Zum Tag der Pflege

«Wir müssen in die Jugend investieren»

Der Pflege-Influencer Jim Ayag wirbt auf TikTok mit Ironie für seinen Beruf.
Der Pflege-Influencer Jim Ayag wirbt auf TikTok mit Ironie für seinen Beruf. Bilder Jim Ayag/TikTok

Erst wurde er als «Pflege-Kaspar» bezeichnet, nun inspiriert Jim Ayag mit Humor und Selbstbewusstsein Hunderttausende von Pflegenden. alzheimer.ch hat mit ihm über Arbeitsbedingungen, Politik, Lebensqualität und Demenz gesprochen.

Von Martin Mühlegg

alzheimer.ch: Was machst du am Tag der Pflege?

Jim Ayag: Ich werde im Spätdienst arbeiten. Vorher wird auf Social Media einiges los sein. Verschiedene Imagekampagnen werden kommen, wir werden Posts machen zu mehreren Projekten. Ich darf aber noch nichts verraten.

Euer Heim dürfte jetzt durchgeimpft sein. Hat sich die Situation entspannt?

Ja, auf jeden Fall. Ich fühle mich sicherer, die Arbeit ist entspannter geworden – aber ich denke, das empfindet jeder anders. Natürlich sind noch viele Angehörige nicht geimpft, da besteht noch ein Risiko.

Viele Angehörige verstehen nicht, dass Besuche nach wie vor sehr eingeschränkt oder gar nicht möglich sind ...

Solche Fragen stellen wir unter Kolleginnen und Kollegen auch. Warum müssen wir noch Masken tragen und uns testen lassen, wenn wir alle geimpft sind? Warum sind die Besuche so eingeschränkt? Es besteht eben noch immer ein Risiko.

Es sind ja nicht alle Angehörigen geimpft. Unter ihnen gibt es auch Impfgegner und Querdenker, die das alles für Humbug halten. Auch wenn die Impfung einen schweren Verlauf verhindert, will man trotzdem keine Coronafälle haben in einer stationären Einrichtung.

Jim Ayag (35) arbeitet als Altenpfleger auf der Demenz-Station des Krankenhauses Bethanien in Moers (NRW). Unter dem Namen «Jimboy» ist er zum erfolgreichsten Pflege-Influencer Deutschlands geworden. Über TikTok und Instagram inspiriert er hunderttausende von Menschen. Er engagiert sich für die Pflegepetition der Zeitschrift «Stern». Für die «Liga der aussergewöhnlichen Pfleger» wirbt er in Schulen für den Pflegeberuf.

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Was denkst du: Wann werden wir wieder normal leben und arbeiten können?

Hier in der Bundesrepublik wird jetzt darüber gesprochen, dass Geimpfte die Grundrechte zurückbekommen. Es ist verständlich, dass ganz scharf diskutiert wird. Es kann ja nur Privilegien geben, wenn die Impfdosen für jeden da sind, sonst wäre es unfair.

Manchmal denke ich: Nee, komm jetzt, ich hab mich impfen lassen und jetzt will ich auch wieder in die Normalität.

Ich hab vorhin noch mit meinem Mann darüber gesprochen, dass ich halt dieses innerliche Bedürfnis habe, einfach alles normal haben zu wollen. Ich hoffe, dass bis Ende Jahr ein bisschen Normalität zurückkommt. Wir sollten uns aber auch bewusst sein, dass wir teilweise auf ganz hohem Niveau stöhnen – siehe zum Beispiel Indien.

Du «verkaufst» deinen Beruf positiv und humorvoll. Warum bist du Pfleger geworden?

Ich bin in einer Pflegefamilie gross geworden. Meine Eltern sind Altenpfleger, meine Mutter noch aktiv, mein Vater mittlerweile in Rente, meine Geschwister sind auch in der Altenpflege. Zuerst hatte ich Vorurteile und wollte wie viele andere nicht in diesen Beruf. Ich machte dann psychosoziale Betreuung im psychiatrischen Bereich. Ich merkte aber, dass es mich ins Pflegerische zieht. Ein innerliches Gefühl bestätigte mir, dass ich mich richtig entschieden habe.

Du hast eine intensive Arbeitswoche hinter dir. Welche Ereignisse sind dir speziell in Erinnerung geblieben?

Diese Woche war der Medizinische Dienst der Krankenkasse bei uns. Wir wurden kontrolliert. Ich führte das Fachgespräch, die Bezugs-Pflegekräfte wurden dazu geholt. Es war für mich das erste Mal, dass ich sowas gemacht habe.

Anfangs war ich sehr nervös, dann hab ich gemerkt: Ich kann einfach das sagen, was ich gelernt habe und was ich täglich mache, so zeigt sich Qualität. Es ist alles gut gelaufen, das war mein persönliches Highlight.

Ich gratuliere! Wie war die Stimmung im Team?

Danke! Naja, da gab es wieder so eine typische Altenpflege-Sache: Im Kollegium wird viel gemeckert, die eine Schicht gegen die andere. Man regt sich darüber auf, dass ein Handtuch oder ein Kleiderschutz nicht da hingelegt wurde – so Kleinigkeiten halt.

Wenn dann eine Kontrolle kommt oder man unter den schwierigen Corona-Bedingungen arbeiten muss, merkt man, dass es Hand in Hand klappt – ohne gegeneinander zu arbeiten und zu meckern. Jeder weiss dann, was er zu tun hat, jeder kennt seine Position und funktioniert.

Offenbar fördern Krisen den Teamgeist ...

Wir haben im Team darüber gesprochen, dass es schön ist, dieses Gefühl des Teamgeistes wieder zu haben. Gerade in der ersten Welle war auf einmal eine Verbundenheit da. Jeder wollte das Beste für die Bewohner, das Beste für sich und die Kollegen.


Du arbeitest auf einer Demenz-Station mit 34 Bewohnerinnen und Bewohnern. Gemäss einer Umfrage wären mehr als die Hälfte der Schweizer lieber tot als dement. Was hast du den Menschen zu sagen, die ein Leben mit Demenz nicht lebenswert finden?

Seinen eigenen Geist zu verlieren ist natürlich beängstigend. Aber genau deswegen sollten wir in der Pflege ganz laut werden und uns für unseren Beruf einsetzen, damit wir mehr werden. Wenn die Pflege gut ist, kann man mit Demenz super umgehen. Und wenn wir professionelle Pflegekräfte haben, kann es Lebensqualität geben mit Demenz.

Worauf kommt es an bei einer guten Demenzbetreuung und -pflege?

Das Wichtigste ist die Empathie, weil Demenzkranke hauptsächlich über Gefühle kommunizieren. Gute und geschulte Beobachtung ist auch sehr wichtig. Pflegekräfte, die das nicht können, sind ganz schnell überfordert. Und dann kommen halt die in den Bereich, die das wirklich aus Passion machen.

Mit dem Thema «Altenpflege» erreichst auf Social Media Hunderttausende von Menschen. Hat dich dieser Erfolg überrascht?

Anfangs schon. Damals unterstellten mir die Fachpersonen auf den Social-Media-Kanälen, ich werde so nichts erreichen, ich wurde «Pflege-Kaspar» genannt. Viele haben meine Videos erst gar nicht verstanden, bis sie sich ein bisschen mehr mit der Materie beschäftigt haben. Dann hab ich gemerkt: Okay, ich krieg ganz viele Pflegekräfte, die sich sonst mit den typischen Altenpflege-Videos identifizieren. Das motivierte mich.

Es ist irgendwie überall gleich: Man regt sich über die gleichen Themen auf. 

Ich hab dann ganz viel Feedback von Kolleginnen und Kollegen bekommen. Die meinten: «Irgendwie motivieren mich deine Videos, weiterzumachen, und irgendwie bekomme ich wieder Lust auf meinen Job

Welches sind deine wichtigsten Botschaften?

Meine allerwichtigste Botschaft ist, dass meine Kolleginnen und Kollegen in sich gehen und überlegen, warum sie den Beruf erlernt haben. Sie sollen das Positive wieder hervorrufen und das auch nach aussen tragen.

Wir können keine junge Menschen in die Pflege bekommen, weil wir ein massives Imageproblem haben.

Ich vergleiche die Pflege immer mit dem Flughafen in Berlin, der eine never ending story war. Unsere Baustelle ist riesig, sie geht in sämtliche Sparten. Alle verlangen, dass sich die Situation von jetzt auf gleich ändert. Es wird aber ein Prozess sein, und wir müssen uns alle daran beteiligen. Statt uns zu ärgern sollten wir uns reflektieren, uns organisieren und viel, viel selbstbewusster sein.

Der Sozialwissenschaftler und ehemalige Pfleger Stefan Sell zur Demenzstrategie

Nationale Demenzstrategie

«Alle haben sich weggeduckt»

Diese Botschaft verbreitest du auch im Zusammenhang mit der Pflegepetition, in der du dich engagierst. Es gab vor ein paar Wochen die Anhörung in Berlin. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und einige Abgeordnete waren da. Gefiel dir diese Anhörung?

Es war natürlich sehr ernüchternd.

Von der Anhörung selbst hatte ich einen guten Eindruck. Dem Minister und allen Parteien ist klar, dass es Verbesserungen braucht. Es ist auch Geld bereitgestellt worden für eine fünfstellige Zahl zusätzlicher Betreuer und Pfleger.

Ja, eigentlich schon. Aber wenn man dann das mit den Tarifverhandlungen von ver.di und so hört, und Caritas das alles boykottiert und niedergeschmettert hat ... Es gibt die Pflegenden, die für private Träger arbeiten, und es gibt die, die wirklich nach Tarif bezahlt werden. Ich sag jetzt ganz dreist: Ich verdiene gut, ich bin zufrieden. Natürlich ist da Luft nach oben. Ich finde im Umgang mit Demenz müsste viel, viel mehr bezahlt werden.

Wie meinst du das?

Wenn es zum Beispiel um die Begutachtung einer Pflegegraderhöhung geht: Da bringt Demenz nicht viele Punkte. Wenn eine Bewohnerin selbständig motorisch die Hand zum Mund bewegen kann, heisst das nicht, dass sie selbständig essen kann, weil die Kognition nicht mehr da ist. In Zukunft müssen wir da viel, viel mehr investieren in Demenz.

Wenn du Gesundheitsminister wärst, würdest du das sicher verbessern. Was würdest du sonst noch ändern?  

In Deutschland ist es gang und gäbe, dass Auszubildende verschlissen werden. Sie werden als Lückenbüsser gebraucht und komplett ausgebeutet.

Da kommt die fachliche Ausbildung einfach zu kurz. Und kurz vorm Examen wird alles schnell rein gepresst, damit man besteht. Wir müssen viel, viel mehr in Ausbildung und in die Jugend investieren. Ausbildung, Nachwuchsförderung und Image der Pflege: Da würde ich anfangen als Gesundheitsminister.

Es gibt wohl auch auf deiner Station manchmal zu wenige Hände und zu knappe Ressourcen. Wie geht es dir in den Situationen, wenn du den Bedürfnissen der Bewohnenden nicht mehr gerecht werden kannst?

Ich habe Glück und arbeite für ein Haus, wo die Fachquote sehr hoch ist. Aber auch ich kenne diese Situationen. Sie sind frustrierend und demotivierend, weil man das, was man gelernt hat, nicht ausführen kann.

Es ist erschreckend, was in manchen Häusern abgeht, da gibt es wirklich Waschstrassen.

Ich kam dann ins Gespräch mit der Pflegerin, die das gepostet hat. Sie fängt schon um halb sechs an mit der Waschstrasse, weil sie die einzige Fachkraft auf der Station ist und nur eine Schülerin und eine ungelernte Helferin im Team hat. Das hat nichts zu tun mit professioneller Pflege. Wir brauchen Zeit für Menschen mit Demenz, sonst funktioniert es nicht.


Wie können wir dich, deine Anliegen und die ganze «Sache» unterstützen?  

Wir sollten vernetzt und immer auf dem aktuellen Stand bleiben. Wir müssen kooperieren und Aktionen starten, gerade um auf Demenz aufmerksam zu machen. Die Demenzkranken sind immer die Vergessenen. Gerade in der Pandemie empfand ich das als ganz schlimm.

Was das Gesundheitsamt in der ersten Welle verlangte, war nicht umsetzbar. Ich hatte ein moralisches Problem mit mir selber. Man kann einen Menschen mit Hinlauf-Tendenz nicht in einen Raum sperren, der dreht da durch. 

Jetzt sind wir seit über einem Jahr stark eingeschränkt. Was wirst du machen, wenn die Einschränkungen und das Virus weg sind?

Ich hoffe, dass wir ein grosses Pflege-Festival organisiert bekommen. Da würden wir so richtig feiern, dass es endlich vorbei ist. Ich persönlich werde auf jeden Fall feiern und in die Clubs gehen.

Hast du noch ein Anliegen, dass du loswerden willst?

Bitte, bitte, bitte, liebe Gesellschaft, egal in welchem Land: Vergesst die alten Menschen und die Altenpflege nicht! Gerade die ältere Generation sollte viel, viel mehr geschätzt werden. Das war's, was ich noch sagen wollte.

→ Hier geht's zu einem Interview mit Jim Ayag auf dem Radio K.W. Podcast

erschienen: 11.05.2021