Psychotische Symptome

Wenn sich die Nachbarn gegen einen verschwören

«Die Betroffenen glauben, sie würden bestohlen, jemand habe sich gegen sie verschworen oder sie sind krankhaft eifersüchtig.»
«Die Betroffenen glauben, sie würden bestohlen, jemand habe sich gegen sie verschworen oder sie sind krankhaft eifersüchtig.» Bild PD

Viele Menschen mit Demenz leiden unter Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder das Gefühl, ihre Mitmenschen seien durch identische Doppelgänger ausgetauscht. Das kann grosse Angst auslösen und belastet Angehörige und Pfleger. Medikamente können den Betroffenen helfen, doch ebenso wichtig ist, Stressfaktoren zu minimieren.

Von Felicitas Witte

Was sind psychotische Symptome?

Hat jemand psychotische Symptome, hat er quasi den Bezug zur Realität verloren. Er hört zum Beispiel Stimmen, obwohl keiner redet. Oder er sieht etwas, was gar nicht da ist, fühlt etwas auf der Haut, riecht etwas oder schmeckt etwas, obwohl ihn nichts berührt, keine Gerüche da sind oder er gar nichts im Mund hat. Manche haben das Gefühl, sie würden von jemandem kontrolliert, verfolgt oder bedroht oder sie seien das Ziel einer Verschwörung. Psychotische Symptome können sich auch darin äussern, dass die Betroffenen meinen, ihre Gedanken würden von aussen eingegeben, dass andere Menschen ihre Gedanken lesen oder ihr Verhalten steuern könnten. Das löst oft Angst aus.

Das Denken funktioniert bei psychotischen Störungen nicht mehr so wie früher. Die Betroffenen haben Mühe, ihr Denken zu strukturieren und einem roten Faden zu folgen. Das kann Aussenstehende ziemlich irritieren oder sie können dem Betroffenen nicht mehr verstehen. Menschen mit psychotischen Störungen ziehen sich oft von ihrem Umfeld zurück, beschäftigen sich mit eigenen Ideen und leben in ihrer «eigenen Welt».

Die alte Dame erzählt ihren Kindern, die Zimmernachbarin im Pflegeheim würde sie ständig beobachten. Sie würde nur auf den richtigen Moment warten, um ihren Schmuck zu klauen, da ist sich die Dame ganz sicher! Sie müsse ständig wachsam sein, am besten sollten die Kinder ihr einen Safe für den Schmuck mitbringen.

Doch die Zimmernachbarin hat nicht vor, die Dame zu beklauen. Die Dame hat eine Demenz, und die Vorstellung, bestohlen zu werden, ist ein Zeichen ihrer Krankheit. Mediziner sagen dazu «psychotisches Symptome»: Die Betroffenen glauben etwas zu sehen, zu hören, meinen etwas oder spüren etwas, was in Wirklichkeit nicht stimmt (siehe Box).

«Viele Demenzkranke leiden unter solchen Symptomen», sagt Gregor Hasler, Chefarzt an der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bern. «Wichtig ist, dass man solche Symptome erkennt und den Betroffenen hilft – nicht nur mit Medikamenten, sondern auch mit einfachen allgemeinen Massnahmen

Schon 1907 beschrieb Alois Alzheimer psychotische Symptome bei Patienten mit Alzheimer-Demenz. Bald erkannte man, dass dies mit Problemen verbunden ist: Die Demenz entwickelt sich bei denjenigen mit psychotischen Symptomen besonders schnell. «Demenzkranke mit psychotischen Symptomen sind öfter unruhig, aggressiv oder gar körperlich handgreiflich», sagt Hasler. «Das setzt Pflegende und Angehörige unter Druck.»

Eine zusätzliche Belastung

Die Betroffenen würden oft sehr früh in ein Pflegeheim gebracht, erzählt der Psychiater, und mit antipsychotisch wirkenden Medikamenten behandelt. «Die können bei Demenzkranken aber schwerwiegende Nebenwirkungen haben – wir sind da in einem ziemlichen Dilemma.» Menschen, die Demenzkranke mit psychotischen Symptomen pflegen, leiden häufiger unter der Situation, als wenn die Betroffenen diese Beschwerden nicht hätten.

Lange Zeit haben Ärzte das Problem nicht so richtig berücksichtigt, aber heute wissen sie: Psychotische Symptome kommen bei Menschen mit Demenz häufig vor. Vier von zehn Alzheimer-Patienten, so fanden Wissenschaftler aus San Diego heraus, leiden unter solchen Symptomen, und von diesen hat jeder dritte Wahnvorstellungen und jeder fünfte Halluzinationen1.

Prof. Gregor Hasler ist Chefarzt an der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UPD Bern
Prof. Gregor Hasler ist Chefarzt an der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UPD Bern Bild Hasler

Die Art der psychotischen Symptome unterscheidet sich bei den verschiedenen Demenzformen. Für die Lewy-Körperchen-Demenz seien zum Beispiel optische Halluzinationen typisch, erklärt Hasler. «Die Patienten sehen oft Menschen oder grosse Tiere und beschreiben das sehr eindrücklich – das ist auch ein wichtiges Zeichen bei der Diagnose dieser Demenzform.» Seltener sind die Patienten von akustischen Halluzinationen betroffen, das heisst sie hören Stimmen, die es nicht gibt.

«Solche akustischen Halluzinationen sind eher typisch für Schizophrenie», sagt Hasler. Bei Menschen mit Alzheimer-Demenz machen sich psychotische Symptome öfter als Wahnvorstellungen bemerkbar wie bei der alten Dame: «Die Betroffenen glauben, sie würden bestohlen, jemand habe sich gegen sie verschworen oder sie sind krankhaft eifersüchtig.»

Der Wahn kann sich auch so äussern, dass die Betroffenen glauben, eine nahestehende Person sei mit einem identischen Doppelgänger ausgetauscht worden. «Das nennen wir Capgras-Syndrom», erklärt Hasler. «Der französische Psychiater Jean Marie Joseph Capgras hat das 1923 zum ersten Mal beschrieben.»

Dass es zu psychotischen Symptomen kommt, hat mehrere Ursachen. «Zum einen liegt es an den neurodegenerativen Prozessen, die die Demenz im Hirn verursacht», sagt Hasler. «Also vereinfacht gesagt, dass im Hirn Nervenzellen geschädigt werden und anders funktionieren.» Hinzu kommt, dass bei Demenzkranken der Bezug zur Realität und das Gedächtnis nachlassen, was das wahnhafte Erleben fördert.

Ein dritter Punkt ist, dass bei älteren Menschen die Sinneswahrnehmungen nachlassen, vor allem hören sie schlechter. «So könnte der Betroffene ein Geräusch, was wir als Blätterrauschen wahrnehmen, für Flüstern der Nachbarn halten. Weil sein Hirn den Sinneseindruck nicht richtig verarbeiten kann, hat er die Wahnvorstellung, die Nachbarn wollten sich gegen ihn verschwören», erklärt Hasler. «Hört ein Demenzkranker nicht mehr gut, können Hörgeräte verhindern, dass solche Vorstellungen entstehen.»

Medikamente erhöhen das Risiko

Medikamente, und zwar die so genannten atypischen Antipsychotika, sind die Therapie der Wahl. «Man muss aber berücksichtigen, dass diese Medikamente bei Demenz-Betroffenen das Risiko für Schlaganfälle, Bewegungsstörungen, Stürze, Diabetes und Herzrhythmusstörungen erhöhen», gibt Hasler zu Bedenken. «Hier müssen wir jeweils individuell überlegen, ob das Medikament sinnvoll ist.» Regelmässig prüft er, ob das Medikament noch notwendig ist, etwa indem er die Dosis reduziert.

«Psychotische Symptome können sich nämlich zurückbilden», sagt er. Bei aggressiven Symptomen verschreibt er manchmal Valproinsäure, SSRI oder Benzodiazepine. Hier muss man aber noch sorgfältiger überlegen, ob das notwendig ist. «Zum einen haben wir hier nicht so gute Belege wie bei Antipsychotika, dass diese Substanzen helfen», sagt Hasler, «zum anderen können natürlich auch diese Präparate Nebenwirkungen verursachen.»

Mindestens ebenso wichtig wie Medikamente seien psychosoziale Interventionen. «Alles, was den Betroffenen stressen könnte, sollte man vermeiden – das wirkt erstaunlich gut», sagt Hasler. Zum Beispiel den Betroffenen vom Zimmer an einer lauten Strasse in ein ruhigeres bringen oder den Fernseher nicht ständig laufen lassen.

«Man muss mit dem Betroffenen schauen, was ihm am besten hilft», sagt Hasler. Bei manchen würden die psychotischen Symptome weniger mit Ruhe zurückgehen, sondern wenn man sie stimuliert, etwa mittels Ergotherapie oder einem Therapiehund. «So ein vierbeiniger Freund kann manchmal die imaginären bösen Nachbarn besser vertreiben als Medikamente.»

erschienen: 01.02.2017

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