Prägung durch Geschichte

Österreich: Von der Ostmark zur Demokratie

Der Flakturm im Wiener Augarten erinnert an die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs.
Der Flakturm im Wiener Augarten erinnert an die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs. Bild pd

Das Leben in Österreich wandelte sich zwischen 1940 und 1975 grundlegend. Den düsteren Kriegszeiten, in denen viele Österreicher willfährig der Nazi-Herrschaft dienten, folgten Jahre des mühevollen Aufbaus. Erst in den Sechzigerjahren brach die Gesellschaft zu neuen Ufern auf.

Von Franz Vonwald

Menschen und ihre Prägung verstehen

Was Menschen mit Demenz vor ihrer Erkrankung erlebt haben, muss bei der täglichen Pflege nicht immer von Belang sein – vor allem, wenn die Erlebnisse aus zweiter oder dritter Hand geschildert wurden. Dennoch ist es von Vorteil, wenn wir wissen, was die uns anvertrauten Menschen geprägt hat und in welchem Umfeld sie früher gelebt haben. Historiker aus der Schweiz, Österreich und Deutschland zeigen in ihren Texten auf, wie es sich in diesen Ländern zwischen 1940 und 1975 gelebt hat, was die Menschen beschäftigte und welche gesellschaftlichen Regeln und Werte sie geprägt haben. Weil die Lebensbedingungen in West- und Ostdeutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sehr unterschiedlich waren, enthält das Kapitel auch einen Text über die Alltagsgeschichte der DDR.Über die Bedeutung der Biografie in der täglichen Betreuung von Menschen mit Demenz gibt es unterschiedliche Ansichten. Während die einen Fachleute die Vergangenheit stark in den Alltag einfliessen lassen, lehnen dies andere Fachleute ab und sagen, das Hier und Jetzt sei entscheidend.

In den Kriegsjahren 1939 bis 1945 war Österreich unter dem Namen Ostmark Teil des nationalsozialistischen Deutschen Reichs. Der damalige Alltag ist von den Menschen überaus unterschiedlich wahrgenommen worden. Man stösst in Befragungen einerseits auf familiäre Tradierungsmuster wie Opfer- und Heldengeschichten sowie Distanzierung und Dämonisierung. Anderseits ist Antisemitismus weitergegeben worden, aber auch Ausblendungen und Tabus kommen vor.

Klar ist: Noch jahrzehntelang herrschte das Bild vor, Österreich sei das erste Opfer Hitlerdeutschlands gewesen. Damit rechtfertigten die Zeitgenossen, die das Geschehene nicht wahrhaben wollten, den «Pakt des Schweigens». Einleitend möchte ich die Bilanz der mörderischen Herrschaft Adolf Hitlers für Österreich anführen: Rund 65 000 österreichische Juden, etwa 11 000 österreichische «Zigeuner» (Roma und Sinti) sowie 25 000 Euthanasieopfer sind im Zuge des rassistischen Vernichtungsprogramms ermordet worden.

Ausserdem kamen rund 250 000 österreichische Wehrmachtssoldaten (gefallen oder als dauernd vermisst gemeldet) sowie an die 24 000 Zivilisten ums Leben. Zusätzlich mussten 580 640 zur Arbeit gezwungene Menschen (Polen, Ukrainer, Russen, Tschechen etc.) in der Landwirtschaft oder Industrie schuften. Eines der grössten Arbeits- und Vernichtungslager, das Konzentrationslager Mauthausen, lag auf österreichischem Gebiet.

Die Verfolgten

Die österreichisch-jüdische Bevölkerung: Vor dem Anschluss an Deutschland 1938 lebten 185 250 Juden in Österreich. Im September 1939 waren es nur mehr rund 66 000, nach der Shoa noch 8552. Jüdische Kinder durften in dieser Zeit keine öffentlichen Schulen besuchen. Den Familien war das Aufsuchen eines Parks oder eines Kinos strengstens verboten. Ein «arischer» Arzt durfte keine Juden behandeln, und einheimische Geschäftsleute durften keine Waren an sie verkaufen. Zigtausende österreichische Juden, darunter viele Kinder, wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet. Dort machten oft österreichische Wärter Dienst.

Auf österreichischem Gebiet gab es unter anderem das grosse «Zigeunerlager» in Lackenbach (Burgenland). Von dort wurden österreichische Männer, Frauen und Kinder in Lager im Osten deportiert und dort umgebracht. Auch Hopfgarten in Tirol (Brixental) diente als «Zigeuner-Sammellager».

Der Ariernachweis

Roma und Sinti – die «österreichischen Zigeuner»

Karl Stoika kam in Wampersdorf im Burgenland als Kind einer Roma-Familie zur Welt. Die Gestapo der Nazis holte ihn aus der Schule, als er 11 Jahre alt war. Dann verlud man die Gefangenen in Viehwaggons und transportierte sie ins «Zigeunerfamilienlager» nach Auschwitz/Birkenau (Polen). 83 Menschen wurden in einen Waggon gepfercht. Stoika erzählt: «Hitler hat meinen Vater und meinen kleinen Bruder umgebracht. Von den 83 Personen in meinem Waggon überlebten die Fahrt gerade mal 50 Leute. Gleich am zweiten Tag ist ein Kleinkind gestorben, weil seine Mutter keine Milch hatte. Am Nachmittag sind noch zwei weitere Kinder an Durst gestorben.» Karls Bruder Ossi war erst 6 Jahre alt, als er in Birkenau an Flecktyphus erkrankte und starb. Schliesslich wurde Karl Stoika von der 3. US-Armee befreit. Er überlebte.

Die nationalsozialistische Gesellschaft unterschied «Arier» von «Nichtariern». Diese Unterscheidung fand ihre praktische Umsetzung im «Ariernachweis», auch Ahnenpass oder Abstammungsnachweis genannt. Dieses pseudowissenschaftliche Papier gab darüber Auskunft, ob man «deutschblütig» (arisch), «Mischling 2. Grades», «Mischling 1. Grades» oder «Jude» zu sein hatte.

Neben den oben genannten Bevölkerungsgruppen, die mit dem Ariernachweis ausgegrenzt wurden, waren noch zahlreiche andere von der Verfolgung betroffen: Die «Bibelforscher» (Zeugen Jehovas) wurden ebenso Opfer der Gewalt wie homosexuell veranlagte Menschen.

«Seelsorge sollt ihr betreiben!»

Die NS-Ideologie wollte allgemein die Religion vernichten und an deren Stelle den Nationalsozialismus setzen. Die Bischöfe und Priester der katholischen Kirche forderten anfangs die österreichischen Katholiken dazu auf, für Hitler zu stimmen. Dies war für die Nationalsozialisten ein voller Erfolg. Erst nach gewalttätigen Vorfällen im Herbst 1938 regte sich in der katholischen Kirche ein gewisser Widerstand. Priester erzählen über den Alltag in dieser Zeit: «Seelsorge sollt ihr betreiben! Lasst euch nicht mit Nationalsozialisten ein! Keine öffentlichen Auftritte mit NS-Bürgermeistern!», habe man gehört. Dies zeigt, dass sich die österreichische Kirche eher passiv verhalten hat.

Nur wenige Priester, Nonnen und Laien leisteten wirklichen Widerstand. Es gab diese mutigen Personen aber. Zu nennen sind Franz Jägerstätter und Helene Kafka, die für ihren Glauben starben.

Der politische Widerstand formierte sich in den Reihen der vor 1938 gewählten demokratischen Bürgermeister, Abgeordneten etc. Die Nationalsozialisten schalteten ihn bereits am 1. April 1938 mit dem «Prominententransport» ins KZ Dachau aus. Er sollte sich erst gegen Ende des Krieges neu formieren, zum Beispiel in der Gruppe «O5». Die Kärntner Slowenen, die von den deutschsprachigen, nationalsozialistischen Kärntnern als «Partisanen» verunglimpft wurden, waren ebenfalls Opfer der Verfolgung. Sie gehen heute oft vergessen.

Willfährige Helfer

«Hier trägst du mit! – Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50 000 Reichsmark.» Solche und andere mit abscheulichen Darstellungen illustrierte propagandistische Aussagen gehörten zum Alltag. Sie bereiteten in der Mehrheitsbevölkerung den Nährboden für die Aussonderung und Vernichtung sogenannt unwerten Lebens. Gemeint waren geistig und körperlich behinderte Menschen, aber auch verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche (rund 700 an der Zahl). Sie mussten am Spiegelgrund in Wien (heute Otto Wagner-Spital – Baumgartnerhöhe) leiden und teilweise sterben. Die rund 18 000 in Hartheim (Oberösterreich) unter dem Codewort «Aktion T4» getöteten österreichischen Euthanasieopfer hatten Sterilisierungen, medizinische Versuche und andere Abscheulichkeiten zu erdulden. Hitler fand in seinem Geburtsland willfährige Helfer und Helfershelfer, die derartige Taten erst möglich machten. Für zigtausende Österreicher gilt: «Mauthausen war überall.»

Der Alltag der Kinder

Nachdem im März 1938 die Nationalsozialisten die Macht in Österreich übernommen hatten, veränderte sich das alltägliche Leben schlagartig. Die Jugenderziehung, die Freizeitgestaltung, die Bildung und die Unterhaltung waren in den Händen der neuen Machthaber. Die HJ (Hitlerjugend) und der BdM (Bund deutscher Mädel) waren die Jugendorganisationen. Deren 14 bis 18-jährige Mitglieder trugen Uniformen. Die Knaben trieben Sport und erlernten mit Drill sowie paramilitärischen Übungen den Umgang mit Waffen. Das Erlernen von «fraulichen Tätigkeiten» wie Näh- und Strickarbeiten, Kochen und Maschinenschreiben war das Ziel der Mädchen.

In der Schule unterrichteten viele Lehrer nach nationalsozialistischen Vorgaben. Eine Frau berichtet: «Wir wurden andauernd auf Hitler eingeschworen. Man durfte nicht mehr Grüss Gott sagen. Nun war Heil Hitler zur Grussformel geworden.» Um die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, führten die Nationalsozialisten das «Pflichtjahr» ein. Nun mussten 14-jährige Mädchen ohne Lohn als Kindermädchen, Haushaltshilfe, im sozialen Dienst oder in der Landwirtschaft arbeiten. Sie bekamen nur ein Taschengeld. Was als Arbeitsbeschaffungsmassnahme begonnen hatte, endete in einem Arbeitszwang.

Ein ausgeklügeltes Programm

Mit einem ausgeklügelten Programm gewann Hitler das Volk für seine Ideen. Es gab staatlich organisierte Essensausgaben. Hermann Eder aus Ramsau/Bezirk Lilienfeld erzählt: «Im März und April 1938 habe ich folgendes erlebt: Hitler marschierte in Österreich Mitte März 1938 ein, und bei seinem ‹Siegeszug› von Linz über St. Pölten nach Wien jubelten ihm viele tausend Menschen zu. Gleichzeitig kam aus München, Deutschland, der ‹Bayrische Hilfszug›. Das waren fahrende Küchen, die in die ärmsten Gebiete des Landes fuhren und Essensportionen kostenlos verteilten.

«Die Menschen glaubten nicht nur daran, dass Hitler Brot bringt, sondern viele von ihnen haben die Eintopfgerichte verspeist. Nicht nur einmal hörte ich sagen: ‹Hitler bringt uns endlich was zum Essen›.»

Hermann Eder

Die Nationalsozialisten machten den Muttertag zum «Ehrentag der deutschen Mutter». Ziel war es, dass viele Kinder in die Welt gesetzt werden. Das Mutterkreuz in Silber war die Auszeichnung für sechs oder sieben geborene Kinder. Gold erhielt man ab dem achten Kind. Ausserdem gewährte der Staat kinderreichen Familien Steuererleichterungen. Bei einer Heirat erhielt das Paar ein Ehestandsdarlehen. Erstmals in der österreichischen Geschichte bekamen Eltern eine Geldunterstützung – die Kinderbeihilfe war erfunden.

Kraft durch Freude

Der Slogan «Kraft durch Freude» (KdF) stand für ein gigantisches Bildungs-, Urlaubs- und Unterhaltungsprogramm der Nazis. Die Anhänger Hitlers organisierten Kinderfeste, Führungen, Kochkurse, Kinobesuche, Gymnastikkurse und vieles mehr. Gerne nahm die Bevölkerung auch das Angebot an, mit ermässigter Sonntagskarte Ski zu fahren oder bergsteigen zu gehen. Marta H. aus Kärnten schreibt: «Meine Familie durfte das erste Mal auf Urlaub fahren. Wir fuhren mit einer Busreise ans Meer nach Italien. Stellen Sie sich vor, was das für uns, die wir nichts hatten, bedeutete. Eine finanzielle Unterstützung für den Urlaub bekamen wir von KdF, also von der nationalsozialistischen Partei.»

Die verschuldeten landwirtschaftlichen Betriebe erhielten im Zuge der «Entschuldungsaktion in der Landwirtschaft» Geldzahlungen vom Staat. So konnten die Bauern ihre Höfe retten. In Niederösterreich und im Burgenland bekamen rund 11 000 Betriebe Unterstützung.

Blühender Schleichhandel

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs anfangs September 1939 veränderte sich der Alltag merklich. Das Spitzelsystem der Zellen- und Blockwarte, welche die Bevölkerung auszuspionieren hatten, zeigte sein wahres Gesicht. Nun stand das Denunzieren auf der Tagesordnung. Auch die Sorge um Söhne und Väter nahm zu, denn es hiess nun, «in den Krieg einzurücken». Die 1939 eingeführten Mangelwarenkarten, auch Lebensmittelkarten genannt, brachten Rationierungen. Ziel war es, die ganze Bevölkerung gleichmässig mit Lebensmitteln zu versorgen. Ein blühender Schleichhandel und Hamsterfahrten aufs Land waren die Folge.

Im Krieg wurde an die «Opferbereitschaft der Frauen» appelliert. In Gemeinschaftsarbeit nähte man zum Beispiel warme Kleidung für die im Krieg befindlichen Männer. Ab 1941 mussten die Frauen Kleidung und vieles mehr für das Winterhilfswerk sammeln. Die sogenannte «Heimatfront» erfüllte ihren Zweck. Viele Frauen arbeiteten bereits in der Rüstungsindustrie, um ihre Kinder allein ernähren zu können. Es ist schon makaber, dass gerade die Frauen durch diese Tätigkeit zur Verlängerung des Krieges beigetragen haben.

Das harte Leben der Nachkriegszeit 

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war es zwar von Vorteil, auf dem Land zu leben, denn die Leute waren wenigstens nah an Lebensmitteln dran. Aber es bedeutet auch harte Arbeit, im Besonderen für Frauen und Kinder. Sechs Personen erzählen von ihren Arbeitserinnerungen:

Maria Brandl: «Unsere kleine Landwirtschaft liegt am Berg im niederösterreichischen Voralpenland, bestehend aus Wohnhaus, Küche und zwei Zimmern. Die Toilette war ein hölzernes Plumpsklo beim Misthaufen, zirka 20 Meter vom Wohnhaus entfernt. Bad besassen wir keines. Man wusch sich täglich in der Wasserschüssel, nur am Samstag wurde der Waschtrog in die Küche gestellt, und nacheinander wurden alle Familienmitglieder gebadet. Das Warmwasser hierfür musste in grossen Blechschüsseln am Küchenherd erhitzt werden . . . Ein kleiner Stall mit drei Kühen, zwei Ochsen, einem Jungvieh und einem Stier sowie zwei Schweine, zahlreiche Hühner und gezüchtete Hasen deckten unseren Milch-, Käse-, Eier- und vor allem Fleischbedarf. Zweimal im Jahr wurde ein Schwein geschlachtet und verarbeitet.

«Da es keine Gefriertruhe gab, musste Fleisch eingesalzen (gepökelt; Red.) und in der eigenen Küchenofenselch geräuchert werden. Ein eigener Kartoffelacker mit angrenzendem Fisolen- (Bohnen; Red.) und Krautacker rundete neben dem grossen Gemüsegarten unser Vitaminsortiment ab.»

Maria Brandl

Im Frühjahr wurde mit den Ochsen und dem Pflug der Acker bereitet, das Erdäpfellegen konnte beginnen. Gute Pflege und ein bisschen Glück liessen prächtige Erdäpfel wachsen, die im Herbst ausgenommen und in den Keller eingelagert wurden. Schwerarbeit war das . . . Frauenarbeit war im Besonderen das Einrexen (Einkochen vom Obst und Gemüse; Red.). Für einen ganzen langen Winter wurden für alle Esser des Hauses Einkochgläser gefüllt, erhitzt und in einem kalten Raum aufbewahrt. Das Kraut haben wir gehachelt und in grosse Krautfässer mit den Füssen eingetreten, sodass wir für ein halbes Jahr Sauerkraut zur Verfügung hatten. Das Jahr über gab es viel Arbeit, um die Familie versorgt zu wissen.»

Wasser holen vom Hausbrunnen

Lora Barniak: «Der Brunnen stand vor dem Haus und bot für drei Häuser, für Mensch und Tier das benötigte Wasser. In unserem Haus wohnten die Grosseltern, meine Eltern, meine Schwester und ich. Vier Kühe standen im Stall. Gänse und Hühner bevölkerten den Hof. Alle benötigten Wasser. Das Wasser vom Brunnen ins Haus zu tragen, war meine Aufgabe. Für die Tiere allein musste ich täglich zwölf Kübel Wasser holen.

Besonders schlimm war es an einem Waschtag. Am Vorabend holte ich Wasser zum Einweichen der Wäsche. Am Morgen musste ich Wasser für den Kessel holen, in dem Wäsche gekocht wurde. Geschwemmt wurde die Wäsche direkt beim Brunnen oder bei Trockenheit am Bach. Im Winter war es besonders schwer, weil es kalt war und die Finger ganz steif wurden.»

«Einmal in der Woche war Badetag. Da musste mehr Wasser ins Haus geholt werden. Nacheinander badeten alle im selben Wasser. Wasser war ein kostbares Gut.»

Lora Barniak

«Bei uns zu Hause wurde zweimal im Jahr, nur zur kalten Jahreszeit, eine Sau abgestochen. Da grosser Wert auf Erzeugung von Fett, Schmalz, gelegt wurde – die schwere Landarbeit verlangte kalorienreiche Nahrung – waren Schlachtschweine bis zu 200 Kilogramm schwer und mit einer bis zu 5 Zentimeter dicken Fettschwarte keine Seltenheit. Die Vorbereitungen für das Sauabstechen erfolgten bereits am Tage vorher.

Vieles musste bereitgestellt werden. Ein Sautrog mit zwei Ketten, auf welche das tote Tier gelegt werden konnte, zwei Blechkübel, mit welchen kochendes Wasser transportiert und über den Körper gegossen wurde, der vorher befeuchtet und mit Saupech (Kolophonium, zerrieben; Red.) eingerieben worden war. Nach erfolgter Enthaarung mit den Ketten und der Glocke (hiermit wurden die restlichen feinen Borsten entfernt; Red.) wurde das tote Tier aufgehängt, der Kopf entfernt, der Körper in zwei Hälften geteilt, die Innereien ausgenommen und zum Auskühlenlassen gelegt.

Der Neuanfang nach dem Zusammenbruch von 1945 gestaltete sich äusserst schwierig.
Der Neuanfang nach dem Zusammenbruch von 1945 gestaltete sich äusserst schwierig. Bild pd

Am Hackstock wurden die Hälften zerlegt und zum Pökeln vorbereitet. Die Gedärme mussten getrennt werden, der Dickdarm gewendet und gereinigt. Er bekam Blutwurstfüllung, der Magen wurde ebenso gewendet und gereinigt und mit Presswurstfüllung versehen (Fleisch aus dem Kopf des Schweines; Red.). Nach der Reinigung des Dünndarms wurde er mit Wurstbrät gefüllt. Geräucherte Bratwürstel wurden gerne gegessen. Sogar die gereinigte Harnblase diente getrocknet zum Verschliessen von Einsiedegläsern. Alles wurde am Hof verwertet.»

Hausbau, alles mit der Hand

«Die Bauzeit des Hauses dauerte von 1949 bis 1952. Eltern, Verwandte, Freunde und im Besonderen die Nachbarn halfen beim Bau mit. Das Erdreich, das für den Keller ausgehoben werden musste, wurde damals händisch ausgeschaufelt, da kein Bagger zur Verfügung stand beziehungsweise wir ihn uns nicht leisten konnten. Das Bauholz für den Dachstuhl kaufte mein Vater beim Bauern. Selbstverständlich musste er es im Wald schlägern, im Sägewerk schneiden lassen, mit einem Pferdefuhrwerk auf die Baustelle bringen lassen, um es mindesten ein Jahr zu trocknen.

Den Zement besorgten wir einzeln in Säcken aus der Greisslerei (eigentlich: Lebensmittelladen) im Dorf. Jetzt erst begann die Schwerstarbeit: Ohne Mischmaschine wurde in einem Trog der Mörtel erzeugt und mit den im Bachbett gesammelten Steinen in tagelanger Arbeit der Keller gemauert. So ging es weiter, sodass nach eineinhalb Jahren der Dachstuhl aufgesetzt werden konnte. Fenster und Türen tischlerte ein befreundeter Tischler. Fast jede Tätigkeit beim Hausbau wurde selbsttätig erledigt.»

«Früher wurden die Haare nicht mit Spray gestylt, sondern mit Zuckerwasser. Zur Erstkommunion meiner Tante 1951 sollte sie besonders schön sein. Das Zuckerwasser wurde zubereitet und dann direkt im langen Haar verteilt. Im Anschluss sind Papierröllchen sorgfältig gerollt worden, die als Lockenwickler dienten. Strähne für Strähne des kandierten Haares wurde mit solch einer Papierrolle eingewickelt. Eine Nacht lang musste meine Tante noch mit den Papierrollen im Haar überstehen. Lange dauerte das Rausnehmen der Papierrollen. Das war noch nicht alles. Das Haar musste gebürstet werden. Welch eine Strapaze. Das Durchkämmen schmerzte sehr, doch letztendlich konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Nun ja, Schönheit muss leiden.»

«Damals nach dem Krieg hatten wir eine schwere Zeit. Meine Eltern konnten für uns 14 Kinder keine Kleider kaufen. Da das Geld sehr knapp war, waren wir sehr froh, dass wir das Nötigste von unseren Bekannten bekamen. So auch mein Erstkommunionskleid. Und die schwarzen Schuhe. 1947 hatte ich am weissen Sonntag Erstkommunion. Zuerst schämte ich mich wegen meiner Schuhe, aber ich war zum Glück nicht die Einzige mit nicht dazu passenden Schuhen. Wir bekamen nach dem Kirchgang im Gasthof Suppe und Würstel, die von der Pfarrgemeinde spendiert wurden. Zum Trinken gab es Himbeersaft. So ein Essen bekamen wir damals nur selten». Soweit die Berichte aus einer schwierigen Zeit. 

Die Haupteigenschaften einer Hausfrau waren Fleiss, Reinlichkeit, Ordnungsliebe und Sparsamkeit. Sie hatten zum Ziel, dass der Haushalt so zu führen sei, wie es zum Glück und Wohlergehen der Familie notwendig ist. Die Hausfrau hatte Pflichten: Zubereiten der Speisen, Ordnung und Reinlichkeit in Wohnung und Kleidung, sparsames Haushalten und richtiges Verwalten des Geldes, Pflege der Kranken und die Erziehung der Kinder. Reinlichkeit und Ordnung waren die obersten Gebote. Die Reinlichkeit muss sich auf alles erstrecken: auf den Körper, die Wäsche und die Kleidung, die Betten, Wohnräume und besonders auf die Küche. Nach dem Aussehen der Küche wurde die ganze Haushaltsführung beurteilt.»

Provinzialismus versus Amerikanismus (1945 bis 1965)

Österreich war zwar von den Alliierten befreit worden, blieb aber doch bis 1955 ein besetztes Land. Viele Familien lebten in Notunterkünften, teilweise in Hausruinen. Der neue Anfang nach dem Zusammenbruch 1945 gestaltete sich äusserst schwierig. Hunger und Mangel an allem bestimmten das Leben nach dem Krieg. Die Nahrungsmittelbeschaffung gehörte zu den dringlichsten Problemen der Menschen.

Ungeheure Schuttmassen lagen auf den Strassen und mussten beseitigt werden. Die «Trümmerfrauen» leisteten einen wesentlichen Anteil an den Aufräumungsarbeiten. Ausserdem war der Mangel an Brennmaterial gross. Holz aus den Bombenruinen oder illegal herbeigebrachtes Holz aus den umliegenden Wäldern musste zum Heizen dienen.

Das Überleben im Alltag wurde durch die «Heimkehrerproblematik» einerseits und die massenhaft eindringenden deutschsprachigen Flüchtlinge anderseits zusätzlich erschwert. «Niemand wusste, wer am Heimkehrerbahnhof Wiener Neustadt ankommen würde . . . Frauen hielten verblasste Fotografien hoch und den Ankommenden entgegen. Sie riefen die Namen ihrer Männer. Kinder mit den Bildern ihrer Väter», erzählt ein Augenzeuge.

Rund 230 000 Österreicher, die zur Deutschen Wehrmacht eingezogen worden waren, galten als gefallen oder vermisst. 100 000 kamen schwer verletzt oder versehrt aus der Kriegsgefangenschaft heim.

Die letzten österreichischen Gefangenen durften nach 10 Jahren die russischen Lager in Sibirien verlassen. An Körper, Geist und Seele erkrankt, versuchten sie in ihrer Heimat und in ihren Familien wieder Fuss zu fassen, was nicht immer gelang.

Der Sieger des Zweiten Weltkriegs hiess Stalin. Die Sowjetunion versuchte ihre Interessen durch-zusetzen und brandmarkte die deutschsprachige Bevölkerung in den sowjetischen Einflussgebieten als «Nazis». Diese gehörten vertrieben oder «ausgesiedelt». So kam es, dass ab 1944 rund
11 Mil-lionen Menschen aus dem Osten vertrieben wurden. Allein in Österreich fanden davon rund 600 000 Unterkunft. Rund die Hälfte blieb ein Leben lang. Man nannte sie in Österreich die
«Sudetendeutschen» oder die »Donauschwaben». Sie waren oftmals nicht willkommen. Doch sie mussten verpflegt werden. Die nötigen Unterkünfte waren nicht immer vorhanden.

Elend in der russischen Zone

Die Lebensgewohnheiten waren in den Fünfzigerjahren noch die gleichen wie vor dem Krieg und begannen sich erst langsam zu ändern. Brot, Kartoffeln und Mehl, im Sommer Gemüse, waren die häufigsten Nahrungsmittel. Fett war sehr wertvoll. Fleisch kam nur am Sonntag auf den Tisch. Viele Familien waren Selbstversorger, vor allem auf dem Land.

Die Alliierten wurden von der Bevölkerung oft als Besatzer empfunden, besonders in der russischen Zone. Diese umfasste Niederösterreich, das Burgenland und das Mühlviertel (Oberösterreich). Von sexuellen Übergriffen der russischen Besatzungssoldaten auf Zivilistinnen wird berichtet. In der sogenannten Westzone sicherte die amerikanische Bevölkerung Österreich das Überleben. Über eine Million gespendete Care-Pakete kamen ab 1946 zur Verteilung. Neben lebensnotwendigen Nahrungsmitteln erhielten diese manchmal auch eine Tafel Schokolade. Viele Kinder kannten eine solche Süssigkeit damals nur aus Erzählungen.

Der 1955 abgeschlossene Staatsvertrag gab der Bevölkerung in Verbindung mit dem Abzug der «Besatzungsmächte» Kraft, Hoffnung und Glauben an die Zukunft. Die neu erworbene Neutralität sollte zur positiven Identitätsfindung unseres Landes beitragen.

Nach Kriegsende hatten die Menschen fast nichts zu essen und zum Anziehen. Es mangelte an Arbeit. Deshalb boten Familien in anderen Ländern an, Kinder aufzunehmen. Ein Zeitzeuge: «Sie wurden in den Zug gesetzt und ihnen wurde eine Karte mit Namen und Zielort umgehängt. An der Grenze wurden die Kinder gebadet, untersucht und neu eingekleidet. Mein Opa kam als Junge zu einer sehr netten Familie an den Zürichsee».

Der kleine Wohlstand kommt

Das «Zimmer», heute spricht man vom Wohnzimmer, der Fünfziger- und vor allem der Sechzigerjahre illustrierte ein neues Lebensgefühl, das nach den Mängeln der Nachkriegszeit zu entstehen begann. Noch waren die Räume eher klein, doch der Fernsehapparat erhielt einen zentralen Platz. 1957 begann das österreichische Fernsehen zu senden, selbstverständlich in schwarz-weiss und mit nur einem Programm. Das Leseverhalten wurde durch die Angebote der verbreiteten Buchgemeinschaften gefördert. Sehr beliebt war das Lilienporzellan aus Wilhelmsburg in diversen Pastellfarben. Als besonderer Luxus galt der Musikschrank mit integriertem Plattenspieler und Radio. In zahlreichen städtischen Wohnungen erfreuten sich die sogenannten «Nierentische» grosser Beliebtheit.

1958 waren in Österreich erst 33 000 Fernsehgeräte angemeldet. Viele Familien konnten sich noch keines leisten. Ausserdem war man der Ansicht, dass zu viel fernsehen die Kinder beim Lernen störe. Nachrichtensendungen, Spielfilme und vor allem Sportsendungen wurden ab 20 Uhr ausgestrahlt. Zweimal pro Woche gab es ein Kinderprogramm. Begeistert sass der Nachwuchs vor dem Fernseher und schaute «Kasperl». Gegen Ende der Sechzigerjahre stand bereits in jedem dritten österreichischen Haushalt ein Fernsehgerät. In dieser Zeit wurde vor allem bei der Jugend das Kofferradio, welches in die freie Natur mitgenommen werden konnte, beliebt.

Roller und Wurlitzer

In den Fünfzigerjahren waren der Roller und das Moped zum Symbol für Aufschwung und Wohlstand geworden. Der HMW-Roller aus den Halleiner Motorenwerken war neben dem Moped, «Vespa» genannt, beliebt. Auch die Gendarmeriebeamten sowie die Briefträger der Post waren mit den schwarzen Dienstmopeds flott unterwegs. Man fuhr mit Motorrädern, oft mit Beiwagen, sogar in den Urlaub an die Adria. Autobahnen gab es allerdings noch keine nach Italien.

Im folgenden Jahrzehnt wurde dann das Auto zum Statussymbol. Der Steyr-Daimler Puch 500 mit 16 PS war ab 1957 das meistgekaufte Auto in Österreich. Der Kleinwagen für den kleinen Geldbeutel war entwickelt. Ein Liter Benzin kostete damals 3 Schilling und 20 Groschen. Zu Beginn der Sechzigerjahre hatte erst einer von zehn österreichischen Haushalten einen eigenen Kühlschrank. Andere Formen der Haltbarmachung von Speisen wie das Räuchern von Fleisch oder das «Einrexen» von Gemüse und Früchten waren noch eine Selbstverständlichkeit.

Der «Wurlitzer» spielte englische Schlager und auch schon Boogie Woogie. Er war eine grosse Musikbox, die in Gasthäusern und Cafés aufgestellt wurde. Mit dem Einwurf einer Münze konnte man aus 50 bis 100 Schallplatten seinen Lieblingsschlager auswählen. Die gewünschte Musik spielte dann in voller Lautstärke, manchmal wurde dazu getanzt.

Die Erwachsenen hatten der Jugend eine zerstörte Welt hinterlassen, in der Chaos und Orientierungslosigkeit vorherrschten. Die Lebensverhältnisse waren schlecht. In Österreich gab es kaum
Rebellion gegen alte Autoritäten, sie kam aber auch vor. Sie drückte sich aus in speziellen Frisuren und besonderer Mode. Aktuelle Trends aus Amerika wurden übernommen. So auch die Blue Jeans. Modebewusste weibliche Teenager trugen damals allerdings noch keine Hosen, sondern weit schwingende Glockenröcke. Erst zu Beginn der 70er setzte sich das Hosentragen in der weiblichen Jugend durch. Der Reissverschluss war aber noch an der Hose rechts angebracht.

Mitte der 1960er Jahre liefen bei beim Grazer Unternehmen Puch die ersten Roller vom Band.
Mitte der 1960er Jahre liefen bei beim Grazer Unternehmen Puch die ersten Roller vom Band. Bild pd

In der städtischen Jugendmusikkultur spielten Boogie Woogie und Rock‘n‘Roll eine bedeutende Rolle. Das Kommen der Beatles faszinierte die Menschen, auch in Österreich. Die Jugend auf dem Land bekam von der «Amerikawelle» wenig mit. Hier herrschten höchstens die Schlager eines Freddy Quinn mit dem von ihm besungenen Fernweh vor.

Geschlechterrollen brechen auf

Im «Handbuch für die gute Hausfrau» heisst es 1955: «Halten Sie das Abendessen bereit. Planen Sie vorausschauend, evtl. schon am Vorabend, damit die köstliche Mahlzeit rechtzeitig fertig ist, wenn er nach Hause kommt. So zeigen Sie ihm, dass Sie an ihn gedacht haben, dass Ihnen seine Bedürfnisse am Herzen liegen . . . Machen Sie sich schick. Legen Sie Make-up nach, knüpfen Sie ein Band ins Haar, sodass Sie adrett aussehen, wenn er heimkommt . . . Räumen Sie auf . . . Seien Sie glücklich, ihn zu sehen. Hören Sie ihm zu . . . Lassen Sie ihn zuerst erzählen – und vergessen Sie nicht, dass seine Gesprächsthemen wichtiger sind als Ihre.»

Auch Frauenzeitschriften vermittelten das Ideal einer klassischen Rollenteilung. Der erwünschte Lebensstandard der Familien konnte allerdings bald von einem alleinverdienenden Mann nicht mehr finanziert werden, sodass mehr und mehr Frauen in das Berufsleben drängten. Wirtschaftliche Unabhängigkeit und die neue Selbstständigkeit der Frau sollten Umbrüche in Sozialisation und Erziehung hervorrufen. Junge Frauen gingen erstmals in der Geschichte vermehrt an die Universität. Die Mädchen gewannen in den 60er Jahren in zunehmendem Mass an Freiheit.

Die Geschlechterrollen in Alltag und Gesellschaft begannen aufzubrechen. In Amerika war die Frisur «Bubikopf» in den «Roaring Twenties» erfunden worden. In Österreich hatten Mädchen nach dem Krieg noch grösste Probleme mit ihrem Elternhaus, wenn sie eine solche Frisur trugen. «Eine junge Frau trägt langes Haar» war die in den 50er Jahren weiter ausgegebene Devise. Mitte der 60er sollte der «Bubikopf» dann aber Ausdruck eines veränderten weiblichen Rollenverständnisses werden, ebenso der Minirock.

Das soziale Österreich entsteht (ca. 1970)

«Die Menschen in Arbeit halten» war die Maxime des sozialdemokratischen Bundeskanzlers
Dr. Bruno Kreisky. Er sollte in den Siebzigerjahren einen Modernisierungsschub einleiten. Die Begriffe «Bildung der Jugend» und «Emanzipation der Frau» bestimmten den gesellschaftlichen Diskurs. Ein Ziel war es, Jugendlichen aus bildungsferneren, sozial benachteiligten Schichten eine höhere Bildung angedeihen zu lassen. Mit der Abschaffung der Aufnahmeprüfung für die allgemeinbildende höhere Schule wurden soziale Barrieren überwunden. Dazu kamen die Streichung des Schulgeldes, die Einführung der kostenlosen Schulbuchaktion sowie die Schulbusfreifahrt für alle Schüler. Erstmals konnten Kinder der ländlichen Gegenden mittels Schulbus in die Bezirksstadt zum Lernen fahren. Das Stadt-Land-Gefälle wurde damals entscheidend abgebaut.

Der Journalist Peter Michael Lingens meinte vor kurzem über die 70er Jahre: «Das war das beste Österreich, das es je gegeben hat.»

Mit der Schaffung des Borgs (Bundesoberstufenrealgymnasium) eröffnete sich die Möglichkeit, nach der vierjährigen Hauptschule ein Gymnasium zu absolvieren. Die Abschaffung der Studiengebühren an Österreichs Universitäten und damit eines Privilegs der Reichen sollte vielen jungen Menschen neue Bildungsmöglichkeiten eröffnen. Vermehrt profitierten davon auch Frauen.

Wohnen in den Sechzigern
Wohnen in den Sechzigern Bild pd

Via Fernsehen sickerten nun auch brisantere Themen in die bürgerlichen Wohnzimmer ein. Zunächst wurde eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Sexualität, die noch sehr mit Tabus behaftet war, ausgeblendet. Doch war «die Emanzipation der Frau» schon in der zweiten Hälfte der 60er Jahre durch die Antibabypille eingeläutet worden. Diese trug zur Emanzipation essenziell bei, zudem zur Humanisierung der Sexualität. Mit der sogenannten «Fristenlösung», also der Straffreiheit bei Schwangerschaftsabbruch, wurde die Selbstbestimmung der Frau ab 1973 weiter gesteigert.

Über die Hintertür – gemeint sind die Zeitschriften «Quick» und «Bravo» – war Sexualität allmählich ein Reizthema geworden. Die Themen vorehelicher Geschlechtsverkehr, Empfängnisverhütung und Abtreibung bestimmten den gesellschaftlichen Diskurs und führten zu einem besseren Umgang zwischen den Geschlechtern. 1971 wurde die Homosexualität erstmals in der Geschichte des katholischen Österreichs ausser Strafe gestellt.

Das Wochenende beginnt

Die beginnenden Siebzigerjahre waren von Modernisierung, Automatisierung und Beschleunigung des Alltags geprägt. Die Medien (Fernsehen, Radio und die «Kronen-Zeitung») begannen den Alltag zu beherrschen. Die Reduzierung des Wehrdienstes auf sechs Monate sowie die Schaffung des Zivildienstes (1974) sollten jungen Männern neue Chancen eröffnen. Die Heiratsbeihilfe und der sogenannte «Mutter-Kind-Pass», gekoppelt an die Geburtenbeihilfe, rundeten die sozialen Massnahmen jener Zeit ab. Dabei soll nicht vergessen werden, dass die Arbeitszeitverkürzung von 45 auf 40 Stunden pro Woche (1973) eine neue Freizeitgesellschaft entstehen liess. Der Freitagnachmittag wurde arbeitsfrei. Das Wochenende konnte beginnen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es in den 70er Jahren zu einer Demokratisierung der Gesellschaft gekommen ist und Österreich das «diffuse Deutschtum katholisch-barocker Prägung» hinter sich gelassen hat. Doch soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass es damals noch zu keiner Auseinandersetzung mit der braunen Vergangenheit Österreichs kam. Diese sollte erst eine Dekade später erfolgen.

erschienen: 11.05.2016

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