Dürfen die das?

Rühr mich nicht an!

Wer einander berührt, kommuniziert ohne Worte. Eine unschätzbare Weise der Kontaktnahme für Menschen mit Demenz, wenn sie die Fähigkeit verlieren, ein Gespräch zu führen.
Wer einander berührt, kommuniziert ohne Worte. Eine unschätzbare Weise der Kontaktnahme für Menschen mit Demenz, wenn sie die Fähigkeit verlieren, ein Gespräch zu führen. Screenshot Marcus May

Ich beobachte, wie eine Pflegende eine Bewohnerin voller Überschwang begrüsst und sie in den Arm nimmt. So würde man sonst höchstens mit engen Freunden umgehen. Mir erscheint das übergriffig. Ob sie das mit meinem Vater auch macht? Soll ich sie darauf ansprechen?

Von Nina Streeck

Wer einen anderen Menschen anfasst, lässt ihm ein wahres Wundermittel angedeihen: Berührungen stärken das Immunsystem, reduzieren Stress und senken den Blutdruck. Sie lassen uns Schmerzen besser ertragen, Wunden heilen rascher.

Sogar schlauer können sie uns machen, weil wir uns Dinge besser merken und leichter lernen, wenn wir berührt werden. Auch wenn wir uns selbst in einem Gespräch ins Gesicht fassen, hat es eine Wirkung: Wir regulieren unsere Emotionen und erinnern uns an Vergessenes. 

Der Einsatz von Berührungen erfolgt oft gezielt. Beim Segen bekommt jemand ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet, um die Zuwendung Gottes spürbar zu machen. Die Evangelisten erzählen an vielen Stellen im Neuen Testament, wie Jesus Menschen heilte, indem er sie berührte.

Auch andere Religionen kennen das Handauflegen; es gehört zu den ältesten Praktiken der Heilkunst.

Wir nehmen jemanden in den Arm und streicheln ihm über den Rücken – wir wollen ihn trösten. Umarmt die Pflegende einen Bewohner, darf man ihr getrost ebensolche wohlwollenden Absichten unterstellen: Sie will ihm etwas Gutes tun.

Bisweilen zahlen wir sogar dafür, dass man uns berührt, etwa wenn uns die Physiotherapeutin massiert. Aus New York ist die Idee der Kuschelpartys zu uns gelangt: Eine Gruppe von Menschen trifft sich, um miteinander zu kuscheln, ohne sexuelle Absichten, allerdings gegen Geld.

Kostenlos bieten dagegen gelegentlich Leute in Fussgängerzonen eine Umarmung an, indem sie auf grossen Schildern dafür werben. Und schliesslich wird am 21. Januar der Weltknuddeltag mit Umarmungen begangen. 

Wer einander berührt, kommuniziert, ohne Worte. Eine unschätzbare Weise der Kontaktnahme für Menschen mit Demenz, wenn sie die Fähigkeit verlieren, ein Gespräch zu führen. Gefühle vermitteln sich auch über den körperlichen Kontakt; Zuneigung, Freude, aber auch Abwehr lassen sich zum Ausdruck bringen. Und Beziehungen entstehen, eine nonverbale Interaktion, in der man das Gegenüber ebenso wie sich selbst spürt.

«Jedwede Kreatur hat einen Urtrieb nach liebender Umarmung», hielt die Mystikerin Hildegard von Bingen fest. Was könnte man also gegen Berührungen haben?

Die positiven Wirkungen stellen sich freilich nicht automatisch ein. Es ist eine Binsenweisheit, dass sich nicht jede Berührung mit einem guten Gefühl verbindet. Eine Ohrfeige oder ein Fusstritt bedeuten Schmerzen; versetzt ein Mann ungefragt einer Frau einen Klapps auf den Po oder begrapscht ihre Brüste, fühlt sie sich womöglich gedemütigt und verspürt Wut oder Abscheu.

Schlimmste Szenarien lassen sich denken, wie jemand gegen seinen Willen berührt wird, Schläge, Folter, Vergewaltigung, Mord: gewalttätige Formen der Berührung.

Wer einen anderen berührt, übt unter Umständen Macht aus. In jedem Fall, ob als angenehm empfunden, unwillig ertragen oder vehement abgelehnt, bleiben Berührungen nicht harmlos.

Doch während wir uns für gewöhnlich wehren können, wenn uns nicht behagt, dass uns ein anderer anfasst, kann sich das für einen Menschen mit Demenz mitunter schwieriger gestalten. Freilich, auch er vermag sich zur Wehr setzen, wenngleich womöglich nicht mehr mit Worten.

Doch sind die Pflegende und die Bewohnerin nicht gleichauf. Die eine gesund, die andere krank. Die eine wortgewandt und geistig rege, die andere vielleicht schon verstummt und verlangsamt im Denken, deshalb eher zu verunsichern und zu überrumpeln.

Und die Dame mit Demenz wird von der Fachperson gepflegt, ob sie es will oder nicht – denn auf Dauer lässt man ihr jegliche Verweigerung nicht durchgehen.

Anderen Zugang zur eigenen Intimsphäre zu gewähren, gehört für eine Person mit Demenz irgendwann zum Alltag. Den Berührungen ist sie ständig ausgesetzt.

Zwangsläufig bewegt sich auf schmalem Grat, wer berufsbedingt Menschen berührt, die nur beschränkt wehrhaft sind. Stets stehen er oder sie vor Fragen: Erlaubt mein Gegenüber, dass ich ihn umarme? Wie empfindet er es wohl, wenn ich mich ihm nähere? Vertraut er mir?

Was er bei der Kollegin schätzt, weist er vielleicht zurück, wenn es von mir kommt. Gestern lächelte er bei meiner Umarmung, heute schreckt er davor zurück. Sein Zimmergenosse mag gar keinen Körperkontakt, allenfalls gelegentlich eine Hand auf der Schulter. Und das auch nur, wenn es einen guten Grund für die Berührung gibt.

Es bedarf einigen Feingefühls, herauszufinden, was sich gerade ziemt und womit man die Grenzen überschreitet.

So lässt sich aus der Ferne nicht beurteilen, ob die Bewohnerin sich gerne überschwänglich begrüssen und in den Arm nehmen lässt. Selbst wie es der eigene Vater empfände, bleibt womöglich schwer zu sagen.

Doch spielt das eine Rolle, wenn man sich fragt, ob man die Pflegende darauf ansprechen soll? Wenn irritierend wirkt, wie sie sich der Bewohnerin zuwendet, tut man zumindest sich selbst einen Gefallen, sein Unbehagen in Worte zu fassen und es nicht nach Hause zu tragen.

Und wer weiss, vielleicht macht man die Pflegende sogar auf etwas aufmerksam, das ihr kaum bewusst war und worauf sie künftig stärker achten möchte.

Eine Pflegeperson verbringt im Durchschnitt etwa zwei Drittel ihres ganzen Tuns damit, Menschen zu berühren. Das ist enorm viel und sollte dazu anregen, uns Gedanken darüber zu machen wie Berührungen und Begegnungen zustande kommen und wie sie gestaltet werden sollten. Das fängt bei uns selbst an: Welche Art der Berührung und Begegnung mögen wir? Welche weniger? alzheimer.ch/Youtube
 

 

 

erschienen: 15.07.2020

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