Michael Schmieder

Corona-Geklatsche

Auf dem Höhepunkt der Krise wurden die Pflegenden beklatscht und für ihre Leistungen mit Beifall überhäuft. Jetzt sind sie plötzlich die Schuldigen, die das Virus aus den wohlverdienten Ferien in die Institutionen tragen. alzheimer.ch/youtube

Jetzt gibt es wieder ein Corona-Geklatsche – und zwar an die Backe der Pflegenden.

Von Michael Schmieder

Man stelle sich diese Ignoranz vor: ein ganzes Land klatscht Beifall, ein ganzes Land erkennt plötzlich, dass Pflege systemrelevant ist, ein ganzes Land erkennt, wie wichtig Pflegende sind.

Und genau diese Pflegenden, ja genau die, die möchten jetzt Ferien machen – und dann auch noch selbst entscheiden, wohin die Reise geht – nach Serbien, in den Kosovo, einfach wieder einmal nach Hause. Ihre Heimat ist nämlich immer noch dort – und nicht hier. Die bringen dann das Virus mit, das vorher noch gar nie hier war ...

Wenn ich Satire machen würde, würde ich sagen: «Schuld sind mal wieder die Ausländer».

Da ich aber keine Satire mache, sage ich folgendes: jetzt sind plötzlich die Pflegenden daran Schuld, dass es Übertragungen gibt; sie bringen das Virus in die Heime. Es ist nicht der Sohn der alten Frau, nicht die Tochter, es ist auch nicht der Hausarzt, nicht die Apothekerin, es ist nicht die Putzfrau (aus der Türkei), nicht der Briefträger, schon gar nicht der Koch (es gibt auch den Beruf Koch, nicht nur den Nachnamen ...).

Nein, jetzt wissen wir es, es sind die Pflegenden, von ihnen geht die grösste Gefahr aus. Das war schon vor Corona so: die Pflegenden sind immer dann da, wenn es existenziell wird, wenn es ums Leben und ums Sterben geht.

Das ist nämlich ihr Beruf: Da sein, wenn viele andere wegschauen, weggehen. Da sein, wenn der alte Mensch Unterstützung braucht. Da sein, wenn Angehörige nicht allein sein wollen, beistehen, wenn der Mensch Abschied nehmen muss von dieser Welt.

Was ich auch jetzt wieder beobachten kann: Es braucht immer einen Schuldigen und das kann, je nach Stimmungslage, sehr rasch ändern.

Jetzt sind gerade die Pflegenden dran in den Heimen. Sie sind die grösste Gefahr, was sie auch tatsächlich sind, da sie – als einzige, notabene – den alten Menschen ganz nah sein müssen, nah sein sollen, dürfen oder können – da kann man sich etwas aussuchen.

Die Behörden unterstützen solche Schuldigkeitsphantasien, indem sie beispielsweise Quarantäne-Zeiten für Rückkehrer festlegen, gleichzeitig aber sagen, dass dies nicht zwingend sein müsse, es komme auf den «Bedarf» an. Jeder andere darf ins Heim reintrampen, der in den Ferien war, egal wo, da gilt gar nichts.

Mich stört diese Doppelmoral, mit der die ganze Diskussion begleitet ist; mich stört, dass man weiterhin suggeriert, Ansteckungen könnten gänzlich verhindert werden. Wenn es dennoch zu einer Ansteckung kommt, dann hat irgend jemand versagt, damit gibt es einen Schuldigen und alle anderen sind unschuldig.

Diese Haltung wurde und wird von vielen Behörden genährt und ich werde den Eindruck nicht los, dass es vor allem darum geht, selber fein raus zu sein. Insofern ist das alte Bibelzitat ich wasche meine Hände in Unschuld heute wieder fest im Alltag verankert.

Schuld sind immer die anderen! Na dann Prost, Corona!

erschienen: 21.07.2020

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