Alzheimer und wir

Doppelte Entlastung für Menschen mit Demenz

Pflegende Angehörige meistern seit Monaten besondere Herausforderungen – sie sollten sich trauen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Pflegende Angehörige meistern seit Monaten besondere Herausforderungen – sie sollten sich trauen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Bild Anshu, unsplash

Diese Pandemie ist eine grosse Herausforderung für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Die üblichen Hilfsstrukturen wie Tagespflege oder Beschäftigungs- und Betreuungsangebote fallen oft weg.

Von Peggy Elfmann

Pflegende Angehörigen kommen schnell an ihre Grenzen. Das habe ich im ersten Lockdown persönlich gemerkt. Für meinen Papa war es teilweise sehr anstrengend, die Pflege allein zu meistern, weil Mama nicht mehr in die Tagespflege gehen konnte und sie auch sonst kaum Unterstützung hatten.

Für diesen, den aktuellen Lockdown, kann ich nur sagen: Wir haben dazugelernt. Schon vor Monaten wollten wir einen Pflegedienst und Unterstützung hinzuziehen. Doch da war natürlich auch die Sorge, ob es eine gute Idee ist, in Corona-Zeiten fremde Menschen nach Hause zu bitten. Heute kann ich sagen: Ja, ist es.

Ambulante Pflege oder andere Formen der Unterstützung sind gerade heute sehr wichtig

Menschen mit Demenz und ihre Familien brauchen ein Netzwerk an Helfern. Keiner kann diese Aufgabe allein meistern. Das habe ich schon oft geschrieben – und werde nicht müde, es immer wieder zu schreiben. Weil ich es so wichtig finde. Ich sehe an meiner Mama mit Alzheimer, dass es ihr am besten geht, wenn sie ein Netz von Menschen um sich herum hat.

Und doch war dies eine ganze Zeit lang nicht möglich. Während des ersten Lockdowns konnte Mama nicht mehr in die Tagespflege gehen, mein Bruder und ich trauten uns nicht zu meinen Eltern zu fahren, aus Angst, das Coronavirus zu ihnen zu bringen und ein Pflegedienst kam noch nicht zu meinen Eltern.

«Ich schaffe das schon», hatte mein Papa anfangs guten Mutes gesagt, doch irgendwann merkte ich, dass die Situation auch ihn immer stärker belastete.

Damit war er nicht allein. Eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) und der Charité Berlin zeigte, dass ein Drittel der pflegenden Angehörigen von einer Verschlechterung der Pflegesituation und vermehrt von Gefühlen wie Hilflosigkeit, Überforderung, Wut und Ärger berichteten. Vor allem Angehörige von Menschen mit Demenz beklagten eine Verschlechterung ihrer Situation.

Die Forschenden des ZQP erklärten dies damit, dass pandemiebedingt viele Angebote und Hilfsstrukturen wegfielen. Bei acht von zehn Befragten schloss die Tagespflege komplett, vier von zehn berichteten, dass andere Dienstleister (wie z. B. die Fusspflege) gar nicht mehr genutzt werden konnten. 

Auch sonstige Helfer wie Bekannte, Ehrenamtliche, Nachbarn, Familienmitglieder blieben fern. Bei zwei von zehn Befraten kam der Pflegedienst in Corona-Zeiten gar nicht mehr, oder weniger oft.

Aus der Studie des ZQP: Weniger Unterstützungsleistungen bei der Pflege.
Aus der Studie des ZQP: Weniger Unterstützungsleistungen bei der Pflege. Grafik ZQP

Auch meinen Eltern ging es so. Während es in den ersten Tagen noch okay war, wurde es zunehmend belastender. Was tun? Ich wollte nicht zu meinen Eltern fahren, da ich Angst hatte, sie anzustecken. Die Leiterin der Tagespflege schlug vor, einen ambulanten Pflegedienst beizuziehen. Der könnte einmal am Tag kommen und meinen Papa unterstützen. Ich war unsicher: Jetzt in der Pandemie einen Pflegedienst ins Haus holen?

Wir hatten schon lange darüber gesprochen, dass Papa mehr Unterstützung zu Hause braucht und immer wieder einen Pflegedienst vorgeschlagen. Bislang hatte er dank der Tagespflege Helfer an seiner Seite gehabt und den Vorschlag mit der Tagespflege stets abgelehnt.

War das mitten in der Corona-Zeit ein guter Zeitpunkt für mehr Helfer? Schliesslich war und ist es wichtig, die Kontakte zu reduzieren und Abstand zu wahren. Andererseits: So konnte das auch nicht länger gut gehen.

Also versuchte ich einen Pflegedienst aus unserem Dorf zu organisieren. Ohne Erfolg.

Einige MitarbeiterInnen waren krank, andere aufgrund der Kita- und Schulschliessungen nicht im Dienst oder arbeiteten verstärkt im stationären Bereich, da aufgrund der Besuchsverbote auch die Unterstützung der Angehörigen wegfiel. Ähnliches hörte ich von anderen Diensten und gab schliesslich auf. «Fragen Sie uns in ein paar Wochen noch mal», riet man mir.

Mehr Entlastung muss her – nur wie?

Langsam gab es Lockerungen und wir fuhren wieder zu meinen Eltern. Diese Unterstützung war gut, aber auf Dauer nicht genug. Zwar konnte Mama wieder in die Tagespflege gehen, doch Papa war durch die Corona-Pandemie immer noch besonders belastet. 

Denn natürlich gelten strengere Regeln in der Tagespflege. Bei Erkältungssymptomen etwa muss man zu Hause bleiben, dazu kommen verkürzte Besuchszeiten und überhaupt ist der Alltag stressiger geworden für ihn. 

Allein das Einkaufen strengt Papa an.

Darauf zu achten, dass Mama ihren Mund-Nasen-Schutz trägt, sich im Supermarkt nicht verirrt und nichts anfasst, macht das Einkaufen zu einer Anstrengung. Er erledigt solche Wege an den Tagen, an welchen sie in der Tagespflege ist. Zeit zum Ausspannen nimmt er sich kaum.

Deswegen stand für meinen Bruder und mich fest, dass wir Unterstützung für Mama und Papa suchen müssen. Ein erneuter Anruf beim ambulanten Pflegedienst im Ort: «Ja, klar, wir kommen mal vorbei und besprechen das», sagte die Leiterin spontan.

«Ich möchte keine fremden Menschen hier haben», sagte Papa, als ich ihm von dem Angebot erzählte. «Ich schaffe das allein.» Ich weiss, dass es sich dabei nicht nur um Corona-Ängste handelt, sondern auch um andere Themen geht.

Doch die Corona-Situation spielt auch eine Rolle. Denn die schlimmste Vorstellung ist, dass sich meine Mama mit dem Coronavirus ansteckt. Aufgrund ihrer Alzheimer-Erkrankung ist das Risiko für eine schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung erhöht. Andererseits hat uns die Corona-Situation gezeigt, dass es ohne ein Netz an Helfern nicht geht.

Die Leiterin kam und Papa erzählte von seinen Anstrengungen und hörte sich ihre Vorschläge an. Es war ein Gespräch mit Abstand, mit Mundschutz und Desinfektonsspray – und doch auch mit Interesse, Empathie und Zuversicht.

Papa hat mit einem Zögern zugesagt und dennoch haben wir danach diskutiert, gestritten und auch geweint.

Ja, einen Pflegedienst ins Haus zu holen, ist nicht unbedingt eine leichte Entscheidung – und in Corona-Zeiten schon mal gar nicht. Aber ich bin froh, dass wir uns dazu entschieden haben. Und ich bin davon überzeugt, dass diese Unterstützung gerade in dieser Corona-Krise besonders wichtig ist. Die Hilfe im Haushalt und bei der Pflege kommt meiner Mama doppelt zu Gute:

  • Meine Mama bekommt Anregung, wird betreut und unterstützt
  • Mein Papa wird entlastet, kann eine Pause machen und Kraft schöpfen, um sich um Mama zu kümmern.

Wichtig: Der Pflegedienst sollte sich unbedingt an die Hygiene- und Schutzmassnahmen halten. Denn jeder Mensch mehr im Haus erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich meine Mama anstecken könnte. Andererseits gehören die Basisregeln zum Standard für Pflegekräfte.

AHA+L+A

In der Coronavirus-Pandemie ist die Zahl der Neuinfektionen derzeit auf hohem Niveau. Es gilt Kontakte zu beschränken und AHA+L+A einzuhalten: Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen sowie regelmässiges Lüften und die Corona-Warn-App nutzen!

«Hygiene und Abstand ist für uns alle das Gebot der Stunde. Im Betrieb achten wir auf die AHA+L Regeln und gehen sehr gewissenhaft damit um, besonders bei der körpernahen Versorgung am Patienten. Ausserdem werden wir jetzt zwei Mal in der Woche intern getestet», erzählt Tobias Plonka, Altenpfleger, Filmemacher und Video-Blogger («Ambulant bloggt») in einem Interview.

Wissenschaftliche Grundlage ist eine S1-Leitlinie zur Häuslichen Versorgung in der Covid-19 Pandemie. Eine multidisziplinäre Arbeitsgruppe hat diese Leitlinie unter Anleitung der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft entwickelt. Die Leitlinie gibt umfassende Empfehlungen für den ambulanten Pflegedienst zu den Schutzstrategien bei Covid-19.

Finanzielle Unterstützung für Pflege zu Hause in Corona-Zeiten

Alle Personen mit einem Pflegegrad, die zu Hause wohnen, erhalten einen Entlastungsbetrag von 125 Euro pro Monat. Dieser kann für bestimmte Angebote zur Entlastung genutzt werden, etwa zur Verhinderungspflege, für Pflegebegleiter oder die Kurzzeitpflege.

Regulär gibt es dazu entsprechende Vorgaben. Als Unterstützung in Corona-Zeiten kann der Entlastungsbeitrag derzeit auch für Angebote verwendet werden, die nicht nach den landesrechtlichen Vorgaben anerkannt sind, etwa bei haushaltsnahen Dienstleistungen. Das gilt befristet bis am 31. März 2021.

Gut zu wissen: Auch die im Jahr 2019 nicht verbrauchten und angesparten Entlastungsbeträge können in den Zeitraum bis zum 31. März übertragen werden. Diese Beträge können auch für einen Pflegedienst verwendet werden, der in Corona-Zeiten neu unterstützt. Ebenso können Pflegehilfsmittel bis 60 Euro abgerechnet werden (und nicht wie üblich bis 40 Euro).

Zugleich gibt es Entlastungen für berufstätige Angehörige: Bis Ende März kann ein Arbeitnehmer wegen einer akuten Pflegesituation in der Familie bis zu 20 Tage der Arbeit fernbleiben und Pflegeunterstützungsgeld erhalten.

Dies wird gezahlt, wenn im Rahmen der häuslichen Pflege eine Versorgungslücke entsteht, etwa weil ein Pflegedienst aufgrund der Corona-Situation zeitweilig schliesst oder eine Pflegekraft ausfällt. Ähnlich wie eine Krankmeldung muss die Freistellung dem Arbeitgeber mitgeteilt werden. Der Arbeitgeber kann eine ärztliche Bescheinigung verlangen. Die Bescheinigung ist zwingend notwendig, um bei der Pflegekasse den Lohnausgleich zu beantragen.

Mein Tipp: Pflegedienst in Corona-Zeiten

All das macht mir Mut und den möchte ich auch anderen pflegenden Angehörigen machen. Diese Corona-Zeiten sind für alle anstrengend. Pflegende Angehörige meistern seit Monaten besondere Herausforderungen – sie sollten sich trauen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Das kann ein ambulanter Pflegedienst sein, aber natürlich auch die Nachbarin oder Familienangehörige. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, es macht das Netz nur stärker – und davon profitieren alle.

 

 

erschienen: 07.02.2021

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