Alzheimer und wir

Liebe Mama, bist du jetzt das Kind?

Umgekehrte Welt: Die Tochter nimmt nun die Mutter bei der Hand.
Umgekehrte Welt: Die Tochter nimmt nun die Mutter bei der Hand. Bild Peggy Elfmann

Alzheimer-Patienten seien wie Kinder, heißt es oft. Ja, da gibt es Parallelen. Beide sind auf die Unterstützung und Pflege von anderen angewiesen. Aber zum Kind macht es meine Mama deshalb noch lange nicht

Von Peggy Elfmann

Liebe Mama,

bist du jetzt das Kind?

Du brauchst sehr viel Unterstützung im Alltag. Wie meine Kinder. Ich helfe dir, so wie ich ihnen helfe:

  • Ich helfe dir beim Anziehen, wenn ich bei dir bin. Ich suche deine Kleidung aus und ziehe dir deine Sachen an. So wie bei meiner kleinen Tochter.
  • Ich helfe dir beim Waschen. Ich stelle dir die Dusche an und wasche dich. Ich wasche auch deine Haare. So wie bei meinen Töchtern. Da schäume ich die Haare ein und wasche den Schaum aus. Nach dem Duschen trockne ich dich ab wie bei den Kindern.
  • Ich helfe dir beim Zähneputzen. Ich mache Zahnpasta auf deine Zahnbürste, halte sie kurz unters Wasser und putze dir die Zähne. Manchmal halte ich deine Hand währenddessen und spreche leise mit dir. Denn du magst das Zähneputzen nicht. So wie bei meiner kleinen Tochter.
  • Ich helfe dir beim Essen. Ich decke für dich den Tisch, ich schmiere für dich ein Brötchen. Ich helfe dir beim Trinken und gebe das Glas in deine Hand. Das muss ich bei meiner Kleinsten nicht mehr machen.
  • Ich helfe dir beim Treppensteigen. Du hast häufiger Angst vor Treppen, vor allem, wenn wir du sie hinunter gehen musst. Wenn ich dich an die Hand nehme, geht es besser. Das ist bei meiner Kleinsten manchmal auch so.

Ich könnte diese Liste noch um etliche Punkte fortführen. Papa könnte eine lange Liste aufführen, wenn er euren Tag protokollieren würde. Und ja, ich vergleiche dich manchmal mit meinen Mädchen (viel zu oft, befürchte ich…)

Meine Dreijährige ist selbstständiger als du.

Wenn ich trüben Gedanken nachhänge, denke ich traurig und ein wenig verzweifelt, dass sogar meine Dreijährige mehr kann als du. Dass sie selbstständiger ist und dass sie – anders als du – es mit jedem Tag ein Stückchen mehr wird, weil sie mit jedem Tag etwas Neues lernt.

Du brauchst viel Hilfe und Unterstützung – und ja, auch Pflege. Aber du bist alles andere als ein Kind. Und du bist schon gar nicht mein Kind.

Du bist meine Mama. Du warst für mich da, als ich klein war, du hast mich unterstützt und gepflegt, mich erzogen, mir geholfen und warst für mich da, wenn ich Fragen hatte. Vielleicht bin ich jetzt manchmal wie eine Mutter für dich. Aber du wirst immer meine Mama bleiben – und ich dein Kind, auf immer und ewig.

Deine Peggy

Am 9. März findet die Wahl zum Goldenen Blogger statt. Ich bin nominiert und würde mich sehr freuen, wenn du für mich abstimmst. 

→ Hier gehts am 9. März ab 18.15 Uhr zum Livestream und zur Abstimmung.

erschienen: 02.03.2020

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