Öffnung der Heime

«Da soll einer schlau draus werden ...»

Die Zürcher Gesundheitsdirektion hat entschieden, das Besuchsverbot in Pflegeheimen per sofort unter Auflagen aufzuheben, zehn Tage früher als angekündigt. Michael Schmieder, ehemaliger Heimleiter, Berater und Redaktor dieser Plattform, versteht die Welt nicht mehr.

Von Michael Schmieder

Da wissen wir alle, dass Menschen mit Demenz sich nicht an Verordnungen und Regeln halten können,

Da vermuten wir, wie das sein wird, wenn demenzkranke Menschen hinter einer Plexiglasscheibe mit den Angehörigen reden sollen.

Da vermuten wir, dass das Konzept der «Verrichtungsbox», es wird nämlich Besuch verrichtet, dass dieses Konzept nicht funktioniert.

Da hören wir täglich, wie wir Menschen mit Demenz schützen müssen.

Und dann kommt solch eine Besuchsregelung wie heute von der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich, die ein Konzept vorschreibt, dass bei Menschen mit Demenz nur bei einer Minderheit funktionieren wird.

Und die anderen, die schwer pflegebedürftigen Menschen, die werden dann im Bett oder im Pflegerollstuhl durch die Gegend gefahren, damit sie von den Angehörigen hinter einer Plexiglasscheibe angeschaut werden können. Und die Kranken selbst verstehen gar nichts.

Und plötzlich ist es eine Anordnung. Bei den bisherigen Verboten waren es meist Empfehlungen, da konnten dann die Heime die Diskussionen führen.

Und plötzlich dürfen die Heimbewohner wieder ins Spital eingewiesen werden, sogar die mit einer Demenz, die werden gar nicht mehr extra erwähnt – aber es hat jetzt leere Betten, also dürft ihr wieder dort behandelt werden. Diese Doppel-, nein, Mehrfachmoral ist kaum mehr zu ertragen.

Ich verstehe das nicht, ich kann nicht nachvollziehen, warum man noch mitte April verkündete, das Besuchsverbot bleibe bis mindestens 11. Mai, und dann hebt man das Ganze am Tag vor dem 1. Mai per sofort auf. Völker hört die Signale, denk ich mir da.

Michael Schmieder.
Michael Schmieder.

Spezielle Besuchskonzepte sind hinfällig, die als bestmögliche erachtete Lösung für die Menschen mit Demenz wird nicht einmal in Erwägung gezogen.

In der ganzen Krise reden alle von der hohen Vulnerabilität der Menschen mit Demenz. Doch was geschieht jetzt? Es wird zu Stress kommen, zu Überforderungen, zu Aggressionen und zu grosser Hilflosigkeit.

Das sind Auswirkungen dieser Vulnerabilität, aber scheinbar hat man darüber nicht oder zu wenig nachgedacht. Reduziertes Denkvermögen scheint nicht nur bei Menschen mit Demenz ein Thema zu sein.

Damit ich richtig verstanden werde: Ich begrüsse es sehr, dass kranke Menschen wieder Besuch haben können. Aber es sind die speziellen Bedürfnisse zu berücksichtigen, und das ist hier nicht geschehen.

erschienen: 30.04.2020

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