Demenzfreundliches Krankenhaus

Zwischen Wunschkost und Wirklichkeit

«Ist es nicht selbstverständlich, demenzfreundlich, oder sagen wir besser, individuell zu pflegen?»
«Ist es nicht selbstverständlich, demenzfreundlich, oder sagen wir besser, individuell zu pflegen?» Bild Daniel Kellenberger

Zu Besuch in einem Berliner Krankenhaus: Die Einrichtung ist eines der zwölf von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten demenzsensiblen Krankenhäuser in Deutschland. Weitere Fördermittel für Modellprojekte stellen die Bundesländer zur Verfügung. Hier wie dort begibt man sich auf einen steinigen Weg.

Von Melanie M. Klimmer

Roter Backsteinbau, Haus 105. Ich gehe in ein weiss-getünchtes 4-Bett-Zimmer im zweiten Stock des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge, Berlin-Lichtenberg (KEH), eine Einrichtung der Regelversorgung mit 620 Betten.

Zum Schutz vor der Februarsonne sind die orangefarbigen Vorhänge zugezogen. Nur ein schmaler Spalt lässt den Blick frei ins Grüne. Auf der rechten Zimmerseite befreit sich gerade ein weiss-haariger Mann von der Bettdecke. Er nestelt an der Plastikwindel und schiebt sein nacktes Bein über das Bettgitter. Beim Senior daneben tropfen Reste einer Infusion. Er lächelt abwesend. – Ich, ein neues Gesicht von 30, dem er in fünf Tagen begegnet. Das Heimpersonal erkennt er später nur noch an einzelnen Stimmen.1

Der Hochbetagte linker Hand blickt ernst und ratlos. Am Monitor des Patienten am Fenster klebt ein bunt ausgemaltes Bild: «Gute Besserung» ist zu lesen. «Das hat meine Urenkelin Antonia gemalt», sagt er stolz. «Sie ist drei.» Die Zigarette zwischen den Lippen des Mannes im Bild ist ein Fieberthermometer. Wir schmunzeln.

«Glück gehabt! Nur der Oberschenkelknochen ist gebrochen», erzählt er. «Als ich Altglas aus dem Auto in die Container werfen wollte, muss ich mit dem Fuss hängen geblieben sein.» Er holt ein Röntgenbild aus der Schublade: Ein Targon-Nagel hält den Knochen nun zusammen. Das Registrierbändchen um die Elle zeigt: Karl W. ist 88 Jahre alt.

Delirium

Eine akut-organische Psychose als Reaktion des Gehirns auf toxische Einflüsse, wie nach einer Narkose. Leitsymptom dabei ist die Bewusstseinsstörung in Erleben, Erinnerung, Vorstellung und Denken: Desorientierung, Ratlosigkeit, Angst, Aggression, motorische Unruhe, Störung oder Umkehrung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Auslöser sind häufig Infektionen (unerkannte Harnwegsinfekte, Wundinfektionen), Ortswechsel, Medikamentenentzug, neu oder zu viel angesetzte Arzneimittel sowie Flüssigkeitsmangel. 

Mehr als jeder zweite Patient hier ist älter als 70 Jahre. Jeder Dritte davon entwickelt ohne nicht-medikamentöse Interventionen ein postoperatives Delir. Zwei von fünf dieser Patienten wiederum sterben danach an jener und weiteren Komplikationen. Mit Hilfe einer «Postoperativen Delir-Studie» am Haus konnte man das belegen; mit dem Ziel, die Delir-Rate zu senken.2 

«Wir haben die Pille gegen Delirien noch nicht entwickelt», erklärt der Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Prof. Dr. Albert Diefenbacher in seinem gut sortierten, geräumigen Büro.

«Wir müssen daher alles unterbinden, was Orientierungslosigkeit fördert. Das kann banal sein: Wunschkost wählen lassen, Kopfteil höherstellen, Verzicht auf Anti-Dekubitus-Matratzen, Bett umwidmen statt Patient verlegen.» Die Sekretärin bringt Kaffee.

«Es ist noch nicht lange her, da wurden postoperativ delirante, verhaltensauffällige Patienten aus der Somatik zu uns in die Psychiatrie abgeschoben, wo wir diese bändigen sollten», sagt Diefenbacher. Das gehe so nicht: Ärzte und Pflegepersonal hätten Verantwortung für eine anständige Arbeit; dazu gehöre die Delir-Prävention. «Mit der Studie haben wir wachgerüttelt», sagt der Professor.

Der Hochrisikopatient Karl W. kann sich nicht an das geriatrische Clearing in der Notaufnahme und die Befragungen durch das Fachpersonals auf Station zur Erhebung seines Delir-Risikos erinnern.

«Nach der Operation ging es mir mies. Ich wusste nicht wo ich war!» Mit der rechten Hand hält er die Triangel über dem Bett. «Aber die Behandlung ist enorm gewesen! Sie erleichtert das Hier-Sein!»  Der ältere Herr gegenüber greift mit der Hand ins Leere. Ich gehe zu ihm, grüsse ihn, berühre ihn am Unterarm und ziehe die Decke über die kühlen Beine.

In einem Korridor des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge, Berlin-Lichtenberg (KEH).
In einem Korridor des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge, Berlin-Lichtenberg (KEH). Bild Melanie M. Klimmer

«Ist es nicht selbstverständlich, demenzfreundlich, oder sagen wir besser, individuell, zu pflegen?» frage ich Eckehard Schlauß, Gerontologe am KEH und seit 2013 Leiter des «Demenz-Delir-Managements». Auf der Delir-Pocket-Card, die alle hier in der Kitteltasche tragen, lese ich die elf nicht-medikamentösen Interventionen zur Delir-Prävention.

Sensorische Hilfen – ich bin verwundert: Ist es nicht selbstverständlich, die Brille bereitzulegen, sie aufzusetzen, wenn ein Patient Assistenz benötigt? Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme (Zahnprothese/Wunschkost)? 

Sind wir so weit, dass wir es zu einer Ausnahme machen, einem Patienten überhaupt und bestenfalls die gereinigte Zahnprothese zur Wunschkost einzusetzen?

Eine Pflegefachfrau huscht wortlos durch das Patientenzimmer, stöpselt die Infusion ab, erfasst den drängendsten Bedarf und verlässt den Raum. Die Wasserflasche von Herr W. ist leer. Seine Zunge klebt trocken am Gaumen. «Etwas dürfen wir nicht aus den Augen verlieren: Die Krankenhaus-Landschaft hat sich extrem verändert», sagt Schlauß auf dem Weg zu seinem Büro am Ende des Areals.

«Stets müssen wir das Pflegepersonal daran erinnern: Jede Interaktion ist Kommunikation, Grundhaltung und gute Krankenbeobachtung sind zentral.» Der Gerontologe ist zuständig für Schulung und Sensibilisierung. Er wird gerufen, wenn es um akute Delirien und Delir-Prävention geht. Während der Studie half er als Examinierter Altenpfleger3 auf der chirurgischen Krankenstation mit und stand Modell für eine demenzsensible Pflege.

«Das Demenzsensible Krankenhaus ist nur die zweitbeste Lösung; was wir eigentlich bräuchten, ist eine ganzheitliche Pflege.»

Eckehard Schlauß
Das Licht fällt durch einen vergitterten Schacht ins Kellerbüro.

«Kein Cent aus der Förderung fliesst bis 2018 in Personal, nur in Konzeption, Evaluation, Technik und Symposien.» Schlauß wird vom Haus finanziert. Zusätzliches Personal holt er sich über die Bodeschwinghschen Stiftungen Bethel4 – meist junge Leute, die im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres oder Bundesfreiwilligendienstes Vorpraktika und Berufsorientierungen machen oder Wartezeiten überbrücken.

Mit dem gut bezahlten Betheljahr können besonders in den Nachmittagsstunden Menschen mit Demenz intensiver betreut werden. Karl W. ist inzwischen mit professioneller Starthilfe wieder zu Hause.

Video: Delir – Verwirrung nach einer Operation


Quelle ARD/youtube

 


 

Auf die Folgen von Spitalaufenthalten bei Menschen mit Demenz macht die Anästhesistin und Altersmedizinerin Dr. med. Simone Gurlit aus Münster (Nordrhein-Westfalen) aufmerksam.
Kratz, Torsten, Manuel Heinrich, Eckehard Schlauß, Albert Diefenbacher: «Prävention des postoperativen Delirs», in: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 112, Heft 17, 24. April 2015 (Originalarbeit und Methoden).
3 eine geschützte Berufsbezeichnung in Deutschland
4 Gründung 1867 bei Bielefeld zunächst zur Betreuung von Epilepsiekranken, mit dem Ziel der Teilhabe mitten in der Gesellschaft. Später auch für Menschen mit Behinderung, psychisch Kranke, Wohnungslose, in der Altenhilfe und in Akutkrankenhäusern.

erschienen: 08.03.2017

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