Demenz Meet

Demenz Zürich vernetzt Angehörige

Am 19. August findet im Kulturmarkt Zürich das erste Demenz Meet statt. Am 15 September erhält Demenz Zürich den Fokus-Preis der Alzheimervereinigung Zürich.
Am 19. August findet im Kulturmarkt Zürich das erste Demenz Meet statt. Am 15 September erhält Demenz Zürich den Fokus-Preis der Alzheimervereinigung Zürich. Bild PD

Auf der Plattform «Demenz Zürich» finden sich keine Fakten zu Demenz im klassischen Sinn, und sie informiert auch nicht über die Resultate der neusten Studien. Das gibt es schon genug, findet Initiant Daniel Wagner.

Von Petra Schanz

Eine betroffene Tochter erzählt auf demenzzuerich.ch über Entschleunigung, eine Ehefrau über ihre Ohnmacht der Krankheit gegenüber. Sie tun dies in kurzen Videos, die man auf der Webseite anklickt. Es sind kurze, emotionale Geschichten von Angehörigen für Angehörige.

Daniel Wagner, Gründer und Macher von Demenz Zürich.
Daniel Wagner, Gründer und Macher von Demenz Zürich. Bild demenz zürich

Ein Sohn erzählt über die Erleichterung, die mit dem Heimeintritt des Vaters einherging.

Es ist Daniel Wagner, der Initiant der Plattform. Sein Vater erkrankte im Jahr 2000 mit 60 Jahren an Alzheimer.

Wagner war frustriert über die damaligen Angebote und Möglichkeiten für Angehörige im Netz. «Ich wollte wissen, was ich als Sohn machen kann», erinnert er sich.

«Ich fand nichts, was mir wirklich half. Keine Unterstützung, keinen Trost, keinen Austausch.»

Wagners Mutter hatte ihren Ehemann sechs Jahre zu Hause betreut. Dann ging es nicht mehr. Mutter und Sohn suchten einen Platz und fanden das Doldertal, ein Alterszentrum speziell für Menschen mit Demenz.

Demenz Meet '17

Am 19. August 2017 findet im Kulturmarkt in Zürich das erste Demenz Meet statt. Eine «bunte Zusammenkunft mit guten Demenzgeschichten, moderierten Erfahrungsgruppen, Lernworkshops und einer lebendigen Piazza» soll es werden, schreibt Initiant Daniel Wagner in seinem Flyer. 
Die Idee entstand in den Facebook-Gruppen von Demenz Zürich und Wagner liess abstimmen, was die Angehörigen am meisten interessierte. «Es geht darum, sich zu begegnen und sich auszutauschen», sagt er, der überzeugt ist, dass sich alle, die mit der Krankheit zu tun haben oder von ihr betroffen sind, besser vernetzen sollten. Teile des Meets werden live auf Facebook übertragen.
Auch die Berichterstatter von alzheimer.ch werden anwesend sein.

«Das Doldertal ist wie eine Villa Kunterbunt. Dort konnte mein Vater sich selbst sein und musste sich nicht mehr überfordert fühlen mit dem Alltag», sagt Wagner. Sein Vater blieb bis zu seinem Tod im Jahr 2012 im Doldertal.

In der Zeit dazwischen kam irgendwann das Gerücht auf, das Haus auf dem Zürichberg müsse schliessen. Bei Mutter und Sohn läuteten die Alarmglocken, denn sie waren inzwischen Fan des Alterszentrums und wollten um jeden Preis vermeiden, dass ihr Ehemann und Vater dort weg musste.

Wagners Mutter, jahrzehntelang in der Politik aktiv, setzte alle Hebel in Bewegung und gründete den Verein Freunde Alterszentrum Doldertal mit dem Zweck, Öffentlichkeitsarbeit für das Heim zu betreiben und es ideell und materiell zu unterstützen. Auch dank dem Engagement des Vereins konnten ein Wintergarten gebaut, der Garten demenzgerecht umstrukturiert sowie Möbel angeschafft werden.

Als das Fortbestehen des Heims dann definitiv gesichert war, verlor der Verein seinen ursprünglichen Zweck.

Keine konkreten Ziele

Wagners Mutter fragte den Sohn, ob er eine andere Idee habe. Und er hatte: eine Online-Plattform, Filme, soziale Medien. Daniel Wagner kam in den Vorstand des Vereins und war entschlossen, es anders zu machen.«Ich wollte keine langweiligen Fakten und Studien. Die Seite sollte emotional, einfach und menschlich sein.»

Dabei kam ihm sein beruflicher Hintergrund zur Hilfe. Er war als Journalist tätig, und im Event- und Sportmarketing. Heute schult er als selbständiger Werber Unternehmen in der Filmproduktion mit Smartphones – Kommunikation ist also sein Job.

Fokuspreis für Demenz Zürich

Demenz Zürich erhält am 21. September 2017 anlässlich des Welt-Alzheimertags den Fokuspreis der Sektion Zürich von Alzheimer Schweiz. Der Preis wird für aussergewöhnliches Engagement verliehen, das zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen beiträgt. Die Verleihung findet in der Labor-Bar in Zürich statt. Anmeldung bis 15. September unter info@alz-zuerich.ch.

Ein definiertes Ziel für Demenz Zürich gab es nie und gibt es auch heute noch nicht. «Ich fing einfach mal an und wartete auf Resonanz», erzählt Wagner, der auf Facebook bereits über 8000 Fans hat – Betroffene, Angehörige und Fachkräfte. «Damit hatte ich nie gerechnet», sagt er.

Sein Erfolgsrezept? «Schnell und aus dem Bauch heraus entscheiden und wenn etwas nicht klappt, das nächste probieren.» Daneben Authentizität und Unverkrampftheit. «Durch meine eigene Geschichte wirke ich glaubwürdig.» Er geht das Thema auch mal locker an, denn nicht alles ist nur schwer und traurig.

Es habe auch leichte und lustige Momente gegeben in der Krankheitsgeschichte seines Vaters. «Demenz hat auch schöne Seiten, auch wenn es eine der schwierigsten Zeiten meines Lebens war», sagt er. Er sei seinem Vater nähergekommen, weil er nicht mehr so distanziert gewesen sei wie vor der Krankheit.

Ein Demenzfestival im Zirkuszelt

So wie es anfangs kein Ziel gab, so gibt es auch keine konkreten Pläne für die Zukunft von Demenz Zürich. «Vielleicht kann ich das Projekt in vier Jahren einer neuen Trägerschaft übergeben, wenn es gut läuft», sagt der heute 46-jährige Wagner. Dass Demenz Zürich vor allem an ihm hänge, hat er auch schon als Kritik gehört.

Ein Ziel hat er aber doch noch: das Demenzfestival in Zirkuszelten auf dem Sechseläutenplatz. Keiner dieser ernsten, schweren Kongresse, sondern ein lautes, buntes, verstörendes Festival, mit Musik, Liveübertragungen im Netz, mit demenzgerechtem Streetfood, für Kinder und Alte, mit schwierigen und schönen Themen.

Etwas wildes, unkontrollierbares; das gefalle ihm, das passe auch zu den sozialen Medien. Und nicht zuletzt zur Demenz. So würde Vernetzung stattfinden, ist sich Wagner sicher: «Es wäre doch cool, wenn es irgendwann überall hiesse, Zürich sei DER Hotspot für Demenz.»

Hier können Sie sich für das Demenz Meet 2017 anmelden.

erschienen: 20.07.2017

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