Kunst und Demenz

«Was wollte er uns damit sagen?»

Diese Bilder bedeuten für mich eine Art von nie endendem Gespräch in einer den Tod überdauernden Sprache: Über das nicht begriffliche Sprechen meines an Demenz erkrankten Mannes.

Von Else Natalie Warns

Die hier gezeigten Bilder sind einige von etwa 250 abstrakten Bildern, die nach einer Stammganglien-Blutung im September 2003, in den letzten drei Jahren einer 17 Jahre währenden Demenz entstanden sind. Mein Mann starb 2007.

Eberhard Warns hatte früher im Urlaub manchmal kleine poetisch-realistische Landschaften gemalt und viel gezeichnet. Aber der Stil der während der Endphase seiner Alterserkrankung gemalten Bilder spricht eine ganz neue künstlerische Sprache – sie ist nicht vergleichbar mit seinen früheren Arbeiten.

Die Künstlerwerkstatt Lydda in Bethel und mit ihr die Künstlerin Beate Wefel, die meinen Mann bei seinem Malen begleitete, nennt bildnerisch gestaltende behinderte Menschen Künstler und ihre Werke Kunst. Das zeigt die Grundhaltung auf, welche die Patienten nicht als Protagonisten sieht.

Es geht um das künstlerische Tun selbst, um künstlerische Entwicklung und Entfaltung und um die Würdigung derselben.

Behinderte und Demente sind in ihrer Kunst nicht behindert oder dement.

Was kam zum Ausdruck, wenn mein seit Jahren schwerkranker Mann plötzlich solche immer großformatiger werdenden abstrakten Bilder malte? Sprach er und spricht er bis heute mit sich, mit uns, indem er malte? Wovon sprechen diese Bilder? Und half ihm das, sich in ein neues Verhältnis zu seiner und damit auch unserer Situation zu setzen?

Es ist ein «Darstellen, das erkennbar macht, was durch sonst nichts zum Vorschein kommt» (Christian L. Haart Nibrig, 1978). Für mich drücken die Bilder meines Mannes diese Dimension aus. Sie sprechen eine nichtbegrifliche Sprache, in der er sich kurz vor seinem Tod noch einmal seinem Leben stellte und nonverbale Aussagen machte.

Er war darin autonom, er wählte die Farben und Pinsel aus und wusste ganz genau, wann ein Bild fertig war.

Malen ist ein geistig-seelischer Akt, mit dem sich ein Mensch seiner Mitwelt vermittelt und sich dadurch als Mensch im Beziehungsgefüge selbst erfährt, auch wenn er sonst kaum mehr normal kommunizieren kann. In der «authentischen Geste des absichtsfreien Gestaltens scheint das Universelle auf» (Rudolf zur Lippe, 1987), das zum Selbst des Menschen gehört wie seine Geschichte.

In den Bildern meines Mannes leuchtet für mich das Universelle auf, zu dem der Mensch in seinem «Kernselbst» als Geschöpf Gottes einen unverlierbaren Zugang behält – auch wenn er noch so krank ist – das glaube und hoffe ich.

Else Natalie Warns
Else Natalie Warns

Ich habe auch eine ganz neue Vorstellung davon entwickelt, was es denn eigentlich sein könnte, was nach dem Tode vom individuellen Person-Sein eines Menschen weiterlebt und sich seinen Ausdruck sucht. Das hat etwas mit Leiblichkeit in einem besonderen Sinne zu tun: indem nämlich das Malen auch eine leibliche Handlung ist. Geist und Leib sind dabei eng verbunden und präsent – unabhängig von eingeschränkten körperlichen und intellektuellen Möglichkeiten.

Theodor W. Adorno hat die «Vegegenständlichung des Ungegenständlichen» als «ein Stück eigener Existenz intim und wertvoll» genannt (Ästhetische Theorie,1978). In diesem Sinne bedeuten diese Bilder für mich eine Art von nie endendem Gespräch in einer den Tod überdauernden Sprache.

 

Quellen
Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie, Frankfurt/M.,1978
Hart Nibbrig, Christian Lucas: Ästhetik: Materialien zu ihrer Geschichte.
Ein Lesebuch – Philosophie, Frankfurt/M.,1978
zur Lippe, Rudolf: Sinnenbewusstsein – Grundlagen einer anthropologischen Ästhetik, Reinbek,1987

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in demenz – das Magazin. Herzlichen Dank an die Herausgeber, insbesondere Michael Ganß und Else Natalie Warns, für die Gelegenheit der Zweitverwertung.

Alle Bilder:

Eberhard Warns: «Ich will Freiheit beim Malen», hrsg. von Else Natalie Warns, EB-Verlag Hamburg 2008.

erschienen: 06.01.2017

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