Kunstobjekte

Den Faden verlieren

Wie ist es, wenn man den Faden verliert und damit «Unordnung» erzeugt? Wie fühlt es sich an, wenn ein Mensch sich plötzlich in dieser «Unordnung» befindet, sich selbst nicht mehr auskennt und von den Angehörigen nicht mehr erkannt wird?

Von Marie-Luise Anten-Dittmar

Jeder, und somit auch der desorientierte, demente Mensch, hat eine eigene innere Erlebniswelt. Es ist auf verschiedene Weise möglich, ihm in diese innere Welt zu folgen. Kunst und kreative Arbeit kann uns die Augen für eine besondere Wahrnehmung der Demenzbetroffenen öffnen und uns so einen anderen Zugang zu ihrer Welt schaffen.

Kunst und Kreativität konfrontieren die Kranken nicht mit dem, was sie nicht mehr können, sondern geben dem Raum, das sie noch können.

Ausgelöst durch die Demenz meiner Mutter versuche ich seit einigen Jahren mit meinen künstlerischen Arbeiten Antworten zu finden. Zum Welt-Alzheimertag 2015 entstand die Idee, mit Demenzbetroffenen selbst das Thema künstlerisch zu bearbeiten.

Wer verlustig geht – geht in neue Räume,
die zu betreten vorher undenkbar war.
Verwickelt, verknäult, verknüpft, verknotet.

Aussen und Innen
Ordnung und Chaos
Gefühlswelt und Gedankenwelt
Erkennen und Nichterkennen
Erkennen und Entschwinden
Erkennen und Vergessen
Hell und Dunkel
Ruhe und Zerrissenheit
Schwarz und Weiss
Garn als Verbindendes
Wolle als Wärmendes.
Die lichten, hellen Momente
Die dunklen Schatten der Demenz

Erinnerung – was bleibt?

Die Kunst soll einerseits helfen, Verständnis und Akzeptanz zu stärken, andererseits auch Ängste und Vorurteile gegenüber dem Thema Demenz abzubauen.

Von Januar bis August 2015 arbeitete ich in Einzelstunden in verschiedenen Betreuungseinrichtungen mit Demenzbetroffenen. Aus Garn, Wolle, Fäden, Stoff und Holz sind so insgesamt 120 Kunstobjekte entstanden.

Die Kunstwerke der Demenzbetroffenen zeigen in verschlüsselter Form ihre glücklichen, freudigen, lebensbejahenden, aber auch die traurigen, unglücklichen Gefühle. 

Kunst kann Menschen auf Demenz aufmerksam machen, uns die Augen für eine besondere Wahrnehmung der Betroffenen öffnen und so einen anderen Zugang zu Ihrer Welt schaffen. 

In diesem wunderbaren Projekt steckt viel Arbeit und Herzblut. Ich möchte mich von ganzem Herzen bei den Demenzbetroffenen bedanken. Sie haben mir ihre Aufmerksamkeit, ihr Vertrauen und ihre Nähe geschenkt. Nur so konnte ich diese Ausstellung erarbeiten.

Wir hatten sehr berührende Begegnungen. Diese wurden getragen von viel Freude in den Gesprächen, Spass und Ausdauer beim Wickeln, Sticken oder Häkeln; war aber auch von Tränen begleitet.

Die Ausstellung «Den Faden verlieren» ist als Wanderausstellung konzipiert und kann hier gebucht werden.

erschienen: 17.01.2018

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