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Es ist auch eine Krankheit des Umfelds

«Hier oben ist alles hohl!»
«Hier oben ist alles hohl!» Bild Uli Reinhardt

Unser Alltag ist kompliziert geworden. Manchmal überfordert er selbst die intelligentesten Menschen. Wer Geld abheben, Zug fahren oder sich in der virtuellen Welt bewegen will, muss sich viele Abläufe und Passwörter merken. Neue Geräte mit immer mehr Knöpfen und Optionen verkomplizieren unseren Haushalt. Beim Einkaufen stehen wir manchmal wie der Esel am Berg – nur weil das Münz für den Einkaufswagen oder das Parkhaus-Ticket fehlt. Für Menschen mit eingeschränkter Hirnleistung enden in diesem Umfeld schon kleine Vorhaben im Fiasko. 

«Hier oben ist alles hohl», sagte mir einst ein Mann mit einer Demenz und tippte mit dem Zeigfinger an die Stirn. «Es tut aber nicht weh. Schlimm ist es wohl vor allem für die anderen.» Tatsächlich: Allzu oft erleben wir, wie begleitende Gesunde vom Verhalten dieser Menschen überfordert sind und sie zu Recht weisen. «Das hab ich dir schon hundertmal gesagt» oder «das musst du so und nicht so machen» sind Sätze, die sich Menschen mit Demenz immer wieder anhören müssen. Für die Betroffenen ist dies frustrierend und traurig. 

Als Mitmenschen ist es unsere Aufgabe, diesen unfreiwilligen Anarchisten Schutz und Zuwendung zu geben. Nur so können sie in Würde ihren Weg gehen und werden nicht ständig mit ihren Defiziten konfrontiert. Dies gelingt uns, indem wir geeignete Räume schaffen und Menschen mit Demenz mit Empathie und Wohlwollen begleiten. 

Damit tun wir nicht nur ihnen einen Gefallen. Menschen mit Demenz lehren uns nämlich, nicht alles durch die Brille der Rationalität zu sehen. Sie lehren uns auch, die Fünf mal gerade stehen zu lassen und toleranter zu sein.

erschienen: 13.05.2016

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