Offener Brief

«Allerdings war das Treffen traumatisch»

In den Besucherboxen kommt es zu unschönen Szenen, weil viele Menschen mit Demenz die Corona-Massnahmen nicht verstehen.
In den Besucherboxen kommt es zu unschönen Szenen, weil viele Menschen mit Demenz die Corona-Massnahmen nicht verstehen. Bild PD

Die Besucherregelung im Demenz-Zentrum Sonnweid sorgt für überforderte Bewohner, traumatisierte Besucher und ratloses Personal. Deshalb haben Petra Knechtli und Monika Schmieder der Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli einen offenen Brief geschrieben.

Von Petra Knechtli und Monika Schmieder

Sehr geehrte Frau Rickli

Die 5. Aktualisierung vom 20.05.2020 zur Verfügung vom 20.03.2020 nehmen wir zum Anlass, auf die spezielle Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen hinzuweisen.

«… Allerdings war dieses Treffen für alle Personen ziemlich traumatisch, da meine Mutter absolut nicht verstanden hat, warum sie uns nicht in die Arme nehmen und berühren konnte und verzweifelt nach einem Durchgang auf unsere Seite gesucht hat. Für meinen Vater und mich war es eine Qual, die Verzweiflung meiner Mutter zu beobachten. Wir haben deshalb seither auf einen persönlichen Besuch verzichtet, um meine Mutter nicht erneut diesen inneren Qualen auszusetzen.»

«Mein Mann war völlig überfordert mit der Situation … nach ein paar Minuten verliess ich ziemlich erschüttert die Sonnweid mit dem Gefühl, meinen Mann endgültig verloren zu haben. … Für demente Menschen braucht es dringend eine andere Lösung. Es ist zu hoffen, dass dies der Gesundheitsdirektion bewusst wird.»

Dies sind Auszüge aus zwei Mails an Monika Schmieder, Mitglied der Geschäftsleitung der Sonnweid. Die geltende Besuchsregelung erweist sich in den allermeisten Fällen als nicht durchführbar. Es ist einem Menschen im fortgeschrittenen Stadium einer demenziellen Erkrankung nicht zu vermitteln, warum er nicht mit seinem Angehörigen direkt, berührungsnah, kommunizieren kann. Er kann es nicht verstehen.

Um diese Situation zu verhindern, haben inzwischen viele Angehörige ihre Besuche wieder eingestellt. Die neu bewilligte Möglichkeit, nach draussen zu gehen unter Einhaltung der Schutzkonzepte, ist für Menschen mit Demenz ebenfalls keine Option.

Sie können sich nicht an Konzepte halten, auch wenn sie noch so gut begründet sein können.

In der Realität bedeutet dies, dass es praktisch weiterhin keine sinnvolle Möglichkeit gibt, wie Angehörige Menschen mit Demenz besuchen können, so dass solch ein Besuch auch für beide Seiten eine positive Wirkung hat. Wohin können sich die oft selbst sehr alten Angehörigen mit ihren Anliegen wenden?

Die Verzweiflung der Angehörigen ist extrem gross – sie haben keine Vertretung! Welche Rechte haben sie?

Ist der einzige Ausweg, ihre Angehörigen nach Hause zu nehmen und im Chaos zu sterben? Können wir jetzt immer noch die Besuche verbieten? Draussen werden Feste gefeiert, Spaziergänge gemacht und Kirchen geöffnet,  aber seine engsten Angehörigen darf man nur durch Scheiben sehen.

Es ist anzuerkennen, dass die hohe Vulnerabilität der Menschen mit Demenz wenigstens verbal anerkannt wird, aber in der Realität werden diese schwer erkrankten Menschen gleich gesetzt wie alte Menschen, die in Institutionen leben und kognitiv nicht eingeschränkt sind.

Ein weiterer völlig ungelöster Bereich sind die schwer pflegebedürftigen, nicht palliativen Patienten. Es macht sicher wenig Sinn, diese in die Besucherbox zu schieben, und zwei Meter entfernt sitzen Angehörige hinter einer Plexiwand.

Das Einzige, was ja hier gut tun könnte, ist diese Nähe, die nur durch Nähe entstehen kann.

Oftmals ist das ja auch für den Angehörigen die einzige Möglichkeit, in Kontakt zu treten. Was kann erwartet werden? Menschen mit Demenz leben in allen Pflegeinstitutionen. In der Sonnweid leben ausschliesslich solche Menschen. Die Institutionen hätten wenigstens eine Stellungnahme erwartet, in der festgehalten wird, dass das Thema Besuchseinschränkung und Demenz nicht befriedigend gelöst werden kann.

Des Weiteren hätte man den Spielraum dafür erweitern können, damit den speziellen Bedürfnissen besser Rechnung getragen werden kann, in dem man eingeschränkt, aber dennoch, direkten Kontakt zulässt und damit die Heimleitungen nicht zu illegalem Handeln zwingt.

Es bleibt der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass man die Bedürfnisse der an Demenz erkrankten Menschen und ihrer Angehörigen endlich als ganz spezielle Bedürfnisse in sehr spezieller Situation wahrnimmt und sich dazu die entsprechenden Gedanken macht. Dass man Entscheide fällt, die realitätsnah und praktikabel, vor allem aber am Menschen orientiert sind.

Petra Knechtli ist Leiterin von Sonnnweid das Heim. Monika Schmieder ist Mitglied der Geschäftsleitung von Sonnweid das Heim.

erschienen: 23.05.2020

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