Corona im Spital

Die Ruhe vor dem Sturm

Covid-19 ist kein Witz. Auch wenn viele Infektionen harmlos verlaufen, die schweren Verläufe sind ein echtes Problem.
Covid-19 ist kein Witz. Auch wenn viele Infektionen harmlos verlaufen, die schweren Verläufe sind ein echtes Problem. Bild PD

Die Pflegehexe wird in den nächsten Wochen regelmässig und aktuell von ihrer Arbeit im Akutspital berichten. Im Moment ist noch alles ruhig, es ist die trügerische Ruhe vor dem befürchteten Ansturm.

Von Madame Malevizia

Meine Lieben,

kommt Euch das alles auch so surreal vor? Immer wieder ertappe ich mich, wie ich neben mir stehe und wie mich eine Welle der Angst und Sorge erfasst. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Wie hoch wird die Welle sein? Wie umfassend werden die Einschränkungen unseres Alltags werden? Werden Menschen, die mir lieb sind, ihre Existenz verlieren? Wie lange wird es dauern?

Ihr kennt das auch, nicht wahr? Lasst uns zusammen tief durchatmen. 

Madame Malevizia.
Madame Malevizia. Bild Eve Kohler

Ich möchte diesen Blog unter dem Titel Corona im Spital als Serie starten. Eigentlich war etwas anderes geplant gewesen, aber im Augenblick läuft ohnehin alles anders als geplant.

Hier möchte ich meine Gedanken mit Euch teilen. Es sind meine Gedanken und mein Erleben, deshalb gibt es kein «richtig» oder «falsch».

Im Moment laufen vor allem Vorbereitungen auf das, was auf uns zukommen könnte. Die Ausgangslage ist folgende: Es werden in nächster Zeit viele schwere Verläufe des Covid-19 Virus erwartet. Schwer bedeutet, dass die Lunge dieser Patienten dermassen eingeschränkt ist, dass sie nicht mehr selbständig atmen kann. Demzufolge müssen die Patienten intubiert und intensivmedizinisch betreut werden.

Da die personelle Situation in den Gesundheitseinrichtungen bereits über Mass angespannt ist, wird dies zwangsläufig zum Kollaps führen, wenn nicht sofort gehandelt wird. Lässt man den Betrieb einfach normal weiterlaufen? Werden irgendwann die Kapazitäten nicht mehr reichen, um all jene, die eine Intensivbetreuung benötigen, auch richtig versorgen zu können?

Und da diese Menschen, wenn sie dann wieder selbständig atmen, auf den Bettenstationen weiter betreut werden müssen, sind nicht nur die Intensivstationen, sondern das ganze Spital betroffen. Viele Krankenhäuser haben bereits diese Woche damit begonnen, alle geplanten Eingriffe abzusagen, die nicht zwingend durchgeführt werden müssen.

Die Ressource, auf die es jetzt ankommt, sind die Pflegenden und die Ärzte. Auch sie sind nicht gegen Covid-19 immun und exponieren sich zusätzlich.

Für viele Pflegende, auch für mich, bedeutet dies, dass die Teams gesplittet werden und ein absolutes (physisches) Kontaktverbot zwischen den aufgeteilten Teams herrscht. Damit soll verhindert werden, dass alle Pflegenden gleichzeitig mit einer Covid-19 Infektionen ausfallen.

Die Versorgung der Patienten wird alternierend über sieben Tage im 2-Schichtbetrieb (eine Schicht dauert 12 Stunden) aufrechterhalten. Pflegende und Ärzte haben ein Anrecht darauf, ausreichend geschützt zu werden. Desinfektionsmittel und Schutzmasken sind deshalb von zentraler Bedeutung. Die Desinfektionsmittel mussten vielerorts weggesperrt werden, ganze Wochenbestände waren wie durch Zauberhand plötzlich verschwunden ...

Nicht alle Betriebe bereiten sich vor. Und nicht alle Menschen halten sich an die Vorgaben des Bundes. Ich habe gehört, dass sich einige offenbar nicht «zuständig» fühlen.

Ey Leute, hakt’s oder was? Nur weil ihr keine Covid-19 Fälle betreuen werdet, oder nicht zur Risikogruppe gehört, oder es euch egal ist, wenn ihr krank werdet, heisst das noch lange nicht, dass ihr euch nicht mit den Hygienemassnahmen, die jetzt so immens wichtig sind, beschäftigen sollt.

Covid-19 ist kein Witz. Auch wenn viele Infektionen harmlos verlaufen, die schweren Verläufe sind ein echtes Problem. Und je mehr Angesteckte da draussen herum laufen, desto grösser ist die Chance, dass eben auch diese Verläufe sprunghaft steigen.

Ich möchte nicht, dass unsere Ärztinnen und Ärzte in die Situation geraten, in der sie selektionieren müssen, wer noch eine Chance auf Überleben bekommt und wer nicht.

Also, bewegt Euch, informiert Euch und übernehmt verdammt nochmal Verantwortung!

Auch ich bereite mich vor. Noch weiss ich nicht, was schwieriger wird: Die Woche Zuhause bleiben, oder die 12-Stunden Schichten. Gerade ist Zuhause sein angesagt und ich tu alles, um mich psychisch und physisch zu stärken. Ich habe engen Kontakt mit meinem Coach, die im Moment online alles gibt, um mich und alle da draussen zu unterstützen.

Ich halte Kontakt zu meinen Lieben, damit ich das Verbundenheitsgefühl bewahren kann, das für mich so wichtig ist. Soviel und so lange wie in den letzten Tagen habe ich schon lange nicht mehr telefoniert.

Als Pflegehexe liegen mir alle Pflegenden am Herzen und ich will mein Möglichstes tun, um sie in dieser Krise zu unterstützen. Noch weiss ich nicht, wie ich die 12-Stunden Schichten ertragen werde und wie viel Erholungszeit ich für mich selbst benötige.

Doch ich versichere Euch, ich werde weiterhin für Euch da sein, mit Euch meine Gedanken teilen und Hoffnung, Zuversicht, Mut, Fürsorge und Solidarität hochhalten. Tragt Sorge zu Euch und zueinander. Ich wünsche Euch Gesundheit, das höchste Gut, das sich keiner kaufen kann.

Eure Madame Malevizia

 

erschienen: 19.03.2020

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