Grenzerfahrungen

«Du bist auf dich alleingestellt»

Angehörige, die in einem anderen Land ihre Liebsten pflegen, investieren Zeit, Geld und vor allem Nerven.
Angehörige, die in einem anderen Land ihre Liebsten pflegen, investieren Zeit, Geld und vor allem Nerven. Bild privat

Schon vor der Pandemie war es kompliziert. Jetzt ist es ein Organisationsmarathon: Angehörige, die in einem anderen Land wohnen als die zu Pflegenden, fallen zwischen Stuhl und Bank.

Von Viktoria Hug

Ihre Eltern kommen 1958 in die Schweiz. Die Mutter arbeitet als Schneiderin, der Vater ist Gipser. Nach der Pension kehren sie wieder in die Lombardei zurück: in ihr Heimatdorf, Höhe Gardasee. Die beiden Töchter Denise und Tania leben in der Schweiz.

Als der Vater an Lungenkrebs erkrankt, fahren Denise und Tania jede Woche nach Italien. Um ihn und die Mutter zu unterstützen.

«Wir haben schon gemerkt, dass unsere Mutter ein wenig vergesslich ist. Aber wir dachten, das liegt am Alter», erzählt Denise. «Unser Vater ist irgendwann selbst einkaufen gegangen, weil er Angst hatte, dass sie nicht zahlt. In einem Dorf kann das schnell unangenehm sein.»

Als Saisonniers kommen die Eltern in den Fünfzigerjahren in die Schweiz.
Als Saisonniers kommen die Eltern in den Fünfzigerjahren in die Schweiz. Bild privat

Ausserdem habe der Vater angefangen zu kochen. Die Mutter, früher eine ausgezeichnete Köchin, habe immer wieder Zutaten verwechselt. «Doch erst als unser Vater gestorben war, haben wir eingesehen, dass irgendetwas wirklich komisch ist.»

Ab jetzt besuchen die Schwestern ihre Mutter wöchentlich.

900 Kilometer hin und zurück, bis zu zehn Kilometer Stau vor dem Gotthardtunnel. Trotz der Strapazen fehlen Denise und Tania in zehn Jahren kein einziges Mal in der Arbeit.

Sie merken, wie viel die Mutter vergisst. Dass sie nicht mehr kochen kann, ihre Schlüssel verlegt. Dreimal pro Tag rufen sie an. Zur Sicherheit. Manchmal hängt die Mutter das Telefon nicht richtig auf. Dann kontaktieren Denise und Tania ihre Tante, die nebenan wohnt.

«Wir waren total gestresst, weil wir keine Lösung hatten. Und Mama war dann auch gestresst.» Denise seufzt. «Aber sie in die Schweiz zurückholen ging auch nicht. Das wäre Familiennachzug, der nicht mehr erwerbstätig ist. Da bürgst du mit 30'000 Franken, es ist ein kompliziertes Verfahren und es gibt keine Gewähr, dass derjenige in der Schweiz bleiben kann. Wir haben das probiert, dann aber aufgegeben, weil niemand hat uns wirklich geholfen hat.»

Dann die Diagnose: Alzheimer Demenz. Und die eine Frage: «Was jetzt?»

«In Italien ist das System Care Migration sehr etabliert», erklärt Denise. «Da zieht die Pflegeperson zum Betroffenen. Aber wo findest du so jemanden, wenn du nicht im Land bist?»

Glücklicherweise hilft diesmal der Zufall: Ein Bekannter der Tante war von einer privaten Pflegerin aus der Ukraine betreut worden.

Nach dem Tod des Vaters wird klar, wie vergesslich die Mutter wirklich ist.
Nach dem Tod des Vaters wird klar, wie vergesslich die Mutter wirklich ist. Bild privat

«Tamara hatte anfangs wenig Erfahrung mit Alzheimer. Aber sie hat sich informiert, macht vieles intuitiv und ist einfach genial!», sagt Denise. «Zu Beginn war das alles echte Vertrauenssache. Für sie, weil sie in eine neue Familie kam. Für uns, weil wir so weit weg lebten.»

Tamara wohnt jetzt mit der Mutter zusammen, pflegt und umsorgt sie. Der Umgang ist liebevoll und harmonisch. Das muss auch so sein, denn die Mutter ist zu hundert Prozent auf Hilfe angewiesen. Sie spricht kaum noch, kann nur noch gestützt gehen, isst nicht mehr selbständig.

Wie wertvoll Tamaras Unterstützung ist, zeigt sich sehr deutlich mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie.

«Wir waren in der Lombardei, als das Virus dort ausgebrochen ist. Bei der Heimfahrt zurück in die Schweiz haben meine Schwester und ich im Auto noch überlegt, ob wir unsere Mutter und Tamara hätten mitnehmen sollen. Aber wir haben eher rumgeblödelt. Niemand wusste, wie schlimm es werden würde.»

Zurück in der Schweiz erfahren die beiden, dass sie nicht mehr nach Italien reisen können.

Die Grenzen sind zu. Lockdown.

Es geistern Berichte durch die Medien. Von katastrophalen Zuständen in Spitälern und Altenheimen. Von Pflegenden, die fluchtartig in ihre Heimatländer zurückkehren. Tamara bleibt.

«Für sie war das nie ein Thema, dass sie heimgeht. Sie hat immer gesagt: Bleibt in der Schweiz, wir haben alles im Griff. Das war für uns eine gewaltige Entlastung!»

Tamaras Ausgleich: der Garten und Katze Lia.
Tamaras Ausgleich: der Garten und Katze Lia. Bild privat

Denn die Angst, das Virus einzuschleppen, reist mit.

Natürlich ist das schlechte Gewissen trotzdem da. Man will ja unterstützen, für die Mutter und auch Tamara da sein.

Immerhin hat die Ukrainerin einen Ausgleich: Sie hat viele Freunde im Dorf und den Garten, den sie liebt.

Drei Monate lang dürfen Denise und Tania nicht nach Italien einreisen.

Als die Grenzen dann wieder offen sind, beginnt die Zeit des täglichen, mitunter stündlichen Nachrichtenlesens: Darf man ein- und wieder ausreisen? Welche Quarantäneregelungen gelten? Welche Dokumente und Tests sind nötig?

«Du musst dich ständig informieren. Denn die Bussen sind heftig: ab 400 Euro aufwärts».

Zwei Erleichterungen gibt es immerhin: Italien lässt die Grenze für familiäre Notfälle offen und die Schweiz streicht Grenzregionen von der Quarantäneliste.

Denise nimmt die Beistandsurkunde mit, ihre Schwester ein offizielles Papier, auf dem die Hilfsbedürftigkeit der Mutter dargelegt wird. Alles, um zu beweisen, dass sie pflegende Angehörige sind und ihre Einreise eine Notwendigkeit.

«An der Grenze wirst du entweder als Grenzgänger oder Tourist wahrgenommen», ärgert sich Denise.

«Aber wir sind keine Touristen! Wir gehen nicht ins Restaurant oder shoppen. Wenn man einkaufen geht, dann weil die betreute Person etwas braucht.»

Sie wünscht sich eine Ausnahmeregelung für pflegende Angehörige, die durch Migration von ihren Familienmitgliedern getrennt sind. Erleichterte Einreise- und Quarantänebedingungen.

Demenz-Beraterin Petra Wieschalla über Entlastungsstrategien:

Alzheimer und wir

Gute Tipps für Elternkümmerer

Damit ist sie nicht allein. Eine politisch engagierte Facebook-Gruppe hat über das Konsulat nach Rom geschrieben und ein entsprechendes Gesetz gefordert. Doch das Problem ist, dass die Situation pflegender Migrantinnen und Migranten kaum beachtet wird.

«Als sich die Liebenden in Konstanz am Grenzzaun trafen, gab das eine Protestwelle: ‹Von Gitter zu Gitter›. Das hat mich eigentlich wütend gemacht, denn wir haben kein ‹Von Gitter zu Gitter›».

«Pflegende Angehörige aus Migrantenfamilien haben keine Lobby. Niemand ist für sie da, weder in der Schweiz noch in Italien.»

Das erhöht die ohnehin grosse Belastung weiter: «Du bist auf dich alleingestellt. Wir investieren Zeit, Ferien, Geld, das Emotionale – und es heisst: Arrangiert euch!».

Kein Vergnügungen: Die wöchentlichen Fahrten zur Mutter kosten Zeit, Geld und Nerven.
Kein Vergnügungen: Die wöchentlichen Fahrten zur Mutter kosten Zeit, Geld und Nerven. Bild privat

Für pflegende Angehörige in der Schweiz gibt es gute Regelungen. Auch in Italien werden Angehörige unterstützt, sei das durch Anlaufstellen, Angebote oder indirekte finanzielle Hilfe.

Doch wer grenzüberschreitend pflegt, für den sieht sich weder das eine noch das andere Land zuständig.

Denise fühlt sich im Stich gelassen: «Da komme ich mit 900 Kilometern Fahrspesen und kann nichts abziehen!»

Auch das Auto, das sie in der Steuererklärung als Auslage aufführt, wird jedes Jahr aufs Neue wieder rausgestrichen.

Zu solchen Ärgernissen kommt das lombardische Chaos hinzu.

Wer sich innerhalb der Region bewegt, darf dies nur mit «Autocertificazione» tun. Das Dokument dazu wird laufend überarbeitet.

«Eigentlich bräuchte man einen Drucker im Auto», scherzt Denise.

Und dann die lokalen Krankenhäuser. Chaotisch, ineffizient, nicht vorbereitet für Menschen mit Alzheimer. Dass die Mutter wegen irgendetwas ins Krankenhaus muss, davor graut es den Töchtern.

Deshalb wartet Denise sehnsüchtig darauf, dass ihre Mutter endlich einen Impftermin bekommt. Der ist überfällig.

Dabei hat sich Tania schon im Januar um einen Termin bemüht. Erst beim Arzt, dann in der Apotheke. Doch die Schwestern wollen ihrer hochfragilen, schwer dementen Mutter eine Reise in ein Covid-Krankenhaus ersparen und lieber eine Impfung zuhause. Die einfachste Lösung wäre natürlich der Dorfarzt, doch der nimmt nicht am «Impf-Pool» teil.

Es sind unhaltbare Zustände in der Region, die sich die beste Italiens rühmt. «‹Dell'eccellenza› – vergiss es! In anderen Ländern sind schon ganze Dörfer durchimpft». Denise ist enttäuscht, dass alles so langsam geht – und auf Kosten der schwächsten.

Impfen? Darauf warten die Dorfbewohner:innen schon lange.
Impfen? Darauf warten die Dorfbewohner:innen schon lange. Bild privat

Als sich nach vielem Hin und Her nichts tut, schreibt Tania an den Staatssekretär in Rom.

«Und plötzlich kam der Hausarzt auf Besuch, der seit vier Jahren nicht mehr da war. Und meine Schwester bekam von der lombardischen Gesundheitsdirektion die Antwort, dass man jetzt Hausimpfungen organisiere.» Eine kurze Pause. «Seither warten wir immer noch.»

Letzter Stand der Dinge ist, dass die Mutter diese oder nächste Woche geimpft werden soll. Denises Arbeitgeber ist kulant: Sie kann jederzeit freinehmen, um sofort nach Italien zu fahren. Denn als Beistand muss sie zwingend vor Ort sein, via Zoom dazuschalten geht nicht – selbst, wenn sie krank wäre.

«Die Mühlen der Bürokratie», seufzt Denise.

Was sie sich denn am meisten wünsche, frage ich sie.

«Dass es eine Möglichkeit gäbe, meine Mutter in die Schweiz zu holen. Klar, das ist teuer, aber man müsste in solchen Fällen doch etwas tun können. Ich bin länger Schweizerin als Italienerin. Und ich wünsche mir, dass pflegende Migrantenkinder von den schweizerischen Behörden Hilfe erhalten.»

Immer aus der Distanz Entscheidungen treffen, immer pendeln zwischen zwei Ländern, die solche Situationen nicht auf dem Radar haben.

Ohne die Unterstützung von Tamara wäre das nicht möglich.

Als sich unser Gespräch dem Ende neigt, erklingt ein Signalton. Denise greift zu ihrem Handy, sieht aufs Display.

«Morgen um Zehn», sagt sie.

«Die Impfung?», frage ich.

Denise schmunzelt und nickt. «Und mein Auto ist in der Garage zum Reifenwechseln.»

Also rasch in die Garage, kurz zuhause vorbeifahren und dann ab nach Italien. Fünf Stunden Fahrt. Wenn sie sich beeilt, kommt sie vor der Ausgangssperre um 22 Uhr im Heimatdorf in der Lombardei an.

Das Interview wurde Anfang Mai geführt.

erschienen: 04.06.2021