicht genug Ressourcen, um allen Ratsuchenden umfassend zu helfen. «Für die Begleitung bei Wohnungsbesichtigungen oder für das tägliche Prüfen und Weiterleiten von passenden Inseraten fehlt leider die Zeit», sagt Heidi Jost, Teamleiterin der Sozialberatung bei Pro Senectute Kanton Zürich.

Das Dienstleistungscenter Stadt Zürich von Pro Senectute hat 2015 mit Unterstützung der Age Stiftung und anderer Stiftungen ein Projekt mit Freiwilligen lanciert, die ältere Wohnungssuchende aktiv unterstützen. Nach einer etwas harzigen Anfangsphase kam ab dem zweiten Jahr Schwung in das Projekt, als der Schweizerische Verband der Immobilienwirtschaft (SVIT) Zürich einstieg, das Gebiet ausgeweitet wurde und mehr Freiwillige rekrutiert werden konnten.

Insgesamt wurden 25 Personen unterstützt und begleitet. Die Hälfte davon fand effektiv eine Wohnung. «Für uns ist das als Erfolg zu werten», sagt Heidi Jost, «denn auch bei denjenigen, die keine Wohnung fanden, kam Bewegung in die Thematik.»

Einige entschieden sich, in ein Alters- und Pflegeheim zu ziehen, andere sahen plötzlich wieder die Vorteile ihrer alten Wohnung und stellten die Suche ein.

Das Projekt läuft Ende des Jahres aus und wird aus verschiedenen Gründen in dieser Form nicht weitergeführt. Insbesondere der Einsatz von Freiwilligen ist in der Zukunft nicht zielführend, da deren zeitliche Einsatzmöglichkeiten beschränkt sind.

Gelohnt hat sich die Mühe aber dennoch. Während des Projekts hat Pro Senectute Kanton Zürich viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht und damit ältere Menschen und Wohnungsvermieter für die Problematik sensibilisiert.

«Wir möchten einerseits mit dem SVIT im Gespräch bleiben und haben auch Kontakte zu verschiedenen Genossenschaften geknüpft», sagt Jost. Pro Senectute erhofft sich dadurch, dass Vermieter mehr Verständnis für ältere Wohnungssuchende entwickeln und diese Zielgruppe eher als Mieter in Betracht ziehen.

Quoten sind unerwünscht

Neben vermehrter Unterstützung der älteren Wohnungssuchenden gäbe es auch Lösungsansätze auf Seiten der Immobilienbesitzer. Auch Joëlle Zimmerli, promovierte Soziologin und Studienleiterin der HSLU-Studie, sieht das so.

Sie schlägt in ihrer Studie vor (in welcher über 400 institutionelle, gemeinnützige und öffentliche Immobilieneigentümer, Investoren, Liegenschaftsverwalter sowie Vermarkter befragt wurden), beim Erstbezug von Neubauwohnungen einen Mindestanteil von Personen über 65 zu erreichen.

Dies würde unter Umständen bedeuten, dass zusätzliche Vermarktungsmassnahmen ergriffen werden müssten oder länger auf Zusagen gewartet werden müsste. Zimmerlis Vorschlag fand wenig Gehör. «In der Branche betrachtet man dieses Ziel als unnötige Regulierung», sagt sie.

Vor allem private Eigentümer schliessen diese Variante aus. Genossenschaften und die öffentliche Hand könnten sich noch eher damit anfreunden. Allgemein wird aber befürchtet, dass Wohnungen dann zu lange leer stehen würden. «Senioren überlegen meist länger, ob sie eine Wohnung wirklich wollen», sagt Zimmerli. Die Verwaltungen stünden oft unter Druck, frei gewordene Wohnungen so rasch wie möglich zu vergeben.

Beim Hauseigentümerverband Schweiz (HEV) kann man nicht bestätigen, dass Vermieter ältere Menschen als Mieter ablehnen. Man sehe im Gegenteil auch deren Vorteile: «Sie haben ein geregeltes Einkommen, gelten als ruhig, können Referenzen aus früheren Mietverhältnissen vorweisen und sind meist langjährige Mieter, so dass für die Verwaltung wenig Aufwand entsteht», sagt Kathrin Strunk, volkswirtschaftliche Mitarbeiterin beim HEV.

Es könne aber durchaus sein, dass ältere Menschen als Mieter für ein bestimmtes Objekt als ungeeignet eingestuft würden, weil die Wohnung beispielsweise keinen Lift habe oder sonst nicht gut zugänglich sei.

Kündigung als Chance

Bei Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen ist der Gedanke über passenden Wohnraum häufig präsent. Einerseits fühlen sie sich in der vertrauten Umgebung am wohlsten, andererseits steigt mit zunehmender Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Bedarf an Betreuung und Pflege.

Monika Schuler, Sozialberaterin bei der Infostelle Demenz Luzern hat die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen gar keine neue Wohnung mehr suchen, wenn ihnen die alte gekündigt wird.

«Oft ist ein solcher Einfluss von aussen Anlass dafür, dass ausführlich über die Situation nachgedacht wird», sagt Schuler. Für die Betroffenen selbst sei es zwar anfangs eine beängstigende Situation, doch werde dann zusammen mit weiteren Angehörigen, beispielsweise den Kindern, eine Lösung gesucht.

In der Folge wechseln die einen in eine betreute Wohngruppe, andere suchen nach einer Alterswohnung.

So kann gerade für Angehörige eine Kündigung am Ende sogar eine Erleichterung sein, weil eine bessere Lösung gefunden wird.

Pro Senectute Luzern hat die Erfahrung gemacht, dass ältere Menschen Schwierigkeiten haben, kleine, preisgünstige Wohnungen zu finden. Weil für die umfassende Begleitung ebenfalls die Kapazität fehlt, sucht Pro Senectute Luzern seit Anfang Jahr einen freiwilligen Wohncoach mit Kontakten im Immobilienmarkt.

 

1Studie «Demografie und Wohnungswirtschaft. Pensionierte auf dem Wohnungsmarkt» (2016) und «Demografie und Wohnungswirtschaft. Bezahlbares Wohnen im Alter» (2017): Die Bücher können für CHF 90.00 beim Hochschulverlag der Hochschule Luzern bestellt werden (ifz@hslu.ch). Sie sind auch im Buchhandel erhältlich.

erschienen: 21.12.2017

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