Beratung

«Angebote gibt es viele, die Finanzierung ist das Problem»

Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen sollten sich so früh wie möglich beraten lassen.
Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen sollten sich so früh wie möglich beraten lassen. Bild PD

Finanzielle Unterstützung beantragen, Betreuungssettings koordinieren, die Vermittlung von Entlastung und vieles mehr: Die Zugehende Demenzberatung im Kanton Aargau begleitet betroffene Familien.

Von Judith Bucher

Alzheimer Aargau schuf vor sieben Jahren die Zugehende Demenzberatung. Seit 2017 managt Pro Senectute Aargau diesen Service und wird von Alzheimer Aargau fachlich unterstützt. Aktuell begleiten drei Beraterinnen im ganzen Kantonsgebiet Familien, die von einer Demenzerkrankung betroffen sind.

Ein Gespräch mit Julia Kiefer, Zugehende Demenzberatung, Liliane Moser, Sozialberatung, und Xaver Wittmer, Fachverantwortlicher Sozialberatung über Entlastungsangebote, Kosten und die Vorsorge in Familien mit Demenzbetroffenen.

Die Zugehende Demenzberatung unterstützt betroffene Familien, damit das familiäre Hilfsnetz für eine Betreuung zu Hause möglichst lange fun­ktio­niert. Wie kommen die Beratungen zustande?

Julia Kiefer: Die Menschen werden durch die Spitex oder einen Arzt zugewiesen. Sie melden sich aber auch selber. Beispielsweise eine erwachsene Tochter, die sich fragt: «Ist unsere Mutter temporär verwirrt oder eventuell an einer Demenz erkrankt?».

Julia Kiefer.
Julia Kiefer. Bild PD

Ich berate Ehepaare, bei denen der eine Ehepartner gerade eben die Diagnose Demenz erhalten hat und die abschätzen wollen, was auf sie zukommt.

Aber ich begleite auch Demenzkranke und deren Angehörige, bei denen die Erkrankung schon weit fortgeschritten ist.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Betroffene gemässIhrer Einschätzung Unterstützung beiziehen sollten?

Julia Kiefer: Ich erlebe häufig Situationen, in denen sich die Angehörigen erst dann melden, wenn sie erschöpft sind. Deshalb sage ich: Je früher, desto besser.

Die 24-Stunden-Betreuung ist anstrengend, das unterschätzen viele Angehörige zu Beginn der Erkrankung und rutschen ungewollt in eine Situation hinein, wo sie überfordert sind und kaum mehr die Energie haben, eine Entlastung zu suchen.

Worin besteht Ihre Aufgabe?

Julia Kiefer: Meine Rolle ist es, zuzuhören und die Angehörigen in ihrem Alltag mit der erkrankten Person zu begleiten. Wenn Fragen zu Finanzen bestehen, vermittle ich den Kontakt zu einer Beratungsstelle.

Ich biete Unterstützung beim Ausfüllen einer Anmeldung für die Hilflosenentschädigung oder mache einen Anruf bei der Krankenkasse.

Und ich berate die Angehörigen bei der Koordination des Betreuungssettings. Da sind ja einige involviert: die Spitex, eine Hausärztin, weitere Familienangehörige, vielleicht auch Nachbarn oder Freiwillige des Rotkreuz-Entlastungsdienstes.

Sie sprechen die Entlastungsangebote an. Wo haben die Angehörigen am meisten Bedarf?

Xaver Wittmer: Angebote gibt es viele, die Finanzierung ist das Problem. Entlastungsangebote für Betreuung oder Hauswirtschaft zahlen die Familien selber.

Die meisten Haushalte können es sich leisten, die Angehörigen einen Tag pro Woche in ein Tageszentrum zu bringen. Sobald mehr Betreuung nötig ist, wird es finanziell rasch eng.

Entsprechend gibt es Haushalte, die sich die Unterstützung leisten können, und andere, die dies nicht vermögen.

Gibt es Situationen, wo Sie sagen, jetzt geht es zu Hause nicht mehr?

Julia Kiefer: Entscheidend ist aus meiner Sicht, wie das individuelle Umfeld der erkrankten Person aussieht und auf wie viele Schultern die Betreuung verteilt ist.

Ich begleite ein Paar, wo der Ehemann mit einem Mini-Mental-Testwert von unter zehn Punkten, also mit einer schweren Demenz, nach wie vor zu Hause lebt.

Liliane Moser.
Liliane Moser. Bild PD

Man muss aber klar sehen: Wir können mit der Zugehenden Beratung den Eintritt in ein stationäres Pflegesetting um plus minus ein Jahr aufschieben, verhindern können auch wir ihn nicht.

Ich sage den Angehörigen darum immer, dass es wichtig ist, einen Plan B zu haben.

Liliane Moser: Der richtige Zeitpunkt für den Heimeintritt ist ein wichtiges Thema in unseren Gesprächsgruppen für Angehörige von Demenzkranken.

Bei Ehepaaren, die seit 40 Jahren verheiratet sind, ist die Wertvorstellung, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein, eine ungeheuer wichtige Maxime, die auch Kraft gibt.

Zu hören, wie andere den Eintritt des Partners in eine Pflegeabteilung für Demenzkranke handhaben oder wie sie mit Schuldgefühlen umgehen, wenn sie die Ehefrau einen Tag in der Woche in ein Tagesheim bringen, bewirkt häufiger ein Umdenken, als wenn ich als Sozialarbeiterin aus einer externen Perspektive interveniere.

Demenzkrank zu sein, bedeutet früher oder später auch den Verlust der Urteilsfähigkeit. Wie gehen die Familien damit um? Was muss geregelt werden?

Liliane Moser: Seit das neue Erwachsenenschutzgesetz 2013 in Kraft getreten ist, kann jede erwachsene Person mit dem Vorsorgeauftrag handschriftlich festlegen, wer im Falle der eigenen Urteilsunfähigkeit die Zahlungen macht und wer einen bei rechtlichen Angelegenheiten vertreten soll. Dazu gehören auch Rechtsgeschäfte wie der Verkauf einer Liegenschaft.

Im Vorsorgeauftrag sollte ausdrücklich geschrieben stehen, dass die Vertretungsperson einen Hausverkauf vornehmen darf, sonst muss die KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde) eingeschaltet werden. Pro Senectute bietet hierzu mit dem DOCUPASS ein umfangreiches Vorsorgedossier, Schulungen und auch Beratungen an.

Xaver Wittmer.
Xaver Wittmer. Bild PD

Xaver Wittmer: Die KESB handelt in solchen Situationen aus einer Schutzperspektive heraus, was gemäss meiner Wahrnehmung und langjährigen Praxis als Sozialarbeiter sinnvoll ist.

Finanzieller Missbrauch im privaten Umfeld kommt gemäss einer aktuellen Erhebung von Pro Senectute bei jedem zehnten Senior über 85 vor.

Ich habe einen Fall erlebt, in dem ein Notar den Vorsorgeauftrag einer Person verurkundet hat, welche das Dokument im Stadium einer fortgeschrittenen Demenz erstellt hatte und kurz danach als urteilsunfähig eingestuft wurde.

In solchen Momenten stelle ich mir natürlich die Frage, ob der Vorsorgeauftrag tatsächlich den mutmasslichen Willen des betroffenen Menschen widerspiegelt.

Julia Kiefer: Betroffene können je nach Tagesform und Verlauf der Krankheit durchaus noch Entscheide treffen. Demenz ist jedoch eine fortschreitende Erkrankung. Ich erlebe, dass die Umgebung spätestens dann reagiert, wenn jemand den Geldwert nicht mehr einschätzen kann, was eigentlich zu spät ist.

Auch hier betone ich in den Beratungen deshalb immer wieder, wie wichtig es ist, möglichst frühzeitig das Umfeld, wie beispielsweise die Hausbank, zu informieren und sich als Familie mit einem Vorsorgeauftrag oder allenfalls einer zusätzlichen Vollmacht für die Bank abzusichern.

erschienen: 29.04.2019

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