Projekt Mäander

Viel Geld für nichts?

Projekt Mäander der Zürcher Regierung: Ziel des Projekts ist es, die Situation von Menschen mit Demenz zu verbessern. Die grundsätzliche Frage besteht darin: Gibt es durch das Projekt einen Mehrwert für den Betroffenen? Und rechtfertigt dieser Mehrwert die hohen Kosten? Daran anschliessend stellt sich die Frage: Braucht es Mäander überhaupt oder was wären die Alternativen? alzheimer.ch/youtube

Die Zürcher Gesundheitsdirektion hat ein neues Projekt am Start: Eine Plattform, geplant zur besseren Versorgung von Menschen mit Demenz. Aber wird hier nicht Geld aus dem Fenster geworfen?

Von Michael Schmieder

Der Regierungsratsbeschluss vom 8. Juli 2020 soll das Projekt «Mäander» zum Fliegen bringen. Doch das wird teuer: Startkapital für die zu gründende Stiftung – 1.5 Millionen für die nächsten fünf Jahre – werden vom Lotteriefonds gesprochen, das Jahresbudget beträgt 400 000 CHF. Ganz schön viel Geld.

Ziel des Projekts: die Situation von Menschen mit Demenz verbessern. Drei Projekte sind bisher angedacht:

  • Hotline Demenz: ein Telefondienst für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen
  • MitDemenz: ein Erholungs-, Schulungs- und Präventionsangebot für Angehörige
  • Velokumpel: Fahrradausflüge für Menschen mit Demenz unter Einsatz von Spezialfahrrädern

Natürlich sollen das nur Starterprojekte sein und Hinweise geben, was alles unterstützt werden könnte. Die grundsätzliche Frage besteht darin: Gibt es durch das Projekt einen Mehrwert für den Betroffenen? Und rechtfertigt dieser Mehrwert die hohen Kosten? Daran anschliessend stellt sich die Frage:

Braucht es «Mäander» oder was wären Alternativen?

Der Kanton Zürich ist übersät mit Angeboten für Menschen mit Demenz und deren Angehörige. So gibt es mehrere, sehr gute Memory-Kliniken. Es gibt Entlastungsangebote, zugehende Beratungsstellen, Gesprächsangebote für Betroffene, Angehörigengruppen, Treffen von Betroffenen, Gesprächsangebote für Menschen, die jung an Demenz erkrankt sind, Veranstaltungen (Stichwort: Demenz Meet), demenzfreundliche Gemeinden, Ferienaufenthalte von Alzheimer Schweiz, Telefonberatung von Alzheimer Schweiz und Alzheimer Zürich, Internetplattformen wie alzheimer.ch, Tanzcafés, Malstunden, Erzählcafés … und und und!

Es gibt so vieles. Was den meisten Projekten jedoch fehlt, ist Geld. Geld damit die Angebote weiterentwickelt werden können, damit Entschädigungen bezahlt werden können, die fairer sind als das, was aktuell möglich ist.

So werden die «Gipfeltreffen» von Alzheimer Zürich durch sie selbst finanziert, die Beiträge, welche die Teilnehmenden zahlen müssen, werden zu einem Drittel von der Stiftung Sonnweid übernommen: 25 von 75 CHF.

All das, was bisher entwickelt wurde, wurde oft durch Private und Organisationen auf die Beine gestellt.

Dadurch gibt es Angebote, die funktionieren und sich am tatsächlichen Bedarf orientieren.

Wenn es nun um eine Hotline Demenz geht, was soll daran neu sein? Die Gesundheitsdirektion betont, dass kein bestehendes Angebot konkurrenziert werden soll. Aber was ist mit dem Beratungstelefon von Alzheimer Zürich?

Und wenn das kleine Projekt «Velokumpel» tatsächlich solch ein Gewicht hat, dass es auf dieser Ebene gepuscht werden muss, was für eine Qualität hat dann das Ganze?

Ein weiterer Gedanke: Bisherige Erfahrungen zeigen, dass solche Strukturen dazu führen, eine Auswahl zu treffen, was gefördert wird.

Dahinter lauert die grosse Gefahr, dass nicht etwas, sondern jemand gefördert wird. Und dass das, was durchkommt, als «gut» und alles andere als «nicht brauchbar» eingestuft wird. Damit wird Initiative zerstört.

Erfahrungswissen zählt wenig. Doch es muss nicht immer alles evaluiert und evidenzbasiert sein.

Vieles, was funktioniert, funktioniert im Kleinen und braucht das Grosse gar nicht.

Das bisherige Erfolgsrezept der Arbeit mit und für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen konnte sich nur deshalb so gut entwickeln, weil auf ganz unterschiedlichen Ebenen und von unterschiedlichen Playern Dinge in die Wege geleitet wurden, die sich bewährt haben – und immer noch bewähren.

Das hat alles ohne staatliche Hilfe stattgefunden. Der Verdacht liegt nahe, dass die Dinge genau deshalb funktionieren.

Wenn man die Kosten betrachtet, die für den Apparat von «Mäander» gebraucht werden – 400 000 CHF pro Jahr –, dann sträuben sich den Playern die Nackenhaare, die um jeden Franken kämpfen müssen, damit sie irgendetwas tun können und nicht nur aus der privaten Tasche bezahlen.

Die geäusserte Befürchtung, dass das Projekt Mäander Spendengelder abzieht – diese Befürchtung ist real.

Das so gepriesene Projekt «Velokumpel» zeigt präzise auf, wie in der heutigen Zeit Projekte stattfinden: viel viel Wind, viel viel Geld und am Ende darf man nicht mehr fragen, was diese einstündige Velofahrt tatsächlich gekostet hat.

Statt anzufragen in einer Gesprächsgruppe, Velos zu organisieren (sponsern zu lassen) und auf geht’s! Eigentlich eine einfache Sache, wenn man es nicht so kompliziert machen würde.

erschienen: 29.07.2020

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