Bewegungsdrang

Medikamente sind nicht die erste Wahl

Hat sie genug Platz zum Gehen? Gibt es keine gefährlichen Treppen oder Stolperfallen?
Hat sie genug Platz zum Gehen? Gibt es keine gefährlichen Treppen oder Stolperfallen? Bild Daniel Kellenberger

Manchmal führt der Bewegungsdrang von Menschen mit Demenz zu Erschöpfung, Überforderung und Gefahren. Bei der Lösung solcher Probleme spielen Medikamente eine Nebenrolle.

Von Johannes Heym

Abendliche psychomotorische Unruhe, abwechselnd mit Schläfrigkeit tagsüber, sind bei Menschen mit Demenz oft beobachtete Beschwerden, mit denen ich täglich in meiner Arbeit in der Gerontopsychiatrie konfrontiert bin.

Gesteigerte Psychomotorik – zum Beispiel sich wiederholende Bewegungen oder ein gesteigertes Bedürfnis umherzulaufen – ist bei Patienten mit Alzheimer sehr häufig. Studien geben die Anzahl der Betroffenen im späten Stadium der Erkrankung mit bis zu 60 Prozent an.

Abhängig vom Stadium der Erkrankung und der Lebenssituation entstehen in der Praxis durch übermässige Bewegung unterschiedliche Herausforderungen. Orientierungsstörungen, Überforderung, das Vergessen und Nichtfinden bekannter Plätze bis zur ständigen Rastlosigkeit sind Beispiele.

Die Rastlosigkeit kann zu reduzierter Nahrungsaufnahme, Gewichtsverlust und völliger Erschöpfung führen.

Problematisch ist die Rastlosigkeit auch dann, wenn Patienten körperlich eingeschränkt sind, dies nicht realisieren und immer wieder aufstehen und gehen wollen. Davon betroffen sind unter anderem Patienten nach Hirnblutung oder Schlaganfall mit Halbseitenlähmung, Patienten mit fortgeschrittener Gangstörung oder Patienten, die aus anderen Gründen Bettruhe haben (nicht verheilte Fraktur, Operationsnaht usw.).

Verhinderung verursacht Frustration

Aus Sicht der Familie, der Betreuer und des Patienten ergeben sich unterschiedliche Probleme. Der Erkrankte mit Bewegungsdrang hat ein Bedürfnis, dem er nachkommen möchte. Eine rein mechanische Verhinderung der Bewegung (verschlossene Türen, Sitztisch am Rollstuhl) verursacht oft Frustration, die in Aggression umschlagen kann.

Die Betreuer möchten auf der anderen Seite die Sicherheit des Erkrankten garantieren. Eine Gefahr für die Gesundheit (Stürze, Verirren usw.) soll vermieden werden. Der Ruf nach Medikamenten ertönt bei Überforderung und Überlastung des betreuenden Netzwerkes schnell.

Zuerst sollte jedoch eine Evaluation des Umfeldes erfolgen und nicht-pharmakologische Massnahmen geklärt werden,

unter Umständen mit Hilfe von Experten von aussen und standardisierten Messbögen. Auf diese Weise kann das Ausmass des herausfordernden Verhaltens objektiv beurteilt werden.

  • Kann der Bewegungsdrang durch regelmässige Spaziergänge gelindert werden?
  • Helfen eine enge Betreuung und andere Aktivierungen?
  • Ist der Bewegungsdrang Ausdruck eines anderen Problems (Schmerzen, Delir usw.)?
  • Sind Wohnform und Lebensraum auf den Erkrankten zugeschnitten?
  • Hat er genug Platz zum Gehen, gibt es keine gefährlichen Treppen oder Stolperfallen wie zum Beispiel Teppiche?

Medikamente sind nicht die erste Wahl, weil sie selber Bewegungsunruhe auslösen können, beispielsweise Sitzunruhe durch Neuroleptika. Eine Alternative ist die Aromatherapie. Dabei wird ein geeignetes Öl auf einen Träger getropft. Dieser wird am Kragen des Patienten befestigt oder für die Beduftung des Raums eingesetzt.

Ebenso eignet sich die Musiktherapie zur Verminderung der Psychomotorik. Repetitive Bewegungen, die den Patienten nicht stören, aber auf das Umfeld bizarr wirken, sind kein Grund für eine medikamentöse Intervention.

Unerwünschte Nebenwirkungen

Wenn der Bewegungsdrang für den Patienten leidvoll ist oder Sturzgefahr auslöst, kann eine medikamentöse Therapie erwogen werden. Je nach Grund- und Nebenerkrankung (hochbetagte, multimorbide Patienten) ist das Spektrum möglicher Medikamente breit.

Behandlungsversuche können mit dem Antidementivum Memantin oder einem Antidepressivum unternommen werden. Wenn die Unruhe eine Folge einer psychotischen Symptomatik oder Angst ist, empfiehlt die Schweizerische Gesellschaft für Alterspsychiatrie und -psychotherapie (SGAP) unter regelmässiger strenger Prüfung am ehesten Risperidon oder Aripiprazol.

Gegebenenfalls können auch pflanzliche Pharmaka oder kurzzeitig  und niedrigdosiert Benzodiazepine (krampf- und angstlösend, schlaffördernd) eingesetzt werden. Bei einer medikamentösen Behandlung tritt oft Schläfrigkeit als unerwünschte Nebenwirkung auf. Diese erhöht die Gefahr von Stürzen und vermindert eine aktive Teilhabe.

Deswegen muss der Einsatz von Psychopharmaka zeitlich limitiert erfolgen. Eine erhöhte Tagesmüdigkeit tritt in den späteren Stadien einer Demenzerkrankung gehäuft auf und muss von einer Medikamentennebenwirkung abgegrenzt werden.

Alle Kliniker sollten bei der Therapie von Verhaltensstörungen immer daran denken, inwiefern der Patient leidet und ob eine Gefahr für ihn oder andere besteht.

Weiter gilt es zu beachten, ob es nichtmedikamentöse Alternativen gibt. Bei eingeleiteter Therapie ist zu prüfen, ob die Indikation zur Weiterführung gegeben ist.  

erschienen: 31.10.2017

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