Corona und Angehörige

Heimeliges Heim und frustrierte Angehörige

Bildtelefone halten in vielen Heimen den Kontakt zur Aussenwelt aufrecht.
Bildtelefone halten in vielen Heimen den Kontakt zur Aussenwelt aufrecht. Bild PD

Die Heime verbreiten derzeit behagliche Bilder mit bastelnden und videotelefonierenden Senioren. Bei den meisten Angehörigen hingegen herrscht Trauer und Frust.

Von Petra Rösler

Wer derzeit auf sozialen Medien Seniorenwohnhäuser «besucht», bekommt einen oft sehr heimeligen Eindruck. Da wird gebastelt, vorgelesen, videotelefoniert. Mit Mundschutz, aber mit viel sichtbarem Engagement des Personals und freudigen Gesichtern bei den Bewohnenden. Wer auf sozialen Medien die Einträge von Angehörigen liest, wird schnell traurig.

Da ist von Tränen die Rede, von Unverständnis, von Angst vor einem Abschied ohne Kontakt, von Abbau und Frustration, weil digitale Medien zu verwirrend für den Kontakt sind.

Und von Überforderung mit der Anfrage vom Heim, ob die Angehörigen im Fall einer Infektion ins Krankenhaus gebracht werden sollen. Zwei Seiten einer Medaille, könnte man denken.

So sei es nun mal immer schon gewesen, was für die einen (Bewohnende) eine gute neue Normalität ist, belastet die anderen (Angehörige) aus unterschiedlichen Gründen. Man könnte auch denken, dass von beiden Seiten nur die extremen Ränder sichtbar sind, weil sich weder die Wohnhäuser digital in den mühsamen Alltag abseits der frohen Stunden blicken lassen noch die zufriedenen Angehörigen viel schreiben.

Sicher ist, dass die Belastung in den Seniorenwohnhäusern für das Personal derzeit groß ist.

Dass die der Politik scheinbar die Langzeitpflege ausblendet (zum Beispiel in den Expertenstäben). Und dass die Angehörigen in ihrer Angst und Ohnmacht ziemlich allein sind. Hier müssen politische Forderungen und ausgleichende Angebote ansetzen.

Wichtiger aber scheint mir, was sich in Nebensätzen, zwischen den Zeilen, in den kaum publizierten Fakten abbildet. Mit der langsamen Entspannung der Lage sollten wir dringend auf Themen schauen, die sich nun gezeigt haben. Ich möchte drei herausgreifen – durchaus zugespitzt und ohne jemals die Leistungen der Langzeitpflege im Geringsten in Frage zu stellen!

«Jetzt ist endlich mal Ruhe»

Dass nun keine Angehörigen, keine Ehrenamtlichen, keine Dienstleister usw. ins Haus kommen, führt zu einer gewissen Ruhe in den Häusern. Man könnte es wohl damit vergleichen, dass wir auch zu Hause jetzt ein wenig «runterkommen» und sich alles entschleunigt.

Einerseits bietet dieses Aufatmen der Einrichtungen die Chance, hinzusehen, was vielleicht wirklich zu viel war davor, Aktionismus oder «Wildwuchs». Aber wenn die Abwesenheit von Angehörigen und Ehrenamtlichen als wohltuend erlebt wird, ist es doch Zeit für eine kritische Reflexion. Zumal, wenn dann Angehörige als «Menschen von außen» betrachtet werden.

→ Patienten-Verfügungen gegen Bettenknappheit?

→ Liebe Mama, ist Corona wie Alzheimer?

→ Botschaften aus der Isolation

Nachdem viele Häuser mit großem Engagement schon lange daran gearbeitet haben, sich zu öffnen für die Kommune, Angehörige als Teil des Systems zu verstehen, durch freiwilliges Engagement die Lebensqualität zu verbessern, muss dieses Aufatmen sehr nachdenklich stimmen. Ist eine Voraussetzung für gute Pflege, dass niemand dabei stört?

«Die Angehörigen leiden ja mehr unter der Distanz als die Bewohner»

Klarerweise ist es die Aufgabe der Einrichtungen, für das Wohlergehen ihrer Klientinnen und Klienten zu sorgen, in jeder Hinsicht. Aber diese sind eben keine abgeschnittenen Wesen, sie sind (meist) Teil einer Familie, mit ihrer eigenen Dynamik und Geschichte.

Ein Mensch wird ja nicht zum familienlosen Bewohner, wenn er seinen Wohnort in eine Einrichtung verlegt. Er ist und bleibt eingebunden in ein Gewebe, das wir nie ganz verstehen werden und auch nicht müssen. Die Sorge für und die Sorge der Angehörigen sind wesentliche Lebensvollzüge auch in einer fortschreitenden Demenz.

Darf es also für ein Wohnhaus egal sein, wenn die Angehörigen zu Hause unter der Distanz leiden, sich vor einem Abschied ohne Kontakt fürchten, vielleicht die Entscheidung für das Heim (neu) bereuen? Hier wäre im Gegenteil die Einbindung von psychosozialer Angehörigenberatung und
-begleitung das Gebot der Stunde. Und deren endlich einmal ausreichende Finanzierung müssten wir jetzt endlich massivst einfordern.

«Soll Ihre Mutter noch ins Krankenhaus?»

Die Vorbereitung auf schwierige Entscheidungen bringt scheinbar eine gewisse Hektik mit sich. Angehörige sollen Fragen am Telefon beantworten, die eigentlich in sorgfältige Prozesse des Advanced Care Plannings (bei uns in Österreich vor allem durch den Vorsorgedialog) eingebettet sind.

Sie haben den Eindruck, dass sie in der Minute über den Sterbeort ihrer Angehörigen entscheiden sollen. Im Wissen, diesen vermutlich gar nicht betreten zu können. Natürlich könnten wir uns solche Situationen durch umfassende, flächendeckende Patientenverfügungen vielleicht ersparen.

Wichtiger wäre aber jetzt zu erkennen, dass das Wissen um und die Kommunikation von Entscheidungsfindungen immer noch ziemlich lückenhaft sind.

Jetzt schnell per Videokonferenz den mutmaßlichen Willen zu erkunden ist engagiert. Wir sollten aber aus der Situation lernen, dass wir mehr Ressourcen für die Aufklärung und Durchführung von Vorsorgedialogen dringend brauchen. Nicht nur in dieser Krise, sondern zur Vermeidung von krisenhaften Entscheidungen überhaupt.

Wir dürfen sehr dankbar sein, dass im deutschen Sprachraum die Corona-Auswirkungen in den Pflegeheimen nicht die Dramatik anderer Staaten erreicht haben. Gerade deswegen sollten wir die Energie nutzen, aus der aktuellen Situation möglichst viel zu lernen und zu reflektieren.

Und fundierte Forderungen zu stellen, die über bloßes «mehr Geld, mehr Personal» hinausgehen und Politik und Gesellschaft nicht mit einem bloßen dankbaren Applaus aus der Verantwortung für eine gut aufgestellte Langzeitpflege entlassen.

erschienen: 17.04.2020

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