Kolumne

Wofür braucht Mutter eine Puppe?

Wer sich beschweren will, weil die alte Mutter plötzlich eine Puppe mit ins Bett nimmt, wünscht sich womöglich schlicht die frühere Person zurück. Oder aber er fragt sich, ob man sie im Pflegeheim zu Unrecht wie ein Kind behandelt.
Wer sich beschweren will, weil die alte Mutter plötzlich eine Puppe mit ins Bett nimmt, wünscht sich womöglich schlicht die frühere Person zurück. Oder aber er fragt sich, ob man sie im Pflegeheim zu Unrecht wie ein Kind behandelt. Bild Mara Truog

Wenn ich meine Mutter im Pflegeheim besuche, hält sie manchmal eine Puppe im Arm. Offenbar nimmt sie diese auch mit ins Bett. Ich finde das völlig unpassend. Meine Mutter ist doch eine erwachsene Frau, warum gibt man ihr Kinderspielzeug? Soll ich etwas sagen, damit man ihr die Puppe wegnimmt?

Von Nina Streeck

«Die Greise sind noch einmal so kindisch wie die Kinder», hielt der Dichter Aristophanes im 5. Jahrhundert v. Chr. in seiner Komödie Die Wolken fest. Deswegen könne man sie auch so behandeln – und aus erzieherischen Gründen verprügeln, wenn sie unartig seien, behauptet eine der Hauptfiguren des Theaterstücks.

Das hohe Lebensalter als eine Rückkehr in die Kindheit zu betrachten, hat mithin eine lange Tradition. Wer heutzutage die Zeitung aufschlägt, findet dieses Bild ebenfalls, oft auch in Artikeln über Demenz:

Als die Krankheit, die dazu führt, dass «die Betroffenen irgendwann hilflos wie die Kinder sind und ebenso naiv erscheinen», charakterisiert etwa die deutsche Tageszeitung Die Welt die Demenz.

Weil das Kurzzeitgedächtnis schwindet, leben die Leute in der Vergangenheit, heisst es bisweilen. Warum ihnen also nicht Spielzeug in die Hand drücken?

Üblich ist es allemal, diese Menschen mit Dingen zu beschäftigen, die wir sonst für Kinder vorsehen: In Pflegeheimen gibt es Kuscheltiere, Kinderlieder schallen aus dem Lautsprecher, der Samichlaus bringt Guetsli, die Pflegende spricht in Babysprache mit dem Bewohner und in der Aktivierungstherapie bemalen die Leute Tannenzapfen oder basteln Bleistiftständer aus Klopapierrollen.

Hersteller von Medizinprodukten entwickeln eine ganze Schar von Therapiepuppen eigens für Menschen mit Demenz, die angeblich eindrucksvolle Wirkung entfalten:

Sie vermitteln ein «Gefühl von Geborgenheit», lassen eine «wunderbare Beziehung zu der Puppe» entstehen und geben den Menschen eine Aufgabe, denn «die Kinder wollen und müssen gut versorgt werden», so steht es etwa auf der Website der Firma Pri-Medical.

Und das soll einen nicht irritieren?

Wenngleich die Werbetexte verstören mögen, transportieren sie letztlich nichts anderes als das gängige Argument, das stets ertönt, wenn man Menschen mit Demenz Sonderbehandlungen angedeihen lässt: Es dient ihrem Wohlbefinden. Sich um eine Puppe zu kümmern, bereitet einigen offenkundig Freude.

Dafür findet sich auch ein berühmtes Beispiel, nämlich der deutsche Intellektuelle Walter Jens, 2013 nach rund zehn Jahren Krankheit verstorben.

Sein Sohn Tilman schildert in dem Buch Demenz. Abschied von meinem Vater dessen letzte Lebensjahre. Ganz am Schluss spricht er vom Spielzeug, den Malbüchern, der bunten Kinderknete und der Babypuppe – und davon, dass sich der Vater wohlfühlt.

Lesen Sie Nina Streecks Beitrag über das Lachen: Darf man das?

Darf ich das?

Durch das Lachen entblössen wir uns selbst

Solange jemandem also die Kindersachen nützen, spricht nichts dagegen? Vor allem, wenn er oder sie selbst zur Puppe oder zum Stofftier greift? Sollten wir unsere Vorstellungen von Normalität nicht besser abstreifen, statt vom Kranken zu verlangen, er müsse weiterhin Philosophiebücher lesen oder politische Diskussionen führen?

Doch hier wird es vertrackt. Unweigerlich assoziieren wir Puppen, Stofftiere und «Det äne am Bärgli» mit der Kindheit.

Das Wohlbefinden lässt sich, wie es scheint, ohne Infantilisierung nicht haben.

Und offenbar stimmt es ja: Menschen mit Demenz kehren in die Kindheit zurück, sonst erfreuten sie sich wohl kaum am Spielzeug.

Wer so denkt, vergisst allerdings, dass ein alter Mann, eine alte Frau ein langes Leben hinter sich haben. Selbst wenn sie Spielsachen in die Hand nehmen, stehen sie an einem anderen Punkt in ihrer Geschichte als ein Vierjähriger. Sie sind keine Kinder.

Doch muss, wer ihnen Kinderlieder vorsingt oder ein Stofftier reicht, sie unausweichlich als solche ansehen? Und sie auch sonst wie Kinder behandeln? Sie bevormunden? Ihnen vom Weihnachtsmann erzählen?

Die Gefahr besteht jedenfalls, Studien bestätigen das. Können Menschen mit Demenz nicht mehr wie früher an einem Gespräch teilnehmen, werden sie beispielsweise eher ignoriert und ausgeschlossen.

Zwischen Stigma und Anerkennung als Erwachsener, so scheint es, verläuft ein schmaler Grat. Wo fängt die unangebrachte Infantilisierung an?

Sind Kinderlieder in Ordnung, Babysprache aber nicht? Und warum? – Lässt sich die Frage überhaupt auf diese Weise beantworten?

Wer sich beschweren will, weil die alte Mutter plötzlich eine Puppe mit ins Bett nimmt, wünscht sich womöglich schlicht die frühere Person zurück. Oder aber er fragt sich, ob man sie im Pflegeheim zu Unrecht wie ein Kind behandelt.

Doch lässt sich das an der Puppe festmachen? Mitnichten – sondern daran, ob wir wissen, wen wir vor uns haben: kein Kind.

Podcast: Das Entschwinden des Walter Jens

erschienen: 03.01.2020

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