Lieber tot als dement

17. Mai 2016  

Replik zu einem Artikel in der WOZ

Von Michael Schmieder

Liebe Marianne Pletscher

Die von dir neu angestossene Diskussion zu der Frage, wie lange Menschen mit Demenz ihren assistierten Suizid entscheiden können, ist ja nicht so neu. Vor einigen Jahren hat ja der Fall Eduard S für einigen Diskussionsstoff gesorgt.

Ein Fall, der nach meinem Dafürhalten die ganze Problematik auch aufzeigt. Ich möchte Dir ein paar Gedanken mitteilen und so die Diskussion weiterführen, die nun angestossen ist.

In deinem Einführungstext in der WOZ kommt mehrfach zum Ausdruck, dass Menschen, die für einen assistierten Suizid bei Demenz einstehen stigmatisiert werden würden und Angst vor negativen Reaktionen haben müssten. Das glaube ich schlicht weg nicht und wenn jemand Angst vor negativen Reaktionen zu haben glaubt, sagt das über diese Person vielleicht auch etwas aus.

Heute ist in der Schweiz diese Diskussion doch «normal». Ich beobachte jedoch eine gewisse Vehemenz und ein gewisses Sendungsbewusstsein, mit der Menschen ihre positive Einstellung zum assistierten Suizid einer breiten Gesellschaft kundtun. Dieses Sendungsbewusstsein erlebte ich selber mal an einer Exitveranstaltung in Solothurn, als man zum Ziel erklärte, mehr Menschen mit Demenz einem assistierten Suizid zuführen zu wollen.

Derartige «Marketingüberlegungen» machen mir schon Mühe, das geb ich zu.

Grundsätzlich sehe ich dahinter ja Menschen, die sich zum Ziel machen, anderen ein Bewusstsein zu «erschaffen», das im eigenen, selbstgewählten Tod endet. Und letztendlich zeigt sich dann der Erfolg der «Firma» darin, bei wie vielen Menschen das Ziel erreicht wurde. Mir ist so was fremd, aber auch ich kann mir vorstellen, dass Menschen in Situationen sein können, in denen sie den «Jetzt-Tod» dem «Noch-Leben» vorziehen wollen und dies auch tun.

Du gehst in deinem Text auf die Situation ein von Hans Küng und Walter Jens, und zwar genau in dieser Reihenfolge. Wie stark musste Hans Küng leiden, beim Miterleben, wie Walter Jens sich schrittweise von der kognitiv strukturierten Welt verabschiedete. Was wusste er von der Haltung des Walter Jens,  als dieser  es gerade noch hätte entscheiden können. Könnte es nicht sein, dass er genau das nicht mehr wollte – sich umbringen? Hat er vielleicht gar keinen Grund mehr dafür gesehen?

Und so wie wir ja heute wissen, hat Walter Jens ja noch ein sehr erfüllendes Leben führen können, einfach nicht mit den Massstäben des Hans Küng. Gerade das Beispiel zeigt die Frage deutlich auf, welche verschiedenen Wertungen möglich sind und dass es eben nicht so einfach ist, zu beurteilen was "lebenswert" zu sein scheint. Gerade Walter Jens hat letztendlich uns etwas aufgezeigt und hat das Bild, welcher er selber von sich der Nachwelt überlassen wollte, mit grosser Vehemenz selbst ins Wanken gebracht.

Der Intellekt wird in einem Masse höher gewertet, dass es für die Menschen mit weniger Intellekt schon diskriminierend sein könnte. Die Gescheiten dürfen bei Verlust der Gescheitheit sich assistiert suizidieren und die Dummen, die nie gescheit waren, wann sollen die damit anfangen, wäre ein, ich gebe zu, sehr polemischer Gedanke.

Das Leid, das Hans Küng dadurch erlebte, dass er zuschauen, miterleben musste, wie Walter Jens sich von der kognitiven Welt verabschiedete,  kann doch nicht zur Rechtfertigung herbeigezogen werden.

 Der "Fall" Walter Jens zeigt nur auf, wie sehr sich Einstellungen ändern können, wie sehr wir kopffixiert sind, wie sehr uns Schlagworte wie Autonomie beherrschen und wie wir werten, was wir glauben, werten zu müssen. Du machst von der Gewissheit, bis zum Schluss autonom denken zu können, abhängig, ob du weiterleben oder kurzsterben möchtest. Glaub mir, ich sehe täglich Menschen mit Demenz, die sehr autonom leben, ohne nach unseren Begriffen noch autonom denken zu können. Du hast solche Erfahrungen ja in deiner Berufsarbeit auch gemacht.

Wenn ich dement bin, möchte ich weiterleben – was will man sich eigentlich ersparen? Sparen war doch immer ein sehr hoher Wert!

Der Suizid bei Demenz

Im kollektiven Bewusstsein gibt  es eine Krankheit, die durch nichts mich am Leben lassen will, die mir völlig klar macht, dass das nicht lebenswert ist, was ich lebe. Und diese Krankheit zu bekommen, ist tatsächlich eine beängstigende Aussicht. Wenn man etwas näher hinschaut, stellen wir fest, dass nur wenige Menschen mit Demenz sich umbringen und sicher gibt es dazu Untersuchungen, warum das so ist. Zu dieser Diskussion möchte ich ein paar Gedanken beitragen, zum einen um die Diskussion zu erweitern, zum anderen aber auch, um Position zu beziehen für all die Menschen, die mit dieser Diagnose konfrontiert sind.

Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass es eine sehr grosse Rolle spielt, wie eine Gesellschaft mit Schwachheit und Verlusten umgeht. Daraus folgt im nächsten Schritt die Konsequenz, wie das Individuum mit Schwachheit und Verlusten umgeht, wenn es das bei anderen sieht. Daraus schliesst der Einzelne auf sich, wie er wohl damit umzugehen wünscht und folgerichtig wie er plant, falls….! Das Problem besteht nun darin, dass wir nicht wissen, ob wir diese Krankheit kriegen und noch weniger wissen wir, wie sich die Krankheit bei uns zeigen wird. Die Krankheit hat so viele Gesichter wie es Menschen gibt, die diese Krankheit tragen und sie hat nochmal so viele Gesichter wie es Menschen gibt, die diese Erkrankung mittragen.

Wie der einzelne sich selbst erlebt, vor allem zu Beginn der Erkrankung, darüber wissen wir heute etwas, auch wenn die Erkrankung fortschreitet. Da kommt nun ein unglaublicher Stress auf die Menschen zu, die planen, sich zu suizidieren. Wann bitteschön ist nun der richtige Augenblick, was ist, wenn ich den verpasse und - fast noch schwieriger in der Praxis, wieso jetzt, es hat doch noch soviel Zeit, ich nehme mich noch anders wahr.

Wem ist nun zu trauen, mir selbst – ich hab ein Leben lang mir erfolgreich vertraut – oder jemand Aussenstehendem, der nun sagt, jetzt und nicht später. Da richtet sich doch alles immer nach diesem einen Moment, den man nicht verpassen möchte, aber vielleicht doch verpassen will. Immer wieder zum Arzt wegen der Urteilsfähigkeit und immer wieder die gleichen Fragen, ist es jetzt oder noch nicht jetzt oder war es gestern.

Parallel dazu läuft ja eine zweite Schiene. Der einzelne nimmt seine Krankheit immer weniger tragisch wahr, er fühlt sich kompetent für sein Leben, er fühlt sich lebendig, als soziales Wesen, das Beziehung leben möchte und Liebe erfahren kann. Und meist dazu noch die subjektive Wahrnehmung des «sich immer jünger fühlend» und immer gesünder. Die Einschränkungen werden subjektiv immer weniger wahrgenommen, so geht man wandern, obwohl man im Bett liegt. Die Wahrnehmung ist das entscheidende.

Aber nie im Verlaufe der Erkrankung wird man ein willenloses Wesen, nie im Verlaufe wird man zu einem dieser Monster, die schreiend, kratzend und spuckend ihre Umwelt drangsalieren.

Aber es kann einzelne Verläufe geben, die sehr herausfordern sind, die den Kranken selber in einer Art belasten, so dass er in schwierigen Situationen damit leben muss. Bei keiner anderen Erkrankung kämen wir auf die Idee, schwierige Zustände als nicht lebenswerte Zustände zu bezeichnen.

Ob es in Zeichen der fortgeschrittenen Erkrankung tatsächlich noch von Relevanz ist, ob ich meine früher geliebten Tätigkeiten noch ausführen kann, ist stark anzuzweifeln. Wenn ich nicht mehr weiss, was Golfspielen ist, kann ich das Bedürfnis nach Golfspielen nicht mehr haben, ja ich kann es nicht mal als Verlust wahrnehmen. Und noch ein Aspekt scheint wichtig zu sein, wenn der Verlust der kognitiven Fähigkeiten gar nicht mehr als Verlust wahrgenommen werden können, dann kann man den Verlust eben auch nicht beklagen, weil subjektiv gesehen, kein Verlust stattgefunden hat.

Und diese kognitiven Fähigkeiten stehen uns Menschen ja oft im Wege, wenn es ums Emotionale, letztlich darum geht, was uns Menschen ausmacht: Gefühle leben können, nicht Erwartungen erfüllen müssen, auf der Suche nach sich selbst sein dürfen. Der Philosoph Ludwig Hasser hat bereits 1987 an einem Vortrag dazu gesagt, nur wer verwirrt ist, wird so recht erst Mensch.

Diese Verwirrtheit schafft uns einen Zugang zu uns selbst, den wir nie hätten, diese Verwirrtheit macht uns zu den ehrlichsten Menschen, diese Verwirrtheit lässt unser Unbewusstes erstarken, da das Bewusste immer reduzierter wird. Der Schmieder redet die Demenz schön, kann man argumentieren; kann sein, in vielen Jahren im direkten Kontakt kam ich dazu, den Menschen zu sehen, das was er ist in dieser Demenz: Mensch, unverfälscht, ehrlich, lebend, fühlend, sehr fühlend. Und ich habe das immer als Herausforderung gesehen, diesen Menschen das zukommen zu lassen, was sie vor allem brauchen, Beziehung und positive Gefühlsumgebung. Das geschieht auf vielerlei Arten, die menschliche Zuwendung ist das wichtigste und, das gibt all den Menschen die pflegen, die betreuen eben auch das Gefühl, dass ihr tun einen direkten Weg zu den Menschen und zu deren Herzen findet.

Einen anderen Aspekt möchte ich gerne noch aufgreifen: die Frage nach der Würde. Wir alle wollen würdevoll leben und auch sterben. Gesellschaftspolitisch kann man den Eindruck bekommen, wer eines natürlichen Todes stirbt, hat die schlechteren Karten dazu; wer assistiert suizidiert aus der Welt geht, der hat die höchsten Garantien für diese Würde.  Würde entscheidet sich doch nicht in der Frage, wieviel ich noch selber entscheiden kann.

Ob eine Situation die Würde des Menschen anerkennt, ist von den Menschen abhängig, die in dieser Situation dafür Sorge tragen müssen, dass diese Würde gewahrt bleibt. Wenn ich jemand in einer schwierigen Situation  erniedrige, ihn beschimpfe, dann fehlt mein Wille, diesen Menschen in seiner Situation zu schützen, ihm das zukommen zu lassen, was jedem Menschen zusteht, eben diese Würde.

So sind die Pflegenden die Hüter der Würde der kranken Menschen und ich bin überzeugt, dass die das mindestens genauso gut können wie die Sterbebegleiter einer Sterbehilfeorganisation.

 

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