Interview mit einer Sexualassistentin

«Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis»

Die Sexualassistentin Nina de Vries zählt Menschen mit Demenz oder Behinderungen zu ihren Klienten. Die sogenannte Berührerin offenbart im Gespräch viel Feingefühl für die Betroffenen und deren Umfeld.

Von Martin Mühlegg

alzheimer.ch: Frau de Vries, was genau tun Sie, wenn Sie Menschen mit Demenz besuchen?

Nina de Vries: Ich tue das, was ich bei allen meinen Klienten tue: Ich nehme sie als Mensch wahr. Mit ihrer Geschichte, ihrem Charakter und ihrer momentanen Lebensstimmung. Bei Menschen mit Demenz validiere ich ihre Wahrnehmungswelt und  bestehe nicht auf „die Realität“. Ich kann als Sexualassistentin ganz direkt und körperlich ein Gefühl von Akzeptanz kreiieren, in dem ich authentisch und behutsam bin. Dies wird meist als eine Wonne erlebt, weil dem Besuch oft eine Zeit von versuchten Annäherungen und Ablehnungen vorausgegangen ist.

Menschen mit Demenz können nicht selbst eine Sexualassistentin engagieren. Auf welche Weise sollen solche Entscheidungen getroffen werden?

Hilfreich ist es, wenn sich alle Beteiligten klar machen, dass die Lebensqualität des Bewohners im Mittelpunkt steht. Institutionen sollten einen klar formulierten Leitfaden erstellen, wie sie mit Sexualität umgehen. Die Mitarbeiter sollten die Möglichkeit haben, an sexualpädagogischen Fortbildungen teilzunehmen. Dort können sie sich ihren eigenen Normen und Werten bewusst werden und sie kritisch betrachten. Und sie können den Umgang mit Angehörigen, Grenzüberschreitungen usw. lernen. Diese passive Sexualassistenz ist unumgänglich, wenn man es in einen pflegerischen Rahmen mit Menschen zu tun hat, weil Sexualität ein menschliches Grundbedürfnis ist.

Es dürfte viele Kinder oder Ehepartner eines Menschen mit Demenz überfordern, eine solche Entscheidung zu treffen... 

Die Angehörigen brauchen die Unterstützung der Institution. Viele Menschen assozieren bezahlte sexuelle Dienstleistungen mit einem Ausnutzen der Bedürfnisse eines anderen, in diesem Fall sind es ziemlich hilflose Menschen. Wenn die Angehörigen erfahren, dass es seriöse Angebote gibt, sind sie erleichtert.

«Nach meiner Erfahrung können gerade Ehefrauen in dieser Beziehung sehr pragmatisch sein.»

Weckt eine Sexualassistentin bei Menschen wie Karl Berger schlafende Hunde? (Das Fallbeispiel zu Karl Berger finden Sie hier)

Karl Bergers Hunde schlafen ja nicht. Er ist sehr aktiv, und weil er nicht richtig masturbieren kann, braucht er dabei eine Assistenz. Ich habe in all den Jahren, in der ich diese Arbeit ausübe, noch nicht erlebt, dass jemand danach „ausser Rand und Band“ geraten ist. Es geschieht eigentlich immer das Gegenteil: Die Klienten werden ruhiger und zufriedener.

Bald kommt eine Generation in die Heime, die einen offenen Umgang mit Sexualität hatte. Wird es dann in den Altersheimen mehr Sexualassistentinnen brauchen?

Das könnte passieren. Es kann aber auch sein, dass diese Menschen genug Sexualität gelebt haben und das Thema nun ohne Reue auf die Seite legen können. Ich denke aber, dass das Wissen darüber, dass es Menschen gibt, die sexuelle Dienste mit Freude und Bewusstsein anbieten können, sich verbreiten wird. Damit mindern sich vielleicht auch die Ängste und Vorurteile.

Woran erkennt man die seriösen Angebote?

Wichtig ist, das die Anbietenden ein Bewusstsein haben für ihre eigenen Grenzen und nicht unter dem Helfersyndrom leiden. Dies kann man über die jeweilige Website und in einem persönlichen Gespräch meistens herausfinden.

www.ninadevries.com

 

Videointerview: Sexualassistenz in der Praxis

Am 24. Februar 2016 veranstaltete das Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) der Universität Witten (D) zum vierten Mal den Newsletter-Day. Das Thema: Sexualität einen Raum geben. Stephanie Klee spricht im Video über ihre Erfahrungen als Sexualassistentin.

Am 24. Februar 2016 veranstaltete das Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) zum vierten Mal den Newsletter-Day. Das Thema: Sexualität einen Raum geben. Srephanie Klee spricht über ihre Erfahrungen als Sexualassistentin. Dialog und Kompetenzzentrum Demenz, Universität Witten Herdecke (D)

 

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an das Dialog- und Kompetenzzentrum Demenz der Universität Witten Herdecke (D), namentlich Detlef Rüsing und Marcus Klug, für die Möglichkeit, die Blogbeiträge ihrer Website an dieser Stelle weiter zu verbreiten. (Redaktion alzheimer.ch)

erschienen: 21.04.2016

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