Medizinische Wunder sind nicht gratis

25. Januar 2019  

Wann macht eine Behandlung Sinn, und wann nicht mehr? Soll aufwendig operiert oder der palliative Weg eingeschlagen werden? Die Pflegehexe findet, wir sollten früh genug mit unseren Liebsten darüber sprechen.

Von Madame Malevizia

Die Überschrift dieses Artikels ist provokativ und kratzt bewusst an Tabus. Ich bin der Auffassung, dass wir darüber sprechen müssen. Bereits wird in der Politik laut darüber nachgedacht, ob «kleine Eingriffe» nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden sollen. Um Kosten zu sparen. Was ich von solchem Mumpitz halte, werde ich gerne weiter ausführen, sollte diese Idee konkreter werden.

Immer öfter stelle ich mir allerdings die Frage, ob es sinnvoll ist, alles was medizinisch machbar ist, auch wirklich zu tun. Soll wirklich jeder Mensch eine mehrstündige Tumoroperation erhalten, ohne die realen Chancen auf Heilung und Remission zu beachten?

Ja, ich weiss, es gibt wenig gesicherte Daten, um generelle Kriterien festsetzen zu können. Und doch sagt mir mein Gefühl, dass die Kosten für solche «Operation Hoffnung-Aktionen» zu hoch sind – besonders in der aktuell angespannten finanziellen Lage der Spitäler.

Der DRG (diagnosebezogene Fallgruppen) sorgt dafür, dass Patienten mit Komplikationen schnell defizitär werden. Dies geschieht, weil Komplikationen über den selben DRG Fall also dieselbe Pauschale laufen. Ist dieses Geld aufgebraucht, «zahlt» das Spital bei der Behandlung darauf.

Aus meiner Sicht legitimiert dies die Überlegung, eine Behandlung frühzeitig abzubrechen oder nicht bis aufs Äusserste zu eskalieren. Ich weiss, das klingt hart. Dies ist auch nicht die Haltung, die in unserem Gesundheitswesen Schule machen sollte.

Offensichtlich hat die Politik nicht den Willen, etwas an diesem Problem zu ändern. Sie ist nach wie vor der Meinung, dass Gesundheitseinrichtungen rentieren sollen. Das Limitieren von Behandlungen ist so gesehen logische Konsequenz.

Medizinische Wunder kosten nicht nur Geld, sondern auch Emotionen. Die Betroffenen benötigen eine Unmenge an Kraft, am Leben zu bleiben.

Eine sechs- bis achtstündige Tumoroperation geht, auch wenn sie ohne Komplikationen verläuft, unglaublich an die physische und psychische Substanz. Der Weg zur vollständigen Genesung ist lang und steinig.

Treten noch Komplikationen wie Wundheilungsstörungen oder Infektionen bis hin zu lebensgefährlicher Sepsis auf, verlängert sich dieser Weg um ein Vielfaches und kann unter Umständen ein Weiterleben mit grossen Einschränkungen bedeuten.

In meiner Arbeit als Pflegende habe ich mehrere Menschen erlebt, die für den Rest ihres Lebens mit grossen Narben entstellt sind, Menschen, die nie wieder normal essen werden und Menschen, die kein selbständiges Leben mehr führen können.

Und immer wieder hörte und höre ich den Satz: «Ich hätte auf Operation und Behandlung verzichtet, wenn ich gewusst hätte, dass dies der Preis dafür ist.» Auch die Angehörigen sind emotional stark belastet. Da ist die Angst um die Liebsten, die Hilflosigkeit, wenn es «nicht gut kommt». Die Konfrontation damit, dass jetzt der Moment gekommen sein könnte und man diesen Menschen verliert, ist für viele kaum aushaltbar.

Dabei ist egal, ob es sich um den 60-jährigen Partner, die 80-jährige Mutter oder die 90-jährige Oma handelt: Es ist immer zu früh. Und dann sollen diese Angehörigen auch noch existentielle Entscheidungen treffen. Sich fragen zu müssen, ist eine Weiterbehandlung noch im Sinne meines Liebsten? Hat er überhaupt noch die Kraft zu kämpfen?

Die Pflegenden sowie die behandelnden Ärzte bezahlen ebenfalls einen emotionalen Preis. Um das Leben eines Menschen zu kämpfen, lässt niemanden kalt. Festzustellen, dass alle Behandlungsversuche erfolglos sind, kann frustrierend sein.

Eine Behandlung abzubrechen, wird noch immer von vielen Ärzten als persönliche Niederlage gesehen. Deshalb werden solche Entscheidungen immer wieder verdrängt oder sehr spät getroffen. Für die Pflegenden stellt sich in solchen Situationen häufig die Frage: Ist das noch richtig?

Mir passiert das immer dann, wenn ich Menschen mit Demenz Schmerz zufügen muss. Ihnen ist häufig nicht mehr verständlich, warum ich ihnen Blut abnehme, venöse Zugänge lege und so weiter. Dienen meine Interventionen dazu, diesem Menschen Leiden zu lindern, kann ich meinen eigenen Schmerz darüber hinnehmen.

Merke ich jedoch, dass das, was ich tue, diesem Menschen nur noch Leid zufügt, komme ich in einen inneren Konflikt. Dieser Konflikt ist es, der Pflegenden ihren Seelenfrieden kosten kann. Was soll man tun, um diese Situation zu verändern?

Fordere ich etwa Regeln, im Sinne von: Wer über 80 Jahre alt wird, soll nicht mehr operiert werden? Das würde die Zweiklassengesellschaft nur weiter fördern, ein neues Problem schaffen und keines lösen. Ich bin der Meinung, dass ein Umdenken stattfinden muss.

Leben und sterben müssen in unserer Gesellschaft ihren Platz haben. Nur so können von lebensbedrohlichen Diagnosen Betroffene sich mit ihren Möglichkeiten wirklich auseinandersetzen und eine persönliche Entscheidung treffen. Es muss die Frage gestellt werden: Geht es einzig um Heilung oder geht es darum, die Zeit, die noch bleibt, so hochwertig wie es nur geht zu verbringen?

Ja, ich bin der Meinung, dass der palliative Weg gleichzeitig mit der Option von Behandlung und Operation angesprochen werden muss. Kämpfen und Loslassen muss den gleichen Stellenwert haben, beides muss legitim und akzeptiert sein.

Leben ist endlich. Das wissen wir alle. Wer jedoch nicht direkt mit dieser Tatsache konfrontiert wird, verdrängt dies. Der Überlebenstrieb ist ein Instinkt und somit auch stark. Nur wenn wir uns vorzeitig mit unserer Sterblichkeit auseinandersetzen, können wir frei und selbstbestimmt handeln, wenn die Möglichkeit zum bitteren Ernst wird.

Wenn wir für unsere Liebsten formulieren, wie weit eine allfällige Behandlung gehen soll und was wir uns im Sterben und im Tod wünschen, verringern wir den Stress für unsere Liebsten. Eine Patientenverfügung kann da hilfreich sein. Leider ist Papier selten konkret genug.

Mit seinen Liebsten über Möglichkeit zu sprechen und sich mit der Frage «Was wäre wenn?» auseinanderzusetzen, kann diese im konkreten Fall sehr entlasten. Ich habe diese Gespräche geführt, mit meinen Eltern, meinen Geschwistern, meinem Liebsten.

Es waren tiefe, wichtige, berührende Gespräche. Diese Momente haben uns nicht «heruntergezogen», sie haben eine tiefe Verbindung geschaffen. Die Auseinandersetzung mit dem Tod kann das Leben reich machen.

Eure Madame Malevizia, Pflegehexe

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