Grossartiger Blogbeitrag

Wenn das «Intelligente Pflegebett» mehr Pflege braucht

Wenn mein Tablet mit einem intelligenten Pflegebett vernetzt ist und meldet, wie viele Zeit jemand ausserhalb des Bettes verbringt, wann und ob sich einer dreht, seine Windel nass ist, wie die monatliche Verlaufskurve der Vitalzeichen ist und ich die Höhe des Kopfteiles fernsteuern kann, ...

Von Melanie M. Klimmer

... dann ist das richtig geniale Technik. Ich erspare mir schliesslich jede Menge «unnötige» Kontrollgänge. Der Berater für geniale Technik im Pflegealltag trägt einen Nadelstreifen-Anzug. Er verdient an einem einzigen Tag so viel, wie eine Pflegefachkraft in einem ganzen Monat. Auf einer deutschen Altenpflege-Leitmesse geht er dann mit anderen Digitalisierungsexperten und Hilfsmittelingenieuren zum teuren Menü im Messe-Restaurant. 


Gegenüber, teils mit krummgearbeiteten Körpern, sitzen die Pflegefachkräfte mit ihren mitgebrachten Speisen auf Sofas und am Boden der Flure. Sie gönnen sich höchstens eine teure Tasse Kaffee. Man könnte vergessen, wem diese Messe eigentlich dienen sollte. Der hybride Dienstleistungssektor zwischen direkter Dienstleistung und Pflegebedürftigem jedenfalls ist in den letzten Jahren explodiert.


Ich stehe an einem großen Messestand mit ausladenden Flachbildschirmen zur Demonstration digitalisierter Pflegedokumentationsprogramme. Diese Halle ist voll von Digitalisierungs- und Beratungsunternehmen. «Klient ist kommunikationsfähig ja – nein» [bitte ankreuzen].

Ich stecke im Dilemma. Davon abgesehen, dass wir spätestens seit Paul Watzlawick wissen, dass wir nicht «nicht kommunizieren» können.

– Eine Zeitersparnis? Gefangen im «Entweder-oder» empfinde ich meine Vorstellungen von Kommunikation nicht abgebildet. Sie ist doch immer noch das, was sich zwischen den verkürzten Kategorien abspielt – selten einfach und eindeutig, dafür facettenreich, immer in Entwicklung und in Auf- und Ab-Bewegungen.

Ich soll mich nun an das Programm für mein Tablet adaptieren: Der kleine Jimmy gestikuliert heftig, wenn er mich sieht, Frau M. hat eine wunderbar symbolische Sprache, die mir mitten ins Herz geht und der wachkomatöse Herr H. schwitzt, wenn er jemandem misstraut.

Trotzdem kann ich sie «verstehen» und sie reagieren auf mich. Das ist für mich Kommunikation. Sind sie nun kommunikationsfähig ja – nein? Wenn ich «Ja» ankreuze muss ich das «Aber», wenn ich das «Nein» ankreuze, muss ich die Ausnahme erklären. Braucht das Zeit!


Wie presse ich Lebensvielfalt in einheitliche Kategorien? Wie geht das, wenn ich als Pflegefachkraft einen authentischen Bezug zu meinem Gegenüber suche, um es sinnvoll zu unterstützen? Hier muss ich die Person auf Kategorien reduzieren, damit sie mir auf den flachen «Schirm» passt und sie sich als unbelebte, rechnerische Grösse ins Controlling fügt. Mit Zahlen kann man computer-spielen.

Ein Lächeln lässt sich nicht digital erfassen, geweckte Bedürfnisse werden hinderlich – sie nützen nichts in einem Hochleistungsbetrieb.


Pflegefachkräfte, selbst Mitglied einer leistungsorientierten Gesellschaft, befinden sich selbst im Würgegriff von Controlling, Pflegemanagement und Geschäftsleitung. Und sie haben mit der gesellschaftlichen Anerkennung ihres Berufsstandes zu kämpfen, der sich in den tabuisierten Zonen von Sterben, Krankheit, Ekel, Ohnmacht und Tod bewegen.

Ein Tablet oder Smartphone wertet Pflege dagegen auf. Es schiebt sich einfach dazwischen: Es stinkt nicht, es nässt und eitert nicht, es erbricht nicht, uriniert nicht, kotet nicht ein. Eine saubere Sache, vorausgesetzt man blickt nicht auf den «infektiösen Rasen» auf der Oberfläche. Das Tablet «optimiert» meine Arbeit, bringt sie in Höchstform.


Es wird damit geworben, Digitalisierung bringe mehr Zeit für Pflege. In einer Werbung für digitalisierte Pflegedokumentation heisst es: «Höchstleistung perfekt planen». Höchstleistung ermisst sich im Sport und in der industriellen Produktion an messbaren Bezugsgrössen. Eine Effizienzsteigerung ist nicht denkbar ohne den Faktor Zeit.

Ein Höchstleistungskonzept also für den häuslichen und stationären Lebensbereich, da wo Menschen sich mit sinkenden körperlichen, seelischen und geistigen Kräften befassen, nach neuer leistungsunabhängiger Lebensqualität suchen.


Melanie M. Klimmer
Melanie M. Klimmer

Nun bin ich stets erreichbar, gläsern in all meinem Tun, als Kategorie selbst austauschbar. Ich hinterlasse digitale Spuren mit Zeitangabe. Es wird ermittelbar, ob ich länger brauche als andere. Die Daten verraten meine Ineffizienz, wenn ich Hinterlassenschaften von Kollegen nacharbeite, Pflegebedürftige aktiviere. Und das Pflegebett? Was mache ich, wenn das intelligente Bett ausfällt? Dann muss es teuer repariert werden.

Ich muss eingearbeitet werden, das Bett muss gewartet, Daten müssen eingepflegt, das Bett neu programmiert werden. Dann will es nicht so wie ich. Fehlt das Personal, ist der sturzgefährdete Pflegebedürftige trotzdem allein, auch wenn die sensorgestützte Meldung «Patient verlässt Bett» auf dem Touchscreen erscheint. Und wenn ich nicht technikaffin bin, werde ich die Technikfunktionen lernen, die mir nützen. Der Rest raubt mir nur die Nerven.


Eine Hinwendung zum Pflegeprozess, zu mehr intuitiver Resonanz, mehr heilsamer Kommunikation sehe ich nicht, dafür mehr Controlling, mehr Widersprüche im Pflegealltag. Warum soll ich es mir schwer machen? Warum einen Deut mehr tun, als der Pflegenavigator auf dem Display anzeigt? Auf dem Touchscreen erscheinen das klar strukturierte und auf Abstand reduzierte Menschenbild oder die intelligent zusammengeführten individuellen Vitalwerte des intelligenten Pflegebettes.

Meine Aufgaben stehen zum Abhaken bereit. Klicke ich einen Button an, weiß das Gerät meine nächsten Arbeitsschritte – nach «Schema F». Ich kann meinen Kopf unter die Achsel klemmen. In der Pflege 4.0 werden für mich die Dinge zusammengedacht. Ich werde selbst «tabletkompatibel». Ich merke nicht mehr, wie ich in einem Dschungel aus Ja- und Nein-Kategorien den Blick für das Ganze verliere. Kreative Reserven werden selten abgerufen. Fast.


Und wenn dann doch die atypische Herausforderung eintritt, die mein ganzes Können und Wissen herausfordert? Bin ich dann noch kreativ und präsent genug, eigene Lösungen zu entwickeln? Spüre ich noch Handlungsspielräume, wenn ich sonst in einem Korsett agiere? Bleibe ich auch dann noch auf das Leben in seiner Unkontrollierbarkeit und Unberechenbarkeit eingestellt und fähig, mich schnell auf die Situation einzustellen und diese zu meistern?

In diesen Momenten brauche ich ein trainiertes, vernetztes Denken und vor allen Dingen Kreativität. Mit ihr kann ich enge Routinen überwinden, über Kategorien hinauszuwachsen, Prozesse kritisch beleuchten, um im entscheidenden Moment hilfreich sein zu können.

Da macht es doch mehr Sinn, in patientennahe Hilfemittel zu investieren, zum Beispiel Möbel mit Festhaltegriffen, Transfersysteme wie Gleitfolien, Rutschbretter und Drehscheiben, auslaufsichere Bettpfannen, Besteck für Patienten mit Tremor, wie zum Beispiel bei Parkinson, Frühstücksbretter mit Kante für Menschen nach Schlaganfall, «Aromabreezer» für ein besseres Raumklima, Polsterverbände gegen das Wundliegen, «Sensonanzplatten» für Tische, sandtherapeutische Hilfsmittel zur Steigerung der Körperwahrnehmung, Fallschutzkissen und hier und da ein «Transponder» zur Ortung eines Menschen, der sich ausserhalb eines geschützten Bereiches bewegt, um gefunden zu werden, wenn er den Weg nicht mehr zurück findet. 

 

erschienen: 09.05.2017

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