Die Aktiven

«Rasenmähen und Golfen füllen mich nicht aus»

Im Team Probleme lösen: Der Ex-Pilot Eugen Bühle (vorne rechts) mit zwei Lufthansa-Kapitänen im Trainingszentrum.
Im Team Probleme lösen: Der Ex-Pilot Eugen Bühle (vorne rechts) mit zwei Lufthansa-Kapitänen im Trainingszentrum. Bild Ulrike Frömel

Der pensionierte Pilot Eugen Bühle lehrt Chirurgen, Katastrophenhelfern und Managern, in riskanten Situationen richtig zu handeln und im Team Lösungen zu finden.

Eugen Bühle legt den Mundschutz an, schlüpft in den grünen Umhang, setzt eine Astronautenhaube auf und betritt den Operationssaal. Dort warten bereits ein Patient und das sechsköpfige Operationsteam. Der Chirurg öffnet den Bauch des Mannes und erteilt Anweisungen an Assistenzarzt und Schwestern.

«Skalpell ... Nadel ... Faden ... Tupfer.» Wortlos reichen sie ihm die Instrumente. Fast wie im Film. Nach drei Stunden ist die Stoma-OP beendet, der Patient wohlauf, eine Arbeit wie aus dem Lehrbuch.

«Wie fanden Sie die Operation?», fragt der Chirurg. Eugen Bühle sagt: «Bei mir wären Sie durchgefallen.»

Bühle ist pensionierter Pilot. Es war der erste medizinische Eingriff, den er beobachtet hat. Tatsächlich kann er die ärztliche Kunst des Chirurgen nicht beurteilen. Was ihn stört: die Kommunikation während der Operation.

Der Chef sagte nur das Nötigste, seine Mitarbeiter folgten ihm stumm. «Bei Entscheidungen innerhalb eines Teams sollten sich alle Beteiligten austauschen – schon um Risiken beurteilen und Fehler vermeiden zu können», sagt Bühle. Flugzeugcrews handeln so.

Piloten machen vor jedem Flug einen Faktencheck, analysieren Wetter, Route, Start- und Landedistanzen. Trotzdem müssen sie ständig mit unvorhergesehenen Ereignissen rechnen. Tragflächenklappen können klemmen, Turbinen ausfallen. In brenzligen Fällen müssen sie schnell reagieren, eventuell Geschwindigkeit drosseln oder eine sichere Flughöhe ansteuern.

Eugen Bühle.
Eugen Bühle. Bild Ulrike Frömel

Ärzte erleben ähnliche Situationen. Vor einer OP sondieren sie die Lage mit Röntgendiagnostik, Ultraschall oder Tomografie. Aber oft erkennen sie das genaue Ausmass des Schadens erst, wenn Patienten aufgeschnitten vor ihnen liegen. Dann müssen sie entscheiden: Kann ich den Bypass wie geplant legen? Wie gelange ich an den Nervenkanal? Chirurgen sehen sich oft als Einzelkämpfer. Bei Piloten sind einsame Entscheidungen verboten.

Der Abstimmungsprozess mit dem Co-Piloten wird automatisch aufgezeichnet, damit Experten den Flugverlauf rekonstruieren können. Bühles Mantra: Ein Austausch mit Kollegen kann Leben retten. Er ist überzeugt, dass sein Wissen auch anderen Berufsgruppen nützt, Turbulenzen zu überstehen.

Eugen Bühle stammt aus Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Nach Abitur und Bundeswehr liess er sich bei der Lufthansa zum Piloten ausbilden. Er flog die grossen Vögel, Airbus und Boeing. Einmal, vor 30 Jahren, versagte kurz nach dem Start in München ein Triebwerk.

Eugen Bühle besprach sich mit seinem Co-Piloten, drehte mit verminderter Kraft eine Runde über der Stadt und landete mit 90 Passagieren wieder sicher auf dem Flughafen München-Riem.

Nach 47 Flugjahren war Schluss. Piloten müssen mit 60 in den Ruhestand. Bühle sagt: «Rasenmähen, Segeln und Golfen füllen mich nicht aus.» Die Frage, wie Fehlentscheidungen zustandekommen, beschäftigte ihn auch nach Ende seiner Laufbahn.

Er gründete ein Beratungsunternehmen, schulte im Auftrag der Lufthansa taiwanesische Piloten.

Sehr erfolgreich. Damit ist Eugen Bühle keine Ausnahme. Nach einer Studie des Chartered Management Institute (CMI) in London liegt die Erfolgsquote von älteren Unternehmensgründern bei 70 Prozent, von jungen Gründern schaffen es lediglich 28 Prozent. Doch die Pilotenausbildung war nur die Fortsetzung einer bisherigen Tätigkeit. Er suchte etwas Neues.

Eigentlich war es nur ein Routinetermin im Krankenhaus. Darmspiegelung. Doch dann kam er mit dem Chefarzt ins Gespräch. «Als Jugendlicher wollte ich Chirurg werden», gestand er. Der Klinikchef lud ihn ein, bei einer OP zuzusehen. Das war der Anfang.

Mittlerweile coacht Bühle Chirurgen, Katastrophenhelfer und Wirtschaftsbosse, trainiert Kunden im Flugsimulator, kritische Konstellationen zu meistern. «Sie lernen, sich in ungewohnter Umgebung zurechtzufinden, Probleme zu erkennen, im Team Lösungen zu suchen und unter hohem psychischem Druck umzusetzen.» Kommendes Jahr wird er 70. Im Ruhestand landen will er nicht. «Dafür ist es noch zu früh!»

Dieser Artikel erschien im Herbst 2019 im Mut – Magazin für Lösungen. Wir bedanken uns bei der Reaktion für die Gelegenheit zur Zweitverwertung.

erschienen: 27.04.2021