Klassentreffen

Als hätten wir gestern die Schule verlassen

18 schafften es bis zum Abitur, 14 sind gekommen, die Fehlenden leben nicht mehr.
18 schafften es bis zum Abitur, 14 sind gekommen, die Fehlenden leben nicht mehr. Bild Wikimedia: Reinhard Ferdinand

Als wären es seine Brüder. So erlebt unser Autor, der Arzt Michael de Ridder, ein Wiedersehen mit seinen Mitschülern nach 50 Jahren.


Von Michael de Ridder, Mut – Magazin für Lösungen


Klassentreffen stehen nicht selten im Ruch des Spiessbürgerlichen und Sentimentalen, vor allem wenn sich ergraute «Uhus» nach Jahrzehnten beim Bier zusammenfinden. «Bloss keine alten Geschichten aufwärmen» …. «peinlich» … «gruselig» ... «eher mach ich ’ne Kreuzfahrt mit mir unbekannten Geronten», spotteten Freunde, als ich ihnen von meinem Klassentreffen in Retrograd erzählte, wie wir Ehemaligen ironisierend unsere Heimatstadt Düsseldorf nennen.

Den Ort, an dem wir 1966 unser Abitur gemacht haben, ausschliesslich Knaben am Humanistischen Görres-Gymnasium, seit jeher «Der Kasten» genannt und auf der ruhigen Seite der «Kö» gelegen. 

Unsere Lebenswege könnten unterschiedlicher nicht sein.

Und doch, was hat uns mehr als ein halbes Jahrhundert zusammengehalten? Woher die Herzlichkeit, mit der wir uns in die Arme fallen, als hätten wir erst gestern die Schule verlassen, hier und heute im Bistro Klee, im Herzen der Düsseldorfer Altstadt?

Uli, mit dem ich neun Jahre den Schulweg teilte, ist zu Tränen gerührt, unser langjähriger Klassensprecher, der erst vor einem halben Jahr den Vorsitz im Aufsichtsrat des grössten deutschen Stahlkonzerns aufgab: «Ihr kennt mich doch, Freunde, ich hab nah am Wasser gebaut.» Sagt’s, stellt seinen Rucksack ab, hebt das Altbierglas und prostet uns zu: «Super, dass wieder mal alle da sind! Auf uns und unser nächstes Treffen! Und ihr wisst ja, ihr seid meine Gäste.»

Einer nach dem anderen ist eingetroffen: Wolfgang, zu Wohlstand gekommener Bauingenieur, im cremefarbenen italienischen Zweireiher; Siegfried, Verlagslektor, in Jeans und T-Shirt. Alle ergraut, das Haar gelichtet, wenige mit Bauchansatz, gepflegte Fingernägel, sanierte Gebisse. Armin, Studiendirektor im Unruhestand und Oldtimer-Sammler, fummelt an seinem Hörgerät:

«Ich hör nix, hat jemand zufällig ’ne Ersatzbatterie für mich?»

Dirk kann aushelfen. Füreinander da waren wir immer: Abschreiben lassen war Ehrensache. Jürgen, unser Anarcho, immer schon laut und frech, bewundert wegen seiner unverfrorenen Einwürfe, profitierte von seinem Nachbarn Gregor; beide sitzen auch heute nebeneinander.

«Wisst ihr noch, wie Jürgen im Religionsunterricht die Frage stellte, ob Gott so mächtig sei, dass er die Vergangenheit ungeschehen machen könnte? Und wie perplex Pater Fabian war, der in seinem Düsseldorfer Dialekt erwiderte: ‚Jörgen, was soll diese abwägige Frage. Du bist ein frächer Schöler.‘» Lachender Beifall für Jürgen, damals wie heute.

Von den rund 50 Sextanern, die 1957 die Holzbänke des Gymnasiums teilten, schafften es 18 bis zum Abitur. 14 sind heute gekommen, die Fehlenden leben nicht mehr. Doch auch unsere toten Freunde sind heute unter uns, beleben unsere Gespräche, die auch um Verluste, um Hinfälligkeit und Erinnerungslücken kreisen: um leidige Gewichtszunahme und Krankheiten sowie Möglichkeiten, ihnen per Operation, Vorsorge und Screening entgegenzuwirken.

Erstaunlich, mit welcher Nonchalance wir Gebrechen und Intimitäten offenbaren und damit auch Trost und Zuwendung finden, die wir brauchen. Nicht nur in Krisen werden Mitschüler so nah und ähnlich wie Geschwister. Kaum eine Erinnerung reicht weiter zurück als an sie.

Mit ihnen teilen wir die prägendste Zeit des Lebens: einander vertrauen, soziales Verhalten üben, Konflikte lösen, sich in Konkurrenzen behaupten lernen, stolz den gerade spriessenden Bartwuchs präsentieren und mit der ersten Freundin imponieren.

In den «blauen Zonen» werden die Menschen älter als in anderen Regionen

Blaue Zonen

Die Ewigen

Ludger, der bereits in der Untersekunda mit Fliege und Sakko zum Unterricht erschien, erregte bei uns allen Neid und Bewunderung, als er sich mit seiner überschlanken Gabi, Typ schwarze Twiggy, als erster zum Tanzkurs anmeldete.

Und während wir später in kleinen Gruppen durch den Hofgarten flanieren, bringt es Rudolf, Literaturwissenschaftler und der Belesenste unter uns, mit einem Zitat des Dichters Gottfried Benn auf den Punkt: «Und dann ist es vorbei – das ganze Leben ist vorübergegangen wie ein Nachmittag.»

Dieser Artikel erschien im Herbst 2019 im Mut – Magazin für Lösungen. Wir bedanken uns bei der Reaktion für die Gelegenheit zur Zweitverwertung.

erschienen: 05.10.2020

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