Darf ich das?

Beim Essen spricht man nicht!

Benötigt der Mensch mit Demenz besondere Zuwendung, um ins Sprechen zu kommen, mag man verleitet sein, sich lieber mit dem Gesunden zu unterhalten, auch wenn der am anderen Ende des Esstischs sitzt.
Benötigt der Mensch mit Demenz besondere Zuwendung, um ins Sprechen zu kommen, mag man verleitet sein, sich lieber mit dem Gesunden zu unterhalten, auch wenn der am anderen Ende des Esstischs sitzt. Bild Mara Truog

Als ich zufällig während der Mittagszeit zu Besuch im Heim bin, sitzen alle schweigend beim Essen, niemand spricht. Eine Mahlzeit ist doch auch ein soziales Ereignis. Aber die Stille ist offenbar gewünscht. Darf ich sagen, dass mich das irritiert?

Von Nina Streeck

Mit Ihrer Sichtweise verstünden Sie sich gut mit dem berühmten Philosophen Immanuel Kant: Der pflegte tagtäglich zu Mittag Gäste einzuladen, um sich mit ihnen bei üppigen Mahlzeiten angeregt zu unterhalten.

In Königsberg, seinem Heimatort, waren die Gastmähler berühmt. Kant entwarf sogar Regeln der Kunst des ungezwungenen Tischgesprächs. «Allein zu essen ist für einen philosophierenden Gelehrten ungesund», hielt er fest, «nicht Restauration, sondern (vornehmlich wenn es gar einsames Schwelgen wird) Exhaustion; erschöpfende Arbeit, nicht belebendes Spiel der Gedanken.»

Nur wer in Gesellschaft zu Tische sitze, komme wieder zu Kräften, meinte Kant.

Freilich spricht Kant vom Gelehrten, dem das Gespräch helfe, sich nach dem anstrengenden Nachsinnen über philosophische Probleme zu zerstreuen. Doch muss man keinen Denker bemühen, um sich die gemeinschaftsstiftende Funktion des Essens vor Augen zu führen.

Hochzeiten, Jubiläen oder Weihnachtsfeste sind ohne fröhliche Tischrunde nicht denkbar: Gibt es etwas zu feiern, gehört das Festmahl im Kreis der Gäste unbedingt dazu. Und selbstverständlich plaudert man mit seinen Tischnachbarn, scherzt und prostet sich zu.

Auch vereint in Trauer speisen und reden wir miteinander, nämlich beim Leichenschmaus. Erinnerungen an den Verstorbenen zu teilen, kann Trost spenden, mitunter erklingt trotz des traurigen Anlasses beim Mahl auch Gelächter. Ohne das Gespräch liesse sich diese Verbundenheit nicht herstellen.

Ebenso pflegen wir im Alltag das Tischgespräch: Wir verabreden uns mit Freunden zum Z’mittag, essen zu Abend im Kreis der Familie oder besuchen mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen die Kantine – und tauschen uns dabei aus, über die Ereignisse des Tages, den jüngsten Tratsch im Büro.

Nichts verdeutlicht den gemeinschaftlichen Charakter des Essens wohl besser als das letzte Abendmahl. Vor seinem Kreuzestod am folgenden Tag hält Jesus noch einmal Mahl mit seinen Jüngern. Er bricht das Brot, nimmt den Kelch und spricht die berühmten Wandlungsworte, mit denen er das gemeinsame Mahl als Zeichen des neuen Bundes mit Gott stiftet.

Überhaupt tafelt Jesus oft mit Anderen, gerade mit denjenigen, mit denen sich niemand abgeben will: Aussätzige, Zöllner, Sünder.

Integration entsteht auch durch Worte, durch den Dialog. Allzu oft verebbt heute aber das Tischgespräch, vor allem in Familien. Man liest Zeitung, tippt auf dem Smartphone oder lässt den Fernseher nebenbei laufen. Und das, obwohl es Kindern gut tut, wenn man sich für sie interessiert; es verbessert sogar ihre schulischen Leistungen.

Nicht selten allerdings kommt es auch zu Streit. So fördert nicht jeder Dialog das Wohlbefinden.

Wie sieht es aus, wenn sich einige der Tischgenossinnen und -genossen schwer tun mit dem Sprechen, weil sie an Demenz erkrankt sind? Den einen oder die andere mag es überfordern, beim Essen auch noch reden zu sollen. Die Unterhaltung bedeutet dann nicht lustvolle Zerstreuung, wie Kant es sich vorstellte, sondern Stress.

Von allein, ohne dass eine Pflegekraft oder ein Gast es initiierte, käme manch ein Gespräch gar nicht in Gang. Und wenn die Gesunden munter zum Reden auffordern, haftet der Konversation etwas Zwanghaftes an, ein Miteinander entsteht nicht. Im Gegenteil, es kostet den Menschen mit Demenz womöglich Nerven, sich eines Redeflusses nicht erwehren zu können, weil es ihm an Wortgewandtheit mangelt.

Und schliesslich wirkt nicht jedes Tischgespräch integrativ. Benötigt der Mensch mit Demenz besondere Zuwendung, um ins Sprechen zu kommen, mag man verleitet sein, sich lieber mit dem Gesunden zu unterhalten, auch wenn der am anderen Ende des Esstischs sitzt. Der Wortwechsel grenzt dann alle aus, die ihm nicht zu folgen vermögen.

Manche Bewohnerinnen und Bewohner sind vielleicht nicht mehr in der Lage, ihren Tischnachbarn anzusprechen oder das Ping-Pong der Worte zu verstehen. Dann träfe wohl der Spruch zu: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. 

Allein die Stille gibt mithin noch keine Auskunft, ob Sprechen verboten ist und die Tischrunde es vermisst. So bleibt nichts anderes als die Nachfrage: Warum ist es hier so still bei Tisch?

Grosse Fragezeichen dürften bleiben, wenn sich abzeichnet, wovon der Schriftsteller Heinrich Böll einst mit Blick auf Kinder sprach, es herrsche nämlich die «fürchterliche Sitte, das Essen schweigend einzunehmen, schweigsame Kinder bei Tisch: geduckt, gezähmt». Vom Gold des Schweigens lässt sich wohl kaum mehr reden, wenn es als Mittel der Ruhigstellung verwendet wird.

 

erschienen: 11.09.2020

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