Kinder und Jugendliche

Die unbekannten Opfer der Demenz

«Ich will nichts mehr von der Krankheit des Vaters hören.»
«Ich will nichts mehr von der Krankheit des Vaters hören.» Bild PD

Kinder und Jugendliche trifft die Demenzerkrankung eines Elternteils besonders schwer. Sie bekommen kaum mehr Raum, weil in der Familie alles dem Kranken untergeordnet wird.

Von Michael Schmieder

«Deinem Vater geht es schlecht», sagt die Mutter. «Er wird bald sterben.» Der Sohn dreht die Lautstärke auf Spotify hoch und antwortet bei dröhnenden Kopfhörern: «Lass mich in Ruhe. Ich will davon nichts mehr hören.»

Um die Reaktion des Jugendlichen zu verstehen, muss man wissen, was er bereits erlebt hat: Der Vater zeigte sehr früh, mit 50 Jahren, Symptome einer Demenz und hat die Arbeit verloren.

Von da an ist er Tag für Tag, Woche für Woche zu Hause. Wenn er etwas nicht mehr kann, ist die Mutter zur Stelle. Er wird aggressiv. Die Mutter opfert sich auf, arbeitet, pflegt den Vater und versucht, so gut es eben geht, die Kinder zu erziehen.

Die Kinder mögen nicht mehr Verständnis haben für den Vater.

Der ältere Sohn zieht zur Freundin. Der jüngere zieht sich zurück hinter seine Kopfhörer und verweigert die Kommunikation. Erst als die Situation vollends eskaliert, wird der Vater als Notfall in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und kommt von dort in die Sonnweid.

Kaum Angebote

Angehörige wie diese Jugendlichen werden nicht erfasst von den bestehenden Beratungssystemen. Die Fachleute können sich ihnen erst nähern, wenn es schon zu spät ist. Wenn mit dem Vater oder der Mutter auch ein Teil von den Kindern gestorben ist.

Tragödien spielen sich in vielen Familien ab, in denen ein Elternteil früh an Demenz erkrankt. Zum Beispiel bei einer 13-Jährigen, die die Pflege ihrer demenzkranken Mutter übernimmt, weil angeblich kein Geld da ist. Das Mädchen wechselt den Urinsack, muss intime Pflege ausführen.

Ein weiterer Fall betrifft einen Jugendlichen, dessen Mutter erkrankt ist. Er bricht die Lehre ab und versteckt sich unter seinem Bett. Nur wenn er allein ist und nicht vom Läuten der Türglocke gestört wird, traut er sich ins Wohnzimmer. Dann sucht er wieder den Schutz seines Bettes. Niemand unterbricht diese fatale Dynamik, niemand hat die Kompetenz, die Situation zu verändern.

Den Gefühlen Worte geben

In der Sonnweid versuchen wir, über den gesunden Elternteil Hilfe zu vermitteln. Die Mitarbeitenden versuchen, jugendliche Angehörige, die den Kontakt zum kranken Elternteil abgebrochen haben, zu einem Besuch zu bewegen.

Ziel eines Gespräches ist es, ihnen Verständnis entgegen zu bringen und ihren Gefühlen Worte zu geben. Die Sonnweid sucht auch nach dem Tod des Elternteils Kontakt zu den jugendlichen Angehörigen. Im Fall des jungen Mannes unter dem Bett mit Erfolg: Mit Hilfe eines Psychologen fand er ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter einen Weg aus seiner Traurigkeit.

Fazit: Diese Kinder und Jugendlichen brauchen in einem sehr frühen Stadium der Krankheit Hilfe. Ob sie das wollen oder nicht. Ein 13-Jähriger ist nämlich noch nicht in der Lage, dies selbst zu entscheiden. Alle Entscheide, die das kranke Elternteil betreffen, sollen auch das Wohl des Kindes mit einbeziehen. Die Eltern sollen, solange der Kranke noch dazu im Stande ist, mit ihren Kindern den weiteren Weg besprechen.

erschienen: 30.01.2018

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