Alzheimer und wir

Liebe Mama, ist Corona wie Alzheimer?

«Wie gerne wären wir jetzt bei dir, liebe Mama. Eigentlich hätten wir Ostern alle zusammen verbracht. Ich werde traurig, wenn ich daran denke, dass dieses Ostern so ganz anders wird, als ich es mir gewünscht habe».
«Wie gerne wären wir jetzt bei dir, liebe Mama. Eigentlich hätten wir Ostern alle zusammen verbracht. Ich werde traurig, wenn ich daran denke, dass dieses Ostern so ganz anders wird, als ich es mir gewünscht habe». Bild PD

Ich weiß nicht, ob Corona wie Alzheimer ist. Schlaue Forscher würden dem sowieso sofort widersprechen. Doch beides sind fundamentale Krisen. Aber vielleicht, so meine kleine Hoffnung, können wir daraus etwas mitnehmen.

Von Peggy Elfmann

Liebe Mama,

manchmal beneide ich dich ein wenig, weil du in deiner kleinen Anders-Welt bist und diese Pandemie an dir vorbeizieht. Ich fühle mich wie in einem Umbruch – einen, den ich nicht wollte und der mir Angst macht. Aber er bringt mich auch sehr zum Nachdenken. Und ich frage mich: Ist diese Corona-Situation ein bisschen so, wie wenn man die Diagnose Alzheimer bekommt?

Mir geht es nicht so gut dieser Tage. Mich beschäftigt so viel und vor allem dieses Coronavirus, das meinen Alltag gehörig durcheinanderwirbelt.

So langsam bekommen wir ein wenig mehr Struktur, aber Homeschooling und Homeoffice und dazu noch ein Kindergartenkind sind doch manchmal sehr aufreibend. Dazu die Gedanken um dich und Papa und die Ungewissheit, wann wir uns wiedersehen werden.

Wenn ich die Bilder oder Berichte aus Italien und Spanien sehe, bekomme ich Angst. Nicht so sehr um mich und die Kinder. Wir sind jung und haben keine Vorerkrankungen. Aber wie ist es mit dir und Papa? Ihr gehört in mindestens eine Risikogruppe – und ich habe Angst, dass ihr euch anstecken könntet. 

Denn die Wahrscheinlichkeit eines schweren Erkrankungsverlaufs liegt bei euch höher als bei mir. Deswegen möchte ich nicht, dass ihr einkaufen geht. Zum Glück gibt es Verwandte und viele Nachbarn, die euch jetzt unterstützen. Deswegen erkläre ich Papa jedes Mal, dass ihr diese Hilfen unbedingt auch annehmen solltet.

Ich rufe momentan häufiger bei euch an, um Papa ein bisschen Abwechslung zu sein und ich hoffe natürlich, dass du dich dann auch über die Stimmen deiner Tochter und Enkeltöchter freust. 

Du bist in deiner kleinen Anders-Welt. Ich weiß nicht, wie es dort ist und wie du dich fühlst, aber du wirkst oft sehr zufrieden.

Von dieser Pandemie bekommst du nicht viel mit – und manchmal ertappe ich mich, wie ich dich darum beneide. 

Corona schmeißt unsere Pläne um

Du kannst momentan nicht in die Tagespflege gehen. Papa sagt, dir geht es gut. Ich weiß, er kümmert sich liebevoll um dich. Er kocht für dich, ihr geht spazieren und hört eure Schlagermusik. Ja, es ist jetzt noch einsamer bei euch als sonst, weil mein Bruder und ich nur anrufen, aber euch nicht besuchen.

Und wie gerne wären wir bei dir, liebe Mama. Eigentlich hätten wir Ostern alle zusammen verbracht. Ich werde traurig, wenn ich daran denke, dass dieses Ostern so ganz anders wird, als ich es mir gewünscht habe.

Ostern ist nicht das einzige, das anders wird als geplant. Ich war so voller Vorfreude auf den Sommer. Ich wollte bei einer großen Veranstaltung als Speakerin auftreten und über unsere Erfahrungen mit Alzheimer sprechen.

Das war so eine Chance – und so wichtig, denn ich glaube, dass Angehörige eine viel stärkere Stimme erhalten sollten. Sie sind diejenigen mit der Erfahrung und der Austausch untereinander bringt so viel Wertvolles. Und nun?

Kontrollverlust durch das Coronavirus

Nun muss ich mich irgendwie neu finden. Ich muss mich von manchen Plänen verabschieden. Ich merke auch, wie ich an meine Grenzen komme mit all meinen Ideen. Das macht mich auch traurig – und in manchen Momenten fühle ich mich hilflos.

Der Psychoanalytiker Hans Jürgen Wirth spricht im Spiegel von einem Kontrollverlust: «Das Coronavirus ist sehr mächtig, es bestimmt gegenwärtig unser aller Leben in einem vor Kurzem noch unvorstellbaren Ausmaß, seine Ausbreitung und seine Auswirkungen auf das Kollektiv wie auf den Einzelnen sind unberechenbar. Es wirft alle Planungen über den Haufen.»

Kontrollverlust durch die Diagnose Alzheimer

Mittlerweile, wo du in deiner kleinen Anders-Welt lebst, bist du entspannt. Aber ich erinnere mich, was für eine wahnsinnige Situation es damals für dich und uns war, als du die Diagnose Alzheimer bekommen hast.

Du warst 55 Jahre alt, standest mitten im Berufsleben – und dann so eine Diagnose. Eine Krankheit, die nicht heilbar ist, die vielleicht langsam voranschreitet, aber dir immer mehr von deinen Erinnerungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten nehmen wird.

Die Alzheimer-Diagnose hat all deine Pläne über den Haufen geworfen. Sie hat hat dir Angst gemacht. «Die Tränen kullern einfach so. Ich weiß auch nicht, warum», hast du mir einmal geschrieben.

Häufig bist du auch zu Hause einfach in Tränen ausgebrochen. Du standest im Flur und hast so bitterlich geweint.

Wir haben dich in den Arm genommen und dich getröstet, aber die Krankheit konnte und kann keiner verjagen.

Ich habe damals selbst versucht, irgendwie weiter zu funktionieren. Wie wir alle. Natürlich waren wir an deiner Seite und haben gemeinsam überlegt, wie es weitergehen soll. Aber über unsere Gefühle haben wir nicht so viel gesprochen.

Diese Corona-Krise lässt mich deine Gefühle von damals vermutlich sehr gut nachempfinden – und ich schreibe vermutlich, weil ich mit dir nicht mehr darüber sprechen kann, ob es wirklich so ist. Zumindest aber, das weiß ich sicher, empfinde ich diesen Kontrollverlust als sehr einschneidend.

Chancen aus der Krise

«Euch geht es doch gut. Du brauchst keine Angst haben», beruhigte mich eine liebe Freundin vor ein paar Tagen. Ich habe gar nicht so viel Angst, dass wir tatsächlich erkranken, es ist diese Panik, mein Leben nicht mehr kontrollieren zu können. Und dabei ist das doch sowieso eine Illusion gewesen, oder?

Ich kann mein Leben nicht kontrollieren. Psychoanalytiker Wirth erklärte dazu im Spiegel, es sei das Lernziel in dieser Krise «anzuerkennen, dass wir sehr vieles passiv erleiden müssen, dass uns widerfährt.»

In einem zweiten Schritt könne man dann versuchen, das Erlittene in sein Leben zu integrieren. Oder wie so viele es gerade tun und überlegen: Was ist mir wichtig? Wie will ich nach der Corona-Krise weiterleben? Was möchte ich ändern?

Ja, und während ich seine Worte lese, denke ich an dich und deine Alzheimer-Krankheit. Ist Corona wie Alzheimer? Deine Krankheit wird nie weggehen. Du hast dich mit ihr arrangieren müssen. Du hast gelernt zu lachen und fröhlich zu sein – mit Alzheimer. Heute, in einer Zeit, in der du sehr viel Unterstützung brauchst, versuchen wir dir diese schönen Momente zu bescheren.

Die Corona-Pandemie wird irgendwann vorbei sein. Ich werde mich wieder sicherer fühlen und weniger Zweifel haben. Aber sie zeigt mir auch, dass ich vieles einfach akzeptieren muss und auch vertrauen sollte. Vor allem auf mich.

Ich kann diese Krise nicht ändern, aber ich kann für mich einen Weg finden. Wie? Das weiß ich nicht. Ich wünschte, mir könnte jemand verraten, wie das geht.

Was mir bislang hilft: Die positiven Dinge sehen, die gerade überall und in meinem Leben passieren. Ich verbringe viel mehr Zeit als üblich mit meinen Töchtern. Das ist oft anstrengend, aber ich erfahre viel mehr über sie – und sie auch von mir. Und das ist wunderschön.

Statt mich auf die Veranstaltung im Sommer vorzubereiten, habe ich zwei wunderbare Frauen kennengelernt, die sich für Menschen mit Demenz engagieren. Wir hatten inspirierende Videogespräche und ich habe so viel über Alzheimer und Demenz gelernt, dass ich gar nicht weiß, welchen Blog-Beitrag ich zuerst schreiben soll.

Ich genieße die Natur mehr als ich es sonst in meinem Alltag getan hätte. Ich freue mich über jede Blume, die blüht und über jeden Vogel, den ich höre. Sogar die Kinder achten plötzlich darauf und sagen, wie gut die Luft draußen doch riecht und wie schön die Blumen sind.

Liebe Mama, ich weiß nicht, ob Corona wie Alzheimer ist. Schlaue Forscher werden dem sowieso sofort widersprochen haben. Aber beides sind fundamentale Krisen. Aber vielleicht, so meine kleine Hoffnung, kann ich, können wir, daraus etwas mitnehmen.

Deine Peggy

 

erschienen: 08.04.2020

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