Hilfe am Telefon

«Bei mir ist es einfach nur still»

«Alterseinsamkeit ist ein Tabuthema», sagt Elke Schilling. «Die Einsamkeit alter Menschen bleibt häufig unbemerkt, selbst Nachbarn bekommen davon oft nichts mit.»
«Alterseinsamkeit ist ein Tabuthema», sagt Elke Schilling. «Die Einsamkeit alter Menschen bleibt häufig unbemerkt, selbst Nachbarn bekommen davon oft nichts mit.» Bild Paul Schärf, Silbernetz.

Wer alt und einsam ist, kann die Hotline Silbernetz anrufen. Und findet dort immer einen Gesprächspartner, der zuhört. In Zeiten von Corona gibt es mehr Anrufe denn je.

Von Franziska Wolffheim

Es begann mit einem Krimi von Minette Walters. Elke Schilling, Initiatorin von Silbernetz, las das Buch der britischen Autorin. Was sie besonders neugierig machte: In dem Krimi wird eine Gesprächs-Hotline für alte, einsame Menschen erwähnt.

Darauf erkundigte sie sich bei der Autorin, ob es so ein Netzwerk in Großbritannien tatsächlich gibt. Walters antwortete schnell und erzählte der Deutschen von der «Silver Line». Elke Schilling zögerte nicht lange: Im Frühjahr 2014 flog sie nach London, um weiter zu recherchieren. Danach beschloss die Rentnerin, selbst eine solche Hotline auf die Beine zu stellen.

Im September 2018 ging Silbernetz an den Start, Spenden und eine Förderung durch die Berliner Lotto-Stiftung halfen. Am Anfang waren es fünf, heute sind es 15 Angestellte, die im Berliner Büro arbeiten. Mehr als 16'000 Gespräche haben sie bereits geführt, immer von morgens um acht bis 22 Uhr, der Anruf ist kostenlos. Die Menschen, die anrufen, bleiben anonym, keiner muss seine Identität preisgeben.

Sie erzählen von ihren Sorgenschleifen im Kopf, von ihren Ängsten. Und von ihrer Einsamkeit, für manchen ein ständiger Begleiter, rund um die Uhr. Die sich ins Leben einschleicht und die nicht nur zermürbend, sondern auch gefährlich ist, weil sie krank machen kann. Manche, so Schilling, rufen an, um einfach mal die eigene Stimme zu hören.

Ein 78-jähriger Mann sagt: «Bei mir ist es einfach nur still. In den letzten beiden Wochen habe ich mit keinem einzigen Menschen gesprochen.»

Ein anderer klagt: «Mir fehlt einfach jemand zum Reden. Dafür hat ja heute niemand mehr Zeit. Alles muss immer schnell gehen, ob im Laden, in der Apotheke, beim Arzt. Immer heißt es: keine Zeit, keine Zeit.»

«Alterseinsamkeit ist ein Tabuthema», weiß Elke Schilling. «Die Einsamkeit alter Menschen bleibt häufig unbemerkt, selbst Nachbarn bekommen davon oft nichts mit.» Sie selbst hat da eine traurige Erfahrung gemacht: Ihr Nachbar, mit dem sie in einem Berliner Mietshaus Wand an Wand wohnte, zog sich immer mehr zurück.

Elke Schilling kam nicht an ihn heran, ihre Angebote, ihm zu helfen, schlug er aus. Eines Tages wurde ihr Nachbar tot in seiner Wohnung aufgefunden. «Für mich war das ein Schock, ein echter Atemverschläger», sagt die 75-Jährige. Auch diese Erfahrung trug dazu bei, dass sie die Hotline ins Leben rief.

Seit Corona ist die Zahl der Anrufer deutlich gestiegen, auch Männer rufen häufiger an als sonst.

Viele Senioren leiden darunter, dass sie jetzt nicht das machen können, was ihnen sonst Halt gegeben, Freude bereitet hat: Freunde im Café treffen, in den Literaturzirkel, ins Theater gehen. «Wenn man Glück hat, ruft die Familie einmal am Tag an. Aber was macht man mit den restlichen 23 Stunden?», fragt Elke Schilling.

Zudem gibt es durch Corona ein größeres Auskunftsbedürfnis: Stimmt es, dass ich jetzt beim Einkaufen eine Maske aufsetzen muss? Dass ich immun bin, wenn ich Corona einmal hatte? Bei Fachfragen verweisen Elke Schilling und ihr Team auf die Nummern spezialisierter Info-Hotlines.

→ Hier gehts zu den Anlaufstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Auch wenn Menschen in akuten psychischen Notlagen sind, weist Silbernetz auf professionelle Stellen hin, die Telefonseelsorge etwa. «Wir sind keine Therapeuten, erteilen keine Ratschläge, sondern hören einfach zu», so Schilling.

«Wir geben höchstens Anregungen in Form von Fragen. Wenn eine alte Dame Probleme mit ihrem Enkel hat, sagen wir zum Beispiel: ,Wäre es für Sie vorstellbar, mal ein Wochenende mit ihm zu verreisen?’ Wir müssen mit unseren Anrufern immer respektvoll, auf Augenhöhe sprechen, auch wenn sie manchmal nerven oder nicht mehr ganz bei sich sind.»

Wie reagieren Silbernetz-Mitarbeiter, wenn Anrufer drohen, sich umzubringen? «Das kommt relativ selten vor. Manche sagen: ,Ich würde schon gern Schluss machen, aber ich weiß nicht, wie.’ Wir fragen dann nach, was es denn Schönes gab in seinem oder ihrem Leben, wofür es sich zu leben lohnt. Damit wollen wir die Ressourcen stärken. Wir können und wollen den Anrufern die Verantwortung für ihr Leben nicht abnehmen.»

Männer und Frauen unterscheiden sich in ihren Sorgen nicht wesentlich, so die Silbernetz-Gründerin. Aber sie unterscheiden sich in der Art, wie sie über ihre Sorgen sprechen. Männer beschweren sich eher als Frauen – über die Pflegeleitung im Heim, über das stets wechselnde Personal in der ambulanten Pflege oder die Politik im Allgemeinen.

Frauen sprechen mehr über ihre Gefühle, geben zu, dass sie unter etwas leiden. Die Männer suchen gern nach einem Schuldigen.

Vor kurzem hat Elke Schilling mit einer alten Dame gesprochen, die sehr unglücklich ist: Ihr Sohn ist im vergangenen Dezember gestorben. Sie wohnt in einer kleinen Stadt in Süddeutschland, hat zwei Freundinnen, aber möchte sie nicht ständig mit ihrer Trauer behelligen.

«Sie findet sich im Tränensack, aber will sich auch vor anderen Leuten im Ort mit ihrem Kummer nicht nackig machen», so Elke Schilling. Sie hat der alten Dame angeboten, einen Silbernetz-Freund oder eine -Freundin für sie zu finden.

Silbernetz-Freunde? Das sind Ehrenamtliche, die regelmäßig bei «ihrem» alten Menschen anrufen, zu festen, vereinbarten Terminen, normalerweise im Wochen-Rhythmus ­– ein kleines Highlight für die Senioren. Diese Telefonfreundschaften haben sich, sagt Schilling, sehr bewährt.

Silbernetz-Freunde bekommen für ihre Tätigkeit eine spezielle Gesprächsausbildung.

Die alte Dame, die ihren Sohn verloren hat, freut sich jetzt auf ihre Silbernetz-Freundschaft. Die, wenn es gut geht, über Jahre halten kann. In Zukunft möchte die Silbernetz-Gründerin gern auf einen 24-Stunden-Betrieb umstellen, damit die Hotline auch nachts erreichbar ist.

Noch fehlen allerdings zusätzliche Mitarbeiter. «Ich selbst schlafe sehr unregelmäßig. Nachts um drei wachsen mir die Probleme, die ich tagsüber wegschiebe, dann plötzlich über den Kopf. Ich lebe allein und kann meine Sorgen mit niemandem teilen», sagt die Rentnerin.

«Ich habe schon eine Vorstellung davon, wie es einem alten Menschen geht, der immer auf sich geworfen ist. Die Dunkelheit der Nacht kann den Nebel der Angst ungeheuer groß machen.»

Elke Schilling, die temperamentvoll wirkt und viel lacht, hat viele Jahre in der Datenverarbeitung und Statistik gearbeitet. Einige Jahre war die gebürtige Leipzigerin Staatssekretärin für Frauenpolitik, danach selbständige Beraterin in Verwaltungen und Wohlfahrtsorganisationen. Auch in der Telefonseelsorge hat die Mutter von zwei Töchtern und Großmutter mehrerer Enkel gearbeitet.

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Ihre Arbeit für das Silbertelefon empfindet sie als sehr befriedigend, von den Anrufern bekommt sie häufig positive Rückmeldungen. Reden bedeutet Entlastung, man kann etwas abgeben von dem, was die Seele verdunkelt. Die alte Dame, die ihren Sohn verloren hat, war nach dem Gespräch mit Elke Schilling etwas in Sorge, dass sie ihr nun «all ihren Kummer hingeschüttet» hat.

Doch Schilling konnte die Anruferin beruhigen: «Sie schütten Ihren Kummer nicht hin, sondern legen ihn zwischen uns, und wir gucken zusammen hin.» Das fand die alte Dame dann in Ordnung.

Doch nicht alle, die anrufen und reden wollen, sind in ihrem Kummer, ihren Sorgenschleifen gefangen. Manche haben auch «einen weisen Fatalismus», meint die Silbernetz-Gründerin. «Diese Menschen sagen: Ich habe mein Leben gelebt, und wenn es jetzt zu Ende ist, dann ist es gut so.»

Telefonische Gesprächsdienste im deutschen Sprachraum

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  • Plaudernetz. Telefon: 05 1776 100. Täglich 12-20 Uhr. www.fuereinand.at.

erschienen: 07.05.2020

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