Frontotemporale Demenz

«Die Wesensveränderungen tun den Angehörigen oft ziemlich weh»

Wenn sich der Arzt Zeit nimmt für das Gespräch, sollte er schon allein anhand der Geschichte des Patienten auf eine frontotemporale Demenz schliessen können.
Wenn sich der Arzt Zeit nimmt für das Gespräch, sollte er schon allein anhand der Geschichte des Patienten auf eine frontotemporale Demenz schliessen können. Bild PD

Mitte August trafen sich Experten an einem Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) in Basel, um sich über psychische Krankheiten auszutauschen: Was gibt es für neue Therapien und diagnostische Tests und wie kann Menschen mit psychischen Krankheiten besser geholfen werden? In einem der vielen Vorträge ging es um das Thema frontotemporale Demenz.

Von Felicitas Witte

Etwa jeder zehnte Betroffene leidet unter einer frontotemporalen Demenz (FTD), sie ist nach Alzheimer und vaskulärer Demenz die dritthäufigste Form. «Bei Menschen mit Demenz schauen Ärzte leider nicht immer genau genug hin», sagt Bernd Ibach, Chefpsychiater an der Clienia Privatklinik Littenheid. «Es ist aber wichtig, zu wissen, mit welcher Form man es zu tun hat.» Stelle der Arzt nämlich frühzeitig die Diagnose FTD, helfe das den Angehörigen enorm. Dann wüssten sie endlich, dass das oft merkwürdige Verhalten und die Wesensänderung des Betroffenen erklärbar sei. 

Arnold Pick

Der Psychiater und Neurologe Arnold Pick sah 1892 bei der Obduktion eines früh verstorbenen Patienten, dass Teile des Gehirns, nämlich der Teil hinter der Stirn und hinter den Schläfen, geschrumpft waren. Er stufte dies als eigenständige Krankheit ein, die später frontotemporale Demenz oder Morbus Pick genannt wurde. 1892 beschrieb Pick in der «Prager Medicinischen Wochenschrift» die Beschwerden seines Patienten: Er zeige Sprachstörungen und ein «kindisches» Verhalten, spiele mit Hosenträgern und Löffeln.

«Arnold Pick hat schon damals die zwei typischen Symptome beschrieben», sagt Psychiater Bernd Ibach: «eine Wesensveränderung mit Verhaltensauffälligkeiten und Sprachstörungen.» Frage man einen Patienten: «Was ist eine Uhr?», antworteten sie: «Ich weiss es nicht.» Oder sie würden ganz langsam sprechen oder eine falsche Grammatik benutzen. «Oft treten auch Paraphrasien auf. Das bedeutet, dass die Betroffenen zum Beispiel «Staubensauger» statt Staubsauger sagen.»

In den meisten Fällen äussere sich eine FTD schon bei Krankheitsbeginn durch Verhaltensauffälligkeiten. Typisch sei das veränderte Essverhalten, sagt Ibach, das komme häufiger vor als bei anderen Demenzformen. Das liege daran, dass diejenigen Hirnbereiche abbauten, die das Hunger- und Sättigungsgefühl steuerten. «Auch das Belohnungssystem ist betroffen: die Patienten empfinden Essen nicht mehr als etwas Schönes oder es macht sie nicht mehr satt.»

Wenn ihm Angehörige berichteten, der Betroffene habe seit einigen Monaten einen gesteigerten Appetit, esse phasenweise extrem viel, habe andere Vorlieben als früher, etwa Heisshunger auf Süsses oder Kohlenhydrate, oder er würde gar ungeniessbare Dinge verzehren, Nahrungsmittel horten oder von den Tellern anderer Personen essen, denkt der Psychiater sofort an eine frontotemporale Demenz. Andere mögliche Verhaltensstörungen sind anzügliche Bemerkungen, eine Witzelsucht oder dass die Betroffenen sich nicht mehr genügend um die Körperpflege und ihr Äusseres kümmern. 

Bernd Imbach, Chefpsychiater an der Clienia Privatklinik Littenheid.
Bernd Imbach, Chefpsychiater an der Clienia Privatklinik Littenheid. Bild zvg

«Wenn sich der Arzt Zeit nimmt für das Gespräch, sollte er schon allein anhand der Geschichte des Patienten auf eine frontotemporale Demenz schliessen können», sagt Ibach. So stellte er einmal die Diagnose bei einem Mann im mittleren Alter, der wegen seines zwanghaften Verhaltens zunächst mehrere Jahre vergeblich mit einer Psychotherapie behandelt wurde – dabei litt er unter frontotemporaler Demenz.

Patienten mit FTD schätzen ihre Alltagskompetenzen deutlich höher ein als ihre Pflegepersonen dies beurteilen. Auch Alzheimer-Patienten überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten, aber nicht so stark wie Patienten mit FTD1. Lässt man die Patienten ihre Leistung vor einem neuropsychologischen Test einschätzen und danach nochmals beurteilen, sehen Alzheimer-Patienten eher ein, dass sie nicht gut abgeschnitten haben.

«Im Gegensatz dazu ist Patienten mit FTD überhaupt nicht bewusst, dass irgend etwas im Hirn nicht mehr stimmt. Die Betroffenen glauben trotz der Testergebnisse, sie seien gesund, auch wenn man sie damit konfrontiert.»

Die definitive Diagnose FTD lässt sich nur nach dem Tod durch eine Obduktion und Untersuchung des Hirnmaterials stellen. «Das wird aber selten gemacht», sagt Gregor Hasler, Chef-Psychiater an der Uni Bern. «Die Symptome sind meist so eindeutig, dass die Diagnose klar ist. Und ausserdem bringt es ja nichts, wenn man nach dem Tod weiss, unter welcher Demenz der Betroffene litt.» In Aufnahmen des Gehirns kann man den Abbau der Hirnbereiche erkennen. «Solche Bilder eignen sich ganz gut, um die Entwicklung über die Zeit zu beobachten», sagt Hasler. «Ausserdem kann man die Diagnose damit genauer stellen.»

Die FTD ist oft schlimmer für Patienten und Angehörige als andere Demenzen. «Eine FTD tritt häufig relativ früh im Leben auf, im Durchschnitt zwischen 58 und 63 Jahren», erläutert Hasler.

«Es trifft oft Menschen, die voll im Arbeitsleben stehen und deren Kinder noch zu Hause leben. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Demenzform sind deshalb besonders gross.»

Schwierig sei auch der Verlust von Empathie gegenüber den Angehörigen. «Sie können sich nicht mehr in andere hineinversetzen», sagt Hasler. «Das tut den Angehörigen verständlicherweise ziemlich weh.»

Heilen lässt sich eine FTD nicht, aber mit Medikamenten kann man die Symptome mildern. Eingesetzt werden zum Beispiel bestimmte Antidepressiva (SSRI), Antipsychotika wie Olanzapin, Dipiperon oder Trazodon. «Wie gut nichtmedikamentöse Massnahmen wirken, ist nicht genügend untersucht», sagt Bernd Ibach. «Ich kenne aber keinen Patienten, der davon nicht profitieren würde.»

Aktuelle Forschung

In den Nervenzellen von Menschen mit einem FTD-Subtyp lassen sich Ablagerungen von bestimmten Eiweissen nachweisen, Tau genannt. Forscher versuchen deshalb, die Krankheit mit Medikamenten zu behandeln, die Tau blockieren oder die Eiweiss-Ansammlungen verhindern. «Diese Ansätze stecken aber noch in den Kinderschuhen», sagt Bernd Ibach. «Bis wir die Ursache einer FTD behandeln können, vergehen vermutlich noch einige Jahre.»

Infrage kommen Ergotherapie, Schlafhygiene, Logopädie und insbesondere bei problematischem Verhalten Darreichung von Stimuli. «Die Angehörigen können zum Beispiel Essen anbieten, welches der Patient mag und gut verträgt, gezielt Besteck reichen, Alkohol unter Verschluss halten oder Pflanzen aus der Wohnung entfernen.»

Rechtzeitig solle man sich auch um die rechtliche Situation kümmern: «Menschen mit FTD können oft schon früh im Verlauf der Krankheit nicht mehr Auto fahren», sagt Ibach. «Sie haben zwar noch die praktischen Fähigkeiten, können Gefahrensituationen aber nicht mehr einschätzen.» Auch dürfen sich manche Patienten nicht mehr alleine um Kinder oder Babys kümmern. «Sie könnten das Kind auf die Sofakante setzen, obwohl es noch nicht selbstständig sitzen kann und ohne Halt sofort herunterfallen würde.»

 

© Felicitas Witte, Ärztin und Journalistin

 

 

1 DeLozier SJ, Davalos D. 2. A Systematic Review of Metacognitive Differences Between Alzheimer's Disease and Frontotemporal Dementia. Am J Alzheimers Dis Other Demen 2016; 31(5): 381-388

Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), 17. bis 19. August 2016 in Basel. 

erschienen: 28.09.2016

Kommentare