Lotti Beitz

Galionsfigur wider Willen

Lotti Beitz schreibt über den Pflegealltag als Angehörige und dessen Schwierigkeiten, Tücken und Abgründe.
Lotti Beitz schreibt über den Pflegealltag als Angehörige und dessen Schwierigkeiten, Tücken und Abgründe. Illustration Juan Charles

Auf ihrem Blog finden Angehörige von Menschen mit Demenz schonungslos ehrliche Geschichten aus dem Alltag einer pflegenden Ehefrau und Tipps für schier unüberwindbar scheinende Hürden: Lotti Beitz kennt sie alle.

Von Andrea Schmider

Früher führten sie noch lebhafte Gespräche über Gott und die Welt – im Sommer auf der Terrasse, im Winter vor dem Kamin. Doch irgendwann wurde ihr Gegenüber immer stiller, starrer und störrischer. Dies erzählt Lotti Beitz mit ihrer fast hypnotisierend ruhigen Reibeisenstimme.

Eine gewisse Sprachlosigkeit habe sich in ihre Beziehung eingeschlichen, schildert die heute fast 70-jährige Blondine die Zeit nach der Pensionierung ihres Ehemanns. 

Schlaforgien, ständige Nachfragerei, Monotonie und ein allmähliches Verstummen kennzeichneten die ersten Jahre von Josis Schlittern in die Demenz – und in Lottis Fall in die Schlingen eines durchgetakteten, aufreibenden Pflegealltags. Ein Alltag, der sie fast das Leben kostete. Ihr Mann hielt sie rund um die Uhr auf Trab – nachts rief er phasenweise ununterbrochen ihren Namen. 

Eine Leidensgeschichte geht viral

Acht Jahre lang hat Lotti Beitz ihren an Demenz erkrankten Mann zuhause gepflegt, dann über fünf Monate täglich im Pflegeheim besucht, bis er dann «völlig überraschend» vor zwei Jahren verstorben ist. Über den Pflegealltag und dessen Schwierigkeiten, Tücken und Abgründe, schreibt die Autorin auf ihrem Blog schonungslos ehrlich.

Von der Modedesignerin zur Bloggerin

Lotti Beitz wurde 1948 in Bonn geboren. Nach Schneiderlehre und Ausbildung zur Modedesignerin arbeitete sie als Designerin in Kapstadt. Heimweh und die Erkenntnis, nicht zur grossen Modedesignerin geschaffen zu sein, liessen sie nach Deutschland zurückkehren. Sie absolvierte ein Volontariat bei einer Fachzeitschrift und arbeitete sechs Jahre als Redakteurin. Danach machte sie sich selbständig als PR-Beraterin. 1994 erschien ihr erstes Kinderbuch, es folgten vier weitere Werke, zuletzt das Buch «Ich möchte eine Pampelsine. Der tägliche Wahnsinn mit Demenz und anderen Tücken» unter dem Pseudonym Lotti Beitz.

«Lotti Beitz» ist nur ein Pseudonym. Da die Demenz ihres Mannes ein sehr intimes Thema sei, fühle sie sich freier, unter anderem Namen darüber zu berichten. Nicht zuletzt deshalb, weil ihr Mann ein angesehener Kardiologe war, will sie nicht, dass die Öffentlichkeit erfährt, wer hinter den Pseudonymen Josi und Lotti Beitz steckt. Das will sie ihm ersparen.

Vor rund drei Jahren hat sich Lotti erstmals an den Esstisch gesetzt und über ihren Pflegealltag geschrieben. Gleich einem Tagebuch. «Das hat mich gerettet. Ich habe mir praktisch Kummer und Verzweiflung von der Seele geschrieben», sagt sie rückblickend. Technische Unterstützung erhielt sie von ihrem Sohn.

Mit den Geschichten folgten die Follower, mit den Followern die Bekanntheit: Der Blog hat bereits rund 16 000 Abonnenten und ist inzwischen auch als erweitertes Buch unter dem Titel «Ich möchte eine Pampelsine» erschienen. 

Der Blog trifft einen Nerv, füllt eine Lücke im Online-Storytelling. Lotti Beitz wird innert weniger Jahre «zur Kummerkastentante für pflegende Angehörige». So bezeichnet sie sich mit einem Augenzwinkern selbst.

Ihr Stil besticht. Das Gefühl der Verzweiflung, die grosse Trauer über den schleichenden Verlust des Liebsten und das Hadern mit der Selbstaufopferung werden von ihrem leichtfüssigen Schreibstil getragen. Die Schilderungen sind gespickt mit humorvollen Anekdoten, die Erzählende oszilliert zwischen Optimismus und Galgenhumor.

So etwa klingt Lotti Beitz’ Beschreibung des Ehemanns nach einem Spitalaufenthalt: 

«In den nächsten Tagen rannte Josi bis in die Tiefe der Nacht im Sekundentakt von seinem Sessel zum Bett und wieder zurück. Spasseshalber fragte ich ihn, ob er für den New-York-Marathon trainiere, aber zum Lachen war mir nicht wirklich zumute dabei.»

«Ich hatte keine Ziele und keine Träume mehr und eigentlich nur den permanenten Wunsch, wegzurennen», schildert sie ihren Gemütszustand, bevor sie sich dem Schreiben widmete.

Der Blog gab ihr wieder Schwung, inspirierende Motivation und neue Ziele – bis heute.

Auch nach dem Tod ihres Ehemanns bleibt sie in engem Kontakt mit zahlreichen Angehörigen, via Facebook und Blogeinträgen.

Nicht nur ihren Lesern und Leserinnen ist Lotti Beitz ans Herz gewachsen, auch sie selbst möchte den Austausch nicht mehr missen. Wie es einzelne emotionale Facebook-Posts verraten, in denen sie der Online-Gemeinschaft überschwänglich dankt. 

Lotti macht schlapp

Lotti Beitz nimmt kein Blatt vor den Mund – weder in Gesprächen noch auf ihrem Blog. Einige Kapitel widmet sie ihrer eigenen Krankheitsgeschichte. Mit letzten Kräften konnte sie sich eines Nachts gerade noch rechtzeitig ins Spital schleppen. Die Diagnose: Herzinfarkt. Über die Gründe schreibt sie ohne Nachsicht mit sich selbst. 

«Es war nicht ein einzelner Faktor, der Lotti fast das Leben kostete, sondern die Kombination unglücklicher Zusammenhänge, die sie letztendlich aus der Bahn warfen. Sie war überfordert, hatte Stress ohne Ende, ernährte sich ungesund und lebte falsch, sie war uneinsichtig, stur und von falschem Ehrgeiz getrieben.»

Auch danach beweist sich Lotti weiterhin in der Kunst der Hetzerei, um sich dann auf dem Blog wieder in Selbstreflexion zu üben: 

«Meine verstorbene Freundin hatte mich oft vorgewarnt und gesagt, dass ich eines Tages nicht mehr selber entscheiden könnte, ob es erträglich sei und ob ich so leben wollte, sondern dass mein Körper die Entscheidung fällen würde. Er hatte ja bereits einmal gestreikt, war ich jetzt wieder an dem Punkt?»

Diese Worte sollen wohl auch als Mahnung an andere pflegende Angehörige gelesen werden. «Als pflegende Ehefrau ist man immer völlig überfordert, erst mit der Zeit wird klar, dass der Liebste sich nicht extra ständig wiederholt und nicht freiwillig absurde Dinge macht – sondern dass dies alles mit seiner Erkrankung zu tun hat». 

Das Leben mit einem Menschen mit Demenz ist zu Beginn gekennzeichnet durch das ständige Bangen vor der nächsten Peinlichkeit.

Manchmal sei ihr Mann übertrieben höflich gewesen, dann wieder habe er sich in roher Fäkalsprache verloren, Pfleger beleidigt, Freunde mit verbalen Ausbrüchen wie «Du siehst aber alt aus» brüskiert.

Mit der Zeit sei es ihr leichter gefallen, die Veränderung des Ehemanns hinzunehmen. Rührend sind viele Anekdoten, über welche die 70-Jährige ohne Pathos berichtet:

Als ich eines Morgens aus meinem Schlafzimmer die Treppe runterkam, lag auf der untersten Stufe ein Stück Papier von der Küchenrolle, auf das Josi mir zwei Nachrichten geschrieben hatte: «Holt mich bald wach» sowie «guten Morgen, mach bald, Josi!»

Die Kraft der Liebe

Was hat Lotti Beitz in all den Jahren bei der Stange gehalten? Die Liebe. Und wohl auch eine gewisse Sturheit und den Willen, es schaffen zu können. Ihr Mann hat sie bis zum Schluss erkannt und sich für ihre Fürsorge bedankt.

Auch das letzte Gespräch zwischen ihnen war erfüllt von Dankbarkeit und Zuneigung, als sie sich nach einem aufwühlenden Zahnarztbesuch im Pflegeheim voneinander verabschiedeten. 

Lotti und Josi.
Lotti und Josi. Bild Vina

Er brauchte sie vielleicht sogar über Gebühr, so dass sie sich kaum von ihm zu trennen wagte. Lotti Beitz betont indes, dass sie sich in einer privilegierten Situation befunden habe – mit einem dichten Beziehungs- und Betreuungsgeflecht.

Dennoch musste sie sich zwingen, ihr Pflichtbewusstsein abzulegen und Raum für sich zu schaffen. So lautet einer von vielen wichtigen Ratschlägen an Angehörige: «Sich Auszeiten gönnen.» 

Josi sei nach dem Zahnarztbesuch seelenruhig eingeschlafen, am Abend habe seine Lieblingspflegerin ihr noch versichert, es gehe ihm blendend. Am nächsten Morgen dann das Telefon: Eine fremde Stimme teilt Lotti mit, ihr Mann sei in der Nacht gestorben. Auf einen Schlag ist Lotti nur noch Lotti.  

Noch heute, zwei Jahre nach Josis Tod, springt Lotti manchmal «wie von der Tarantel gestochen» aus dem Bett, weil sie glaubt, Josi rufe ihren Namen. Sie geniesst es, ihren Tag ohne zu hetzen ganz selbstbestimmt einteilen zu können.

Doch da bleibt auch die Lücke, die der Liebste hinterlässt, er war schliesslich Dreh- und Angelpunkt von Lottis Leben gewesen. Da sind ihre Freundinnen, die alle noch im Zweiergespann die Welt bereisen. Und da sind die Jacketts von Josi, die sie heute noch zum Weinen bringen. 

Abgeklärt hält Lotti im Hinblick auf ihre Zukunft fest: «Ausser Enttäuschungen haben mir hochfliegende Pläne bisher nichts gebracht und deshalb lasse ich auch künftig lieber alles auf mich zukommen und vertraue darauf, dass sich die positiven Dinge von allein entwickeln.» 

Video: Das Yoghurt-Drama (Lotti Beitz)

Blog, Buch und neue Projekte

Die Facebook-Seite von Lotti Beitz wird von knapp 16 000 Followern abonniert. Das Team rund um die Autorin schätzt, dass der Blog 100 bis 300 tägliche Leser zählt. Je nachdem, ob das Thema Demenz in der Öffentlichkeit gerade aktuell ist. Künftig ist ein Videoblog geplant, in welchem Lotti Beitz einmal pro Woche während rund zwei Minuten in die Kamera spricht. Sie erzählt unterhaltsame Anekdoten von sich und Geschichten anderer Angehörigen, die ihr zugetragen wurden. Darüber hinaus schreibt die Autorin an einem neuen Buch über Einsamkeit, Witwenclubs, Mode für Alte und weiteren Themen aus ihrem Alltag.

erschienen: 06.02.2018

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