Offener Brief an Jens Spahn

Es fehlt an allen Ecken und Enden

Jens Spahn hat in den nächsten Jahren grosse Aufgaben zu bewältigen.
Jens Spahn hat in den nächsten Jahren grosse Aufgaben zu bewältigen. Bild PD

Weinger Überwachung, Kontrolle und Rendite – dafür mehr Solidarität und Ressourcen: Dies fordert Michael Schmieder in seinem offenen Brief an den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Von Michael Schmieder

Sehr geehrter Herr Spahn

Manchmal sieht man aus der Ferne die Dinge anders als aus der Nähe. Immer wieder geht mein Blick aus der Schweiz nach Deutschland. Zum einen, weil wir mit der Plattform www.alzheimer.ch in Deutschland sehr viele Menschen ansprechen.

Zum anderen habe ich als Doppelbürger die alte Heimat im Bewusstsein und bin mir meiner Wurzeln bewusst. Ich habe mich über 30 Jahre der Thematik «stationäre Versorgung von Menschen mit Demenz» verschrieben und die Sonnweid als eine der grossen Institutionen für Menschen mit Demenz entwickelt. Ich kenne die Systeme in Deutschland und in der Schweiz und möchte zur aufgeheizten Pflegedebatte ein paar Gedanken äussern.  

Mit Ihrer Berufung zum Bundesminister für Gesundheit wurden Sie sichtbarer Kopf eines Ministeriums, welches in den nächsten Jahren mehrere Herkulesaufgaben zu bewältigen hat.

Die Berichte aus Pflegeinstitutionen sind nicht ermutigend, es fehlt an allen Ecken und Enden.

Die Menschen sind ungeduldig. Es werden Verbesserungen erwartet – sofort. Mit dem «Sofortprogramm Pflege» und dem Entwurf zu einem «Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz» haben Sie am 1. August erste Verbesserungen in die Wege geleitet.

Michael Schmieder
Michael Schmieder Bild Véronique Hoegger

Die Reaktionen dazu aus der Praxis werden sie wohl ernüchtern: Ihre Massnahmen seien ein Tropfen auf den heissen Stein, heisst es. 13'000 neue Pflegestellen würden bei weitem nicht ausreichen. Ausserdem sei kein qualifiziertes Personal da, um die Lücken zu füllen.

Was immer Sie auch tun: Es wird von aussen gesehen kein schneller Erfolg sichtbar sein. Zu viele Akteure sind beteiligt und jeder weiss, wie es besser geht – ich übrigens auch. Neben den Massnahmen, welche direkt und rasch wirken müssen, werden die längerfristigen Entscheide das System Altenpflege grundsätzlich stark verändern. In welche Richtung müssen diese Entscheide wirken?

Mit der Ökonomisierung der Alters- und Pflegearbeit wurden Player auf den Platz gerufen, denen es ausschliesslich darum geht, eine (zu) hohe Rendite zu erzielen. Die Moralität ist abhandengekommen, ebenso das Bewusstsein, was noch gehen darf und wo die Grenzen sind. Eingesetztes Geld soll vermehrt werden, das ist die Devise. Nun ist zu erkennen, dass es Bereiche gibt, in denen dieser Grundsatz den betroffenen Menschen direkt Schaden zufügt. Das darf nicht sein. Sie denken ja bereits über Einschränkungen nach, was innerhalb des bestehenden Systems jedoch sehr schwer werden dürfte. Aber es ist ein richtiger Ansatz.

Es braucht keine neuen Bürokratien, sondern eine Reduktion des Qualitäts- und Normenfetischismus.

Systeme, die kontrollieren, überwachen und dokumentieren helfen den Menschen, die Pflege benötigen, in keiner Weise. Die Misere im Pflegebereich ist wegen und trotz all dieser Systeme entstanden.

Hätten diese Überwachungspraktiken nur minimal funktioniert, würden sich die zahllosen Berichte von unwürdiger, ja unmenschlicher Pflege nicht so häufen wie in der jüngeren Vergangenheit. Funktionierende Systeme sind von den Menschen abhängig, die dort arbeiten.

Die Parasitenindustrie der Qualitätsmanagement-Firmen, Auditgesellschaften und Prüfbehörden dienen einzig dazu, sich am grossen Finanztopf bedienen zu können. Diese Parasitenindustrie verhindert gute Pflege, sie verbraucht Ressourcen, die den Menschen, die in der Pflege arbeiten, beim Kranken fehlen.

Der Beweis ist schon lange erbracht, dass der Ansatz «mehr Kontrolle gleich bessere Versorgung» keine Verbesserungen gebracht hat.

Im Gegenteil: Dieser Ansatz ist mitverantwortlich für die derzeitige Misere. Menschliche Zuwendung lässt sich nicht verordnen und nicht zertifizieren. Aber es können Bedingungen geschaffen werden, damit Zuwendung Freude macht – dem, der sie gibt und dem, der sie bekommt.

Man darf einem arbeitenden Menschen nicht dauernd das Gefühl vermitteln, dass er kontrolliert werden muss, weil seine Arbeit sonst nicht in Ordnung sein könnte. Man darf die Pflegenden nicht zu potenziell Kriminellen machen. Wer will schon mit einer solchen Bedrohung leben, wenn er den ganzen Tag springt und dauernd das Gefühl hat, dass alles eh’ nichts nützt und nicht genügt? 

Selbstverständlich spielt Geld eine Rolle. Wir wissen, dass selbst der Gasthof auf dem Land für Übernachtung und Frühstück mindestens 70 Euro braucht, macht monatlich 2100 Euro. Für das andere bleibt nicht mehr viel übrig – für drei Mahlzeiten, für Infrastruktur, Pflege und Betreuung. Was darf man für 3500 Euro erwarten?

Wie soll das funktionieren, wenn sich immer mehr vom Topf bedienen wollen?

Was darf ein pflegebedürftiger Mensch kosten am Ende seines Lebens? Die Diskussion dieser Fragen würden Klarheit darüber geben, wie sehr sich eine Gesellschaft tatsächlich der Solidarität verpflichtet fühlt. Immer mehr fordern und immer weniger dafür bezahlen: Dieses Modell funktioniert bei dieser Arbeit überhaupt nicht.

Sehr geehrter Herr Spahn, Sie scheinen das Bewusstsein dafür zu haben, was in diesem Bereich schiefläuft. Sie sind in einer Position, in der Sie etwas bewirken können. Die am 1. August angekündigten Verbesserungen werden bei weitem nicht ausreichen. Ich bin überzeugt, dass Sie den vorhandenen Spielraum besser nutzen und Verbesserungen für Pflegebedürftige und Pflegende erreichen werden. Sie haben den notwendigen Biss. Also, beissen Sie!

Ich grüsse Sie herzlich
Michael Schmieder

erschienen: 28.08.2018

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