Demenzheim

Besuchsverbot in Zeiten von Corona

All die Kümmerer, die so in Sorge sind, wissen die eigentlich, wie es Menschen mit einer schweren Demenz geht? Weiss überhaupt jemand, wie es ihnen geht? alzheimer.ch/youtube

Michael Schmieder fragt: Ist ein Besuchsverbot in Pflegeheimen für Menschen mit einer schweren Demenz – den Hochvulnerablen also – tatsächlich sooo schlimm?

Von Michael Schmieder

Die zweite Corona-Welle ist da – und damit auch all die bekannten Themen. Dazu gehört auch das Thema Besuchsverbote in Pflegeheimen. Darf man Besuchsverbote aussprechen? Wem nützen und wem schaden sie?

In den sozialen Medien werden Besuchsverbote besprochen, als ob der leibhaftige Teufel Regie führen würde und nicht mehr die Menschen entscheiden, die eine differenzierte Sichtweise auf die Auswirkungen der realen Situation haben. Besuchsverbote sind des Teufels, so die darin verpackten Botschaften.

Dabei erheben sich viele zu sogenannten Anwälten der Schwachen, die mit der realen Situation – schwer an Demenz erkrankt im Pflegeheim lebend – nur wenig Erfahrung haben. Da entsteht einmal mehr diese Verquickung von Interessen:

Die Interessen der Angehörigen sind selbstredend auch stets die Interessen der Betroffenen.

Ist das tatsächlich so? Ich spreche hier von Menschen mit einer schweren demenziellen Erkrankung, die in einem Pflegeheim leben. Ich spreche nicht von Menschen im mittleren Stadium der Erkrankung oder gar noch früher.

Ich spreche von den Menschen, um die sich alle so wohlwollend kümmern, von den Hochvulnerablen also. Und all die Kümmerer, die so in Sorge sind, wissen die tatsächlich, wie es diesen Menschen geht? Wer weiss überhaupt, wie es diesen Menschen geht?

Am Ende der ersten Welle hat das Demenzzentrum Sonnweid eine interne Befragung beim Personal gemacht: Ob sie glauben, dass Menschen mit Demenz ihre Angehörigen vermissen. Herausgekommen ist eine differenzierte Sichtweise über das, was tatsächlich geschieht. Man kann das so beschreiben:

Je weiter fortgeschritten die Erkrankung ist, desto weniger kann man davon ausgehen, dass die Erkrankten die Besuche ihrer Angehörigen vermissen.

Es scheint demnach nicht so zu sein, dass diese Menschen sehr darunter leiden, wenn kein Besuch kommt, vielmehr seien in der Folge intensivere Kontakte mit Pflege- und Betreuungspersonen entstanden, geht aus der Befragung hervor. Eine andere Mitarbeiterin beschreibt eindrücklich, wie Bewohnende untereinander wieder besseren Kontakt zueinander entwickelt hätten.

Weiter war zu beobachten, dass die Situation gesamthaft als ruhiger empfunden wurde. Eine Abteilung stellte fest, dass weniger Reserve-Medikamente verabreicht werden mussten. Pflegende beschreiben eine engere Beziehung zu den Bewohnenden, aber auch eine Zunahme der sozialen Interaktionen zwischen den Bewohnenden.

Wer jetzt damit argumentiert, dass Pflegende halt von den Angehörigen nicht gestört werden wollen, argumentiert zynisch und spricht dem Personal die Kompetenz einer guten Beobachtungsgabe ab.

Es ist also durchaus vorstellbar, dass das Vermissen des Besuches, dieser Verlust des Kontaktes, vor allem auf Seiten der Angehörigen wahrgenommen wird. Was ja auch sehr verständlich und nachvollziehbar ist.

Aber sich letztlich von allem Irdischen lösen zu können, gelingt den Menschen mit Demenz vermutlich besser als denen ohne Demenz und dadurch ist es möglich, dass dieser Verlust sehr einseitig empfunden wird – nur von den gesunden Angehörigen.

Es geht darum, nicht einseitige Positionen einzunehmen, nicht nachzuplappern, was man gerne hören möchte. Es geht immer auch um die andere Sicht auf die Dinge, auch wenn sie (noch) nicht ins eigene Weltbild passt.

erschienen: 06.11.2020

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