Gesellschaft

Der Wert der alten Menschen

«Ich lese ungleich häufiger, dass die Wirtschaft leidet, als vom Leiden der alten Menschen und der Pflegenden. Sind einer ganzen Gesellschaft die Alten gleichgültig?»
«Ich lese ungleich häufiger, dass die Wirtschaft leidet, als vom Leiden der alten Menschen und der Pflegenden. Sind einer ganzen Gesellschaft die Alten gleichgültig?» Bild Mara Truog

Vorwiegend alte Menschen sterben an Corona. Wie reagieren wir als Gesellschaft darauf? Zucken wir die Schultern? Trauern wir mit den Angehörigen? Ein Aufruf gegen die Gleichgültigkeit.

Von Esther Spinner

Während meiner Ausbildung zur Krankenschwester Ende der 70er-Jahre kursierten in meiner Klasse auf Wachsmatrizen abgezogene Kopien. Damals hatten wir ein Anatomiebuch, vielleicht auch eines über Chemie – über Pflege aber gab es nichts Schriftliches.

Wir waren äusserst dankbar für die zum Teil schlecht lesbaren Blätter, die auf Schleichwegen zu uns ins Triemli-Spital kamen. An der Schwesternschule Theodosianum im Limmattalspital lehrte Schwester Liliane Juchli, die Autorin dieser Blätter, aus denen später die berühmte Juchli-Bibel wurde, ein weltweit verbreitetes Standardwerk zur Krankenpflege.

1973 erschien dieses Buch zum ersten Mal und wird bis heute immer wieder überarbeitet und neu aufgelegt. Vorher basierte das Wissen der Krankenpflege auf mündlicher Überlieferung. Da musste erst eine auf die Idee kommen, dass das Pflegewissen auf eine gemeinsame Basis gestellt werden könnte.

Die Ordensfrau Schwester Liliane Juchli kam auf diese wegweisende Idee – was allerdings viele nicht glauben konnten, und die Post an sie entsprechend an Herrn Professor Juchli adressierten. Dies berichtet die Neue Zürcher Zeitung in ihrem Nachruf.

Ende November letzten Jahres starb Liliane Juchli mit 87 Jahren am Coronavirus im Berner «Haus für Pflege», dem einzigartigen Haus, das vor 16 Jahren von Pflegefachleuten gegründet wurde und noch immer von Pflegenden geführt wird. Sie starb im Jahr 2020, dem Jahr, das die WHO zum Jahr der Pflege ausgerufen hatte und die Begründerin der modernen Pflege, Florence Nigthingale, ihren 200. Geburtstag feierte.

Auf der Webseite des Berufsverbandes der Pflegefachleute SBK höre ich ihren Text, den sie auf Band sprach im Frühling 2020, dem damaligen Höhepunkt der Pandemie. Sie spricht lebhaft, gescheit, sie klingt viel jünger, als sie ist.

Das Virus, sagt sie, regiert nach seinen eigenen Gesetzen. Wir Menschen können wenig tun, ausser uns  um alle Erkrankten zu kümmern. Sie dankt ihren Kolleginnen und Kollegen, die tun, was getan werden muss.

Doch damit die Pflege bestehen könne, brauche es die Selbstpflege. Diese war Liliane Juchli nach einer durchlittenen Erschöpfungsdepression ein grosses Anliegen. Nun ist sie am Virus gestorben, wie so viele andere Menschen.

Wenn ich lese, wie das heute zu und hergeht in den Pflegeheimen, wird da keine Zeit sein für Selbstpflege. Knapp reicht es dafür, die anderen zu pflegen. Selbst positiv getestete Pflegefachleute werden zur Arbeit aufgeboten, damit die minimalste Pflege garantiert werden kann.

Ich habe in meiner Ausbildung erlebt, was es heisst, nicht nur gefordert, sondern überfordert zu werden.

In der Überforderung leidet die Pflege. Pflegefachleute möchten gut pflegen, möchten ihre ethischen Grundsätze nicht verraten. Doch in diesen Zeiten bleibt oft nichts anderes übrig.

Wie schwierig muss das auszuhalten sein. Nicht das tun können, was man als richtig und wichtig anschaut, Abstriche machen zu müssen, das Fachwissen oder die Menschlichkeit hinten anstellen, weil nicht für beides Platz ist, sich im Stich gelassen fühlen von der politischen Führung, von all den Menschen, die nur auf die Intensivstationen schauen und die Pflegeheime vergessen.

Die als einfach eingestufte Pflege alter Menschen wird weniger gewichtet als die technisch komplexe Pflege auf den Intensivstationen. Darin spiegelt sich der Wert der alten Menschen in unserer Gesellschaft. So höre ich öfters, die Pandemie sei nicht so schlimm, weil ja schliesslich vorwiegend Alte sterben würden, Menschen, die so oder so bald, in ein, zwei oder vier Jahren gestorben wären.

Ich lese ungleich häufiger, dass die Wirtschaft leidet, als vom Leiden der alten Menschen und der Pflegenden. Sind einer ganzen Gesellschaft die Alten gleichgültig? Dass Tausende an dieser Pandemie sterben wird zu oft mit einem kollektiven Schulterzucken beantwortet. Im Alter stirbt man halt, das ist der Lauf der Dinge, wenn nicht an Corona, dann halt an der Grippe.

Mir scheint, es werde stillschweigend davon ausgegangen, dass die nicht gelebten Lebensjahre sowieso nicht lebenswert gewesen wären. Vielleicht, sagen die einen, ist Corona eine Erlösung vom Leben im Pflegeheim. Das mag im Einzelfall zutreffen, gilt aber sicher nicht für alle, die jetzt sterben. Lassen uns alle diese Toten kalt? Oder sind wir eher hilflos und wissen nicht, wie wir angesichts der Bedrohung reagieren sollen?

Die Begleitung in den letzten Lebensjahren ist äusserst anspruchsvoll. Alte Menschen wollen ernst genommen werden als die, die sie sind und auch als die, die sie waren: als ehemalige Lehrerinnen, Mechaniker, Journalistinnen, Piloten, Eltern.

Die Pflegefachleute müssen ihre Schützlinge beobachten, besonders, wenn sie sich nicht mehr verständlich ausdrücken können. Wie wirkt das neue Schmerzmittel? Welche Veränderungen zeigen sich? Wie viel Zuwendung braucht jemand?

Pflegefachleute kümmern sich, versuchen fehlende Nähe zu ersetzen, was gerade in Pandemie-Zeiten erschwert ist.

Schwester Liliane Juchli hat als eine der ersten erkannt, wie wichtig das Fachwissen für die Pflege ist. Doch nie vergass sie die Menschlichkeit. «Ich pflege als die, die ich bin», war einer ihrer zentralen Sätze. Das tun die Kolleginnen und Kollegen gestern wie heute, sie setzen sich ein, bis sie an ihre Grenzen kommen.

Ich hoffe und wünsche, dass die Pflegefachleute durchhalten mögen, bis die Pandemie vorbei ist – und dass sie auch danach nicht reihenweise die Pflegeheime und Spitäler verlassen. Ich hoffe und wünsche, dass weiterhin junge Leute diesen Beruf ergreifen, dass sie endlich angemessen entschädigt und ideell unterstützt werden als Menschen, die darauf achten, dass die Menschlichkeit weder im Alterszentrum noch im Spitalalltag zu kurz kommt – und hoffentlich uns allen erhalten bleibt.

Florence Nightingale – Pionierin der Pflege

Pionierin der Pflege

Die Lady mit der Lampe

Florence Nigthingale wurde berühmt als die «Dame mit der Lampe». Nachts ging sie jeweils durch die Säle, in denen die Verwundeten lagen, und trug ein Licht mit sich, das Wärme und Hoffnung verbreitete.

Liliane Juchli hat für sich das Bild des Leuchtturms gefunden, dessen Licht den Verirrten den Weg weist. Sie selbst ist längst für viele Pflegende zum Leuchtturm geworden. Ihr Licht ist auch mit ihrem Tod nicht erloschen und weist uns gerade heute den Weg.

Gegen die Gleichgültigkeit (Melinda Nadj Abonji u.a.)

Die Corona-Pandemie hat in unserem Land nicht nur eine beispiellose Gesundheitskrise ausgelöst, sondern auch eine moralische Krise. Der bisherige Umgang mit der Pandemie spiegelt nicht die Grundwerte wider, auf denen das Schweizer Staatswesen ruht.

Wir akzeptieren dieses Versagen nicht. Wir fordern eine verantwortungsvolle Politik, die allen Einwohnerinnen und Einwohnern Rechnung trägt und sie so gut als möglich an Leib und Leben schützt.

→ Hier können Sie den Protestbrief lesen

erschienen: 15.01.2021