Jubiläum

«Pro Senectute hat mit der gesellschaftlichen Entwicklung Schritt gehalten»

Das neue Logo ist Teil des aufgefrischten Erscheinungsbilds der gemeinnützigen Organisation.
Das neue Logo ist Teil des aufgefrischten Erscheinungsbilds der gemeinnützigen Organisation.

Vor hundert Jahren wurde sie als Hilfswerk gegründet, heute ist Pro Senectute eine zeitgemässe und zukunftsorientierte Organisation für ältere Menschen und deren Angehörige. Werner Schärer, Direktor von Pro Senectute Schweiz, schaut zurück und blickt in die Zukunft.

Von Uschi Vollenwyder, Pro Senectute

Die Pro Senectute wird hundert. Was wünschen Sie ihr zum Jubiläum?

Werner Schärer: Ich wünsche ihr, dass sie so erfolgreich weiterarbeitet wie bis anhin und mit Professionalität und Innovationskraft den Herausforderungen der Zukunft begegnet. Sie ist ja eine gesamtschweizerische Organisation mit einer starken lokalen Verankerung.

Äusseres Zeichen dafür ist das neue Erscheinungsbild. Pro Senectute tritt überall unter dem gleichen Logo und dem Slogan «gemeinsam stärker» auf. Diesen Weg wollen wir weiter gehen.

Werner Schärer
Werner Schärer Bild Sonja Ruckstuhl/Zeitlupe

Vor hundert Jahren hat wohl niemand diese Entwicklung von Pro Senectute vorausgesehen …

Pro Senectute entstand mitten im Ersten Weltkrieg aus einer grossen Not heraus: Altersarmut war weit verbreitet.

Wer nicht mehr arbeiten konnte und von seiner Familie nicht versorgt wurde, hatte ein schweres Los.

Diesen bedürftigen «Greisen und Greisinnen» wollte die Stiftung «Für das Alter» einen würdigen Lebensabend ermöglichen. Es ist eine grossartige Leistung, dass dieses Ziel erreicht worden ist.

Welches sind die Höhepunkte in der Geschichte von Pro Senectute?

Von Anfang an hat sich die Stiftung für die Errichtung einer Alters- und Hinterbliebenenversicherung, die heutige AHV, eingesetzt – so stand es auch in ihren Statuten. 1947 konnten schliesslich die ersten Renten ausbezahlt werden. Das war sicher einer der grössten Höhepunkte in der Schweizer Sozialgeschichte und damit auch in der Geschichte von Pro Senectute.

Wo sind weitere Erfolge zu erkennen?

Pro Senectute schafft es bis heute, von Armut betroffene ältere Menschen finanziell so zu unterstützen, dass sie trotz materieller Schwierigkeiten ein selbstbestimmtes Leben führen können. Damit hat sie ein weiteres Ziel ihrer Gründungsväter erreicht.

Werner Schärer

Werner Schärer wurde 1954 in Herisau geboren, wuchs im Appenzellerland auf und besuchte die Kantonsschule in St. Gallen. Er studierte an der ETH Zürich Forstingenieur und erwarb an der Universität Zürich das Lizenziat in Rechtswissenschaften. Danach arbeitete er zunächst im zürcherischen Forstdienst und wechselte später zum Bundesamt für Umwelt. Sieben Jahre war er als Eidgenössischer Forstdirektor tätig. Seit dem 1. Januar 2007 ist er Direktor von Pro Senectute Schweiz. Werner Schärer ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau Beatrice in der Nähe von Zürich.

Pro Senectute hat sich zudem stets weiterentwickelt; neue Dienstleistungen wurden auf den Markt gebracht und weitere Beratungsstellen eröffnet. Heute sind wir eine vielseitige Organisation, und unsere unterschiedlichen Angebote tragen tagtäglich zur guten Lebensqualität vieler Seniorinnen und Senioren bei.»

Welches ist für Sie der Grund für diese erfolgreiche Pro-Senectute-Geschichte?

Es ist Pro Senectute gelungen, mit der gesellschaftlichen Entwicklung mitzuhalten oder ihr sogar ein bisschen voraus zu sein. Sie hat die jeweiligen Bedürfnisse erkannt und entsprechend gehandelt. So wurde aus dem einstigen Hilfswerk eine zeitgemässe und zukunftsorientierte Organisation im Dienst der älteren Menschen.

Im Jubiläumsbuch «Eine Jahrhundertgeschichte. Pro Senectute und die Schweiz 1917 bis 2017» wird diese Entwicklung ausführlich beschrieben und in den Kontext der Schweizer Sozialgeschichte gestellt.

Wie sieht Pro Senectute in hundert Jahren aus?

Seniorinnen und Senioren werden dann bestimmt ganz anders leben. Ich denke da etwa an die technologischen Entwicklungen. Sie bieten älteren Menschen grosse Chancen, fordern sie aber oft auch heraus.

Diesem Wandel werden wir unsere Angebote anpassen müssen und damit mithelfen, dass die Digitalisierung keine Verlierer produziert.

Wir gehen mit der Zeit und werden dies auch künftig tun. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir auch in hundert Jahren noch die kompetente Ansprechpartnerin für Altersfragen sein werden.

«Im Bereich der finanziellen Unterstützung wünsche ich mir, dass es Pro Senectute im Jahr 2117 nicht mehr brauchen wird.»

Dies deshalb, weil es allen Mitgliedern der Gesellschaft – jungen und alten – so gut geht, dass finanzielle Unterstützung von Organisationen wie Pro Senectute überflüssig wird. Meine Hoffnung ist, dass dies keine Illusion bleibt.

Wie hat sich die Kundschaft verändert?

Die heutigen 65-Jährigen, die sogenannten Babyboomer, sind ganz anders als die Generation vor ihnen. Wer finanzielle Unterstützung wie zum Beispiel Ergänzungsleistungen braucht, weiss heute, was ihm zusteht, und fordert diese Unterstützung auch ein.

Auf der anderen Seite geht es der grossen Mehrheit der älteren Generation gut, sie ist gesund, finanziell abgesichert, aktiv und interessiert. Aber der Schere, die sich innerhalb der älteren Bevölkerungsschicht zwischen reich und arm, gesund und krank sowie sozial integriert bzw. vereinsamt immer noch weiter öffnet, muss Pro Senectute Rechnung tragen.

Welche Aufgaben kommen auf die Organisation zu?

Zum einen müssen wir unsere Finanzierung sichern: Die Bundesmittel werden knapper, der Spendenmarkt ist umkämpft. Damit wir auch künftig in der ganzen Schweiz erschwingliche Angebote für Seniorinnen und Senioren anbieten können, sind wir immer auf der Suche nach ergänzenden Ertragsquellen – seien dies neue Angebote von uns oder auch Partnerschaften mit steht. Unternehmen aus der Wirtschaft.

«Den grossen Herausforderungen der Zukunft kann sich Pro Senectute nur stellen, wenn sie auf finanziell sicheren Beinen steht.»

Welche Herausforderungen meinen Sie?

Zum Beispiel die Altersreform 2020. Infolge der demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung ist eine Revision der AHV zwingend notwendig. Die umfassende Paketlösung mit einer gemeinsamen Revision von erster und zweiter Säule – wie sie der Bundesrat vorschlägt – muss aus sozialpolitischer Sicht gelingen: Sie gewährleistet die Finanzierbarkeit der Renten für die nächsten 10 bis 20 Jahre.

Für mich befindet sich die Alterspolitik an einem Scheideweg – vergleichbar mit der Situation von 1947, als die AHV eingeführt worden ist. Nun müssen alle einen Schritt aufeinander zu machen. Deshalb setzt sich Pro Senectute auch so engagiert für die Rentenreform ein.

Gemäss der Stiftungsurkunde von 1917 ist Pro Senectute politisch neutral …

Ihre Ziele, nämlich das Wohl, die Würde und die Rechte der älteren Menschen zu erhalten und zu verbessern, kann sie nur erfüllen, wenn sie politisch Stellung bezieht.

«Wir betreiben Sachpolitik im Interesse aller Generationen. Aus der Parteipolitik hingegen halten wir uns ganz bewusst heraus.»

Kommen dabei nicht zwangsläufig die jüngeren Generationen zu kurz?

Wenn es der Politik gelingt, die gesetzgeberischen Prozesse der demografischen Entwicklung und damit dem höheren Lebensalter anzupassen, ohne dabei die Solidarität innerhalb der Generationen zu überreizen, glaube ich an eine solidarische Zukunft in unserem Land.

Der Generationendialog, respektive die Generationensolidarität, ist keine Einbahnstrasse von unten nach oben. Auch ältere Menschen tragen viel zu einer solidarischen Gesellschaft bei, indem sie ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihr Können zur Verfügung stellen. Sie leisten wertvolle Freiwilligenarbeit und erbringen damit Leistungen, die der Staat nicht finanzieren könnte – beispielsweise als Grosseltern oder als Angehörige in der Pflege von Familienmitgliedern.

Aber es ist davon auszugehen, dass auch Senioren und Seniorinnen in Zukunft mit gewissen «Selbstverständlichkeiten» nicht mehr rechnen können.

«Das Thema Generationendialog wird uns auch in Zukunft stark beschäftigen.»

Wir thematisieren dies bereits an verschiedenen Anlässen im Jubiläumsjahr auf eine etwas andere Art – nämlich mit Musik!

Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester kommt mit uns auf Konzerttournee und wird den Film «Modern Times» von Charlie Chaplin in Bern, Zürich, Lugano und Montreux live begleiten.

Was erhoffen Sie sich vom Jubiläumsjahr?

Der Bevölkerung soll bewusst werden, welche unverzichtbare Organisation Pro Senectute für die Schweiz ist, da sie denjenigen, die Hilfe und Unterstützung brauchen, mit Rat und Tat zur Seite steht. Aber auch, weil sie mit ihren Dienstleistungen und Angeboten für alle Seniorinnen und Senioren und deren Angehörige eine kompetente und professionelle Anlaufstelle ist. Hoffentlich auch in den nächsten 100 Jahren …

Video: Schweizer Jugendsinfonie-Orchester spielt Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 5, 4. Satz


Quelle youtube


 

Dieses Interview erschien in der Sonderausgabe des Magazins Zeitlupe: 100 Jahre Pro Senectute, April 2017. Herzlichen Dank für die Möglichkeit der Zweitverwertung.

Das Buch zum Jubiläum
Kurt Seifert erzählt leicht lesbar die Jahrhundertgeschichte der Entwicklung von Pro Senectute zwischen 1917–2017. Reich bebildert zeigt das Buch, wie stark sich das Thema Altern in den letzten hundert Jahren gewandelt hat und welch wichtige Rolle soziale Netze dabei spielten.

 «Eine Jahrhundertgeschichte. Pro Senectute und die Schweiz 1917–2017». Das Buch kostet CHF 39 (plus Porto). Lesen Sie hier einen Beitrag zu diesem Buch.

info@zeitlupe.ch

zeitlupe@prosenectute.ch

erschienen: 04.04.2017

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