Neue Studie

Mehr Übergriffe zu Hause als im Heim

Menschen mit Demenz zu betreuen, kann für Angehörige äusserst anspruchsvoll sein. Weglaufgefahr, Aggression, Störungen bei alltäglichen Verrichtungen, psychische Begleiterscheinungen, Nachtaktivität usw. führen oft zu Überforderung.
Menschen mit Demenz zu betreuen, kann für Angehörige äusserst anspruchsvoll sein. Weglaufgefahr, Aggression, Störungen bei alltäglichen Verrichtungen, psychische Begleiterscheinungen, Nachtaktivität usw. führen oft zu Überforderung. Bild PD

In der Schweiz leben 82 Prozent der über 80-Jährigen zu Hause. Eine neue Studie zeigt, dass sie dort körperlicher und seelischer Gewalt eher ausgesetzt sind als in Heimen und Institutionen. Was unternimmt man bei einem Verdacht und wie können sich pflegende Angehörige selbst schützen?

Von Petra Schanz

In einem Heim im Kanton Glarus wurden Seniorinnen und Senioren stundenlang an Stühle und die Toilette gefesselt. Der Trägerverein rechtfertigte sich mit der Aussage, das sei zum Schutz der Bewohnenden passiert. Dies berichteten kürzlich die Südostschweiz sowie die Sendung 10vor10 des Schweizer Fernsehens SRF.

Generell kommen Übergriffe aber weniger in Heimen oder Institutionen vor, sondern eher im häuslichen Bereich, wo kein professionelles Pflegepersonal sich gegenseitig auf die Finger schaut. Barbara Baumeister, Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat zu diesem Thema eine Studie mit dem Titel «Schutz in der häuslichen Betreuung alter Menschen» veröffentlicht.

Die meisten Misshandlungen passieren aufgrund von Überlastung, sagt sie:

«Angehörige übernehmen die Pflege oft, ohne sich Gedanken zu machen, wie lange die Situation andauern kann und dass sie mit zunehmender Krankheit belastender wird.»

So sind es denn auch über 80 Prozent der pflegenden Angehörigen, die die Situation selbst als eher stark oder sehr stark belastend empfinden, wie der Studie zu entnehmen ist. An die Öffentlichkeit kommen meist nur medienwirksame Fälle von Gewalt gegen ältere Menschen. Bei der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA) gehen hingegen täglich Beschwerden ein.

Bei Verdacht

Gespräch mit pflegenden Angehörigen suchen

Beratung am nationalen oder kantonalen Alzheimertelefon

Hausarzt/Hausärztin mit einbeziehen

Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA) einschalten

KESB einschalten

Prävention für Angehörige

Hilfe annehmen, Hilfe annehmen, Hilfe annehmen; Pro Senectute, Spitex, Entlastungsdienst Rotes Kreuz etc. helfen weiter

Verlässliche Zahlen gibt es für die Schweiz nicht. Gemäss Bundesamt für Statistik betrafen im Jahre 2013 4,5 Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt Menschen über 60 Jahre. Man geht aber von einer Dunkelziffer aus und nimmt an, dass häusliche Gewalt in Betreuungssituationen ein ernstzunehmendes Problem darstellt. 

Doch was ist zu tun, wenn man als aussenstehende Person einen Verdacht auf Misshandlung hat? «Wenn man näher involviert ist, kann man an die UBA gelangen», sagt Baumeister. Dort gibt es eine Fachkommission mit Juristen, Ärzten, Psychiatern, Pflegenden und Sozialarbeitenden im Hintergrund. Je nach Beschwerde delegieren sie eine Fachperson.

Die Dozentin und Leiterin des Forschungsprojektes hat die Erfahrung gemacht, dass es im häuslichen Bereich länger dauert, bis jemand aufmerksam wird oder sich für Unterstützung an eine Stelle wendet. An die KESB zu gelangen, die dann weitere Abklärungsschritte einleitet, wäre der offizielle Weg, fügt Barbara Baumeister an.

Hilfe annehmen – das A und O

Menschen mit Demenz zu betreuen, kann für Angehörige äusserst anspruchsvoll sein. Weglaufgefahr, Aggression, Störungen bei alltäglichen Verrichtungen, psychische Begleiterscheinungen, Nachtaktivität usw. führen oft zu Überforderung. Diese Überforderung kann zu physischen und psychischen Misshandlungen führen. Umgekehrt können sich Menschen mit Demenz schlecht oder gar nicht gegen Misshandlungen wehren.

Stefanie Becker, Geschäftsleiterin von Alzheimer Schweiz, empfiehlt bei Verdacht auf Misshandlungen neben der UBA auch die Hausärztinnen und Hausärzte als Ansprechpersonen nicht zu vergessen oder sich an das Alzheimertelefon (024 426 06 06) zu wenden. «Dort werden persönliche Beratungen angeboten – denn es gilt, jede dieser sensiblen Situationen individuell anzuschauen.»

Für Stefanie Becker ist klar, dass im Kontext mit Demenz das Unwissen um die besonderen Verhaltensweisen der erkrankten Menschen sowie die daraus resultierende Überlastung die häufigsten Ursachen für Gewalt sind. «Die pflegenden Angehörigen fühlen sich häufig mit ihrer Verantwortung allein gelassen.» So entstehe ein psychischer Druck, der zu entsprechenden Reaktionen führen könne.

Die Formen der Gewalt können physischer Natur sein, sind aber mehrheitlich subtiler, wie beispielsweise Ungeduld, verbale Übergriffe, das Nichterfüllen von Bedürfnissen, Beleidigungen oder Liebesentzug.

«Manches davon erscheint auf den ersten Blick nicht sehr schlimm, aber für einen Menschen mit Demenz, dem in seinem eigenen Empfinden die Welt entgleitet, können solche Verhaltensweisen eine wesentliche Bedeutung für Wohlbefinden und Lebensqualität haben», ist Becker überzeugt.

Sinnvoll ist es, wenn sich Angehörige bereits zu Beginn der Pflege Gedanken machen. Doch viele schlittern in diese Rolle hinein, ohne es zu merken.

«Es gilt, sich frühzeitig zu überlegen, wie man sich Auszeiten nehmen kann, wo man Hilfe bekommt und wie man die Arbeit verteilen kann»

Barbara Baumeister
Es sei auch wichtig, mit der betroffenen Person selbst zu reden, da fremde Hilfe oft nicht gerne angenommen werde. Baumeister rät aber trotzdem nicht davon abzusehen, professionelle Hilfe anzunehmen: «Es geht darum, es auszuprobieren. Häufig sind danach beide Seiten erleichtert.»

In schwierigen Fällen empfiehlt sie, sich bei der Beratungsstelle der Pro Senectute für eine Konfliktlösung zu melden. In Fällen, in denen es um Menschen mit Demenz geht, eignet sich auch Alzheimer Schweiz als Ansprechpartner. Auch Stefanie Becker betont: «Nur gesunde Helfende können wirklich helfen.»

Leider werde es oft als eigenes Versagen empfunden, Hilfe anzunehmen. Sie empfiehlt auch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen für Angehörige, in denen diese die Erfahrung machen, dass sie nicht allein sind mit ihren Sorgen und gegenseitig voneinander lernen können.

KESB als letzte Möglichkeit

Die Spitex der Stadt Luzern bietet seit einiger Zeit Kurse für pflegende Angehörige an. «Sie sollen dort vor allem lernen, Hilfe anzunehmen», sagt Barbara Hedinger, Bereichsleiterin Prozess- und Qualitätsmanagement bei der Spitex Stadt Luzern. Im Kurs werden die Angehörigen aufgefordert zu erzählen, was sie zu Hause alles machen. «Vielen wird erst dann bewusst, wie viel das eigentlich ist», sagt Hedinger.

Die Spitex Stadt Luzern ist eine der Spitex-Organisationen, die ein ausführliches Konzept zur Betreuung von Menschen mit Demenz geschrieben hat. Ein schweizweites Konzept gibt es nicht. «Bei uns werden seit einem Jahr alle Menschen mit Demenz von Pflegepersonal mit einer Zusatzausbildung in diesem Bereich betreut», sagt Hedinger.

Es sind maximal vier Betreuende, die einen Menschen mit Demenz pro Jahr pflegen. Dies erhöht die Sensibilität für Fälle von Gewalt oder Misshandlungen. Ist ein Verdacht da, so handelt die Spitex Stadt Luzern nach einem klaren Ablauf:

  • Kontakt zu Angehörigen (Belastungsfaktoren eruieren/Lösungen in Form von Entlastungsmöglichkeiten suchen)
  • Hilft das nichts, eine Fallbesprechung anstreben (was könnte man noch versuchen?)
  • Wenn alles nichts nützt  –  die KESB einschalten

Barbara Hedinger ist froh, wenn es nicht so weit kommen muss. Bis die KESB Massnahmen ergreifen könne, dauere es, und die Betroffenen kündigten meist sofort bei der Spitex. «Das Wissen, dass die Betroffenen den Misshandlungen dadurch noch länger ausgesetzt sind, ist schwierig auszuhalten.»


im Video: Albert Wettstein von der Fachstelle der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter


Quelle alzheimer.ch/youtube

 

Informationsbroschüre der ZHAW für Betreuende und Betreute: «Häusliche Betreuung alter Menschen»

Publikation
Baumeister, B. & Beck, T. (Hrsg.). (2016). Schutz in der häuslichen Betreuung alter Menschen: Misshandlungssituationen vorbeugen und erkennen – Betreute und Betreuende unterstützen. Bern: Hogrefe

erschienen: 03.05.2017

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