Die letzte Zeit

«Wir sterben für andere»

Der Pflegewissenschaftler André Fringer sagt, man müsse sich bewusst sein, dass man auch für andere stirbt. Kleine Gesten oder scheinbar unbeteutende Details können sich nämlich tief ins Familiengedächtnis einprägen und die Hinterbliebenen sehr lange belasten. alzheimer.ch/Youtube

Bei der Gestaltung der letzten Stunden eines Lebens sollte man nicht nur seine eigenen Wünsche berücksichtigen, sondern auch die seiner Mitmenschen, sagt der Pflegewissenschaftler André Fringer.

Von Martin Mühlegg und Marcus May

Im Zusammenhang mit der letzten Lebensphase stehen in der Regel die Wünsche und Vorstellungen der Sterbenden im Vordergrund. Auch am St. Galler Demenzkongress 2019, an dem es um die Palliative Care und das Lebensende ging, wurde vor allem über die Wünsche der Sterbenden gesprochen.

Der Pflegewissenschaftler André Fringer von der ZHAW Winterthur entpuppte sich während einer Podiumsdiskussion als Querdenker, indem er sagte: «Wir sterben für andere. Das, was ich bestimme, tragen meine Angehörigen nach meinem Tod mit.»

Kleine Gesten oder scheinbar unbedeutende Worte könnten im unmittelbaren Sterbeprozess ganz gross und wichtig werden, sagt Fringer im Interview mit alzheimer.ch. «Sie können die Hinterbliebenen sehr lange belasten. So wie ich sterbe, bleibt es im Familiengedächtnis hängen.»

Hier gehts zum Beitrag über den Roman «Durstig»

Sterbefasten

Wenn der Tod nicht traurig ist

Fringer berichtet zum Beispiel von einem sterbenen Mann, der in Anwesenheit seiner Frau mit einer Pflegerin flirtete. Dieses humorvoll gemeinte Verhalten des Mannes und der Pflegerin habe die Frau noch Jahre später belastet.

Der Pflegewissenschaftler empfiehlt, den Sterbeprozess nicht selbst zu bestimmen, sondern in Absprache mit Angehörigen, Pflegenden und Ärzten zu gestalten und «wie ein Orchester» zu funktionieren. 

Ausserdem äussert sich Fringer sehr kritisch zum Sterbefasten. Es bestehe die Gefahr eines Hypes und einer Verniedlichung. Bei Menschen mit Demenz sei es sehr schwierig, den mutmasslichen Willen zu erkennen. «Man muss die Patientenverfügung ernst nehmen – aber auch in der Situtaion empathisch handeln. Die Intuition der Pflegenden spielt hier eine grosse Rolle.»

André Fringer ist Co-Leiter des Masterstudiengangs für Pflege und der Forschungsstelle für Pflegewissenschaften an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit ist Forschungsschwerpunkt des Professors.

erschienen: 06.12.2019

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